Die Rote Maschine: 75 Jahre sowjetisches Eishockey

Am 22. Dezember 1946 begann die erste sowjetische Meisterschaft im Eishockey. 75 Jahre später blickt der Sport in Russland auf eine große Vergangenheit zurück. Woher kommt der Mythos und wie steht es um ihn?

Russland gegen Kanada beim Channel One Cup in Moskau, Dezember 2021.
Wie in alten Zeiten? Die russische Mannschaft in UdSSR-Trikots. (Sergej Gunejew/ RIA Novosti)

Nahe der Metrostation Awtosawodskaja im Moskauer Süden liegen Gegenwart und Geschichte des russischen Eishockeys nah beieinander. Dort steht eines der modernsten Stadien des Landes, die ZSKA-Arena, in welcher der gleichnamige Klub seine Heimspiele austrägt. Direkt gegenüber liegt ein unauffälligerer Bau: die russische Hockey Hall of Fame. Ein Denkmal für die erfolgreiche Vergangenheit des Sports, die eng mit der sowje­tischen Geschichte verwoben ist und bis heute Stoff für Legenden bietet.

Später Start

Dabei war Eishockey in der Sowjetunion ein echter Spätzünder. Während die Nordamerikanische Hockeyliga (NHL) schon 1917 gegründet wurde, gab es im heutigen Russland lange nur vereinzelt ausgetragene Spiele. Eine deutsche Arbeitermannschaft, die 1932 zu Besuch war, brachte den Stein ins Rollen. Ein Freundschaftsspiel gegen sowjetische Spieler aus dem Bandy, einer Art Feldhockey auf Eis, verhalf dem Eishockey erstmals zu nennenswerter Aufmerksamkeit. Doch bis zu einem organisierten Spielbetrieb sollte es noch eine Weile dauern.

Was es dazu brauchte, war politische Motivation. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die sowje­tische Regierung das Renommee des Landes steigern. Dazu waren Erfolge im Sport gewünscht, vor allem bei den Olympischen Spielen. Doch das weit verbreitete Bandy war dort nicht vertreten.

Schneller Aufstieg

Also wurde umgeschult. Ehemalige Bandy-Profis bevölkerten nun die frisch gegründeten Eishockey-Abteilungen von Sportvereinigungen wie Spartak, Dynamo, oder ZSKA. Die ersten offiziellen Spiele wurden am 22. Dezember 1946 in Moskau, Leningrad, Riga, Kaunas und Archangelsk ausgetragen. Einen Monat später war Dynamo Moskau erster sowjetischer Meister.

Von hier an ging es steil in Richtung Spitze. 1954 gewann die Sowjetunion bei ihrer ersten Weltmeisterschaft überhaupt sofort den Titel. Nur zwei Jahre später folgte der größtmögliche Erfolg. Mit sieben Siegen aus sieben Spielen verwies man die bislang dominanten Kanadier in die Schranken und gewann olympisches Gold. Eine neue Ära der Dominanz begann: Von 1956 bis 1988 siegte die Sowjet­union sieben Mal bei Olympia.

Die Siegerehrung des olympischen Eishockeyturniers 1968 in Grenoble
Die Sowjetunion obenauf bei Olympia 1968 in Grenoble (Juri Somow/ RIA Novosti (2))

Amateure per Formalie

Doch über den enormen Erfolgen des Staatssports lag lange ein Wermutstropfen. Bis 1988 waren bei Olympia nämlich keine Profisportler zugelassen, weshalb die USA und Kanada ohne ihre stärksten Spieler antreten mussten. Die sowjetische Mannschaft entging dieser Regelung durch eine Formalie. Zwar waren ihre Nationalspieler faktisch Profis, die von ihrem Sport lebten. Doch offiziell beschäftigt waren sie bei der Armee oder bei staatlichen Firmen. „Ich wurde vom Soldaten zum Leutnant, ohne je etwas bei der Armee getan zu haben“, meinte einmal der legendäre Angreifer Boris Michailow.

Vor allem die entthronten Kanadier fassten diesen Umstand als Affront auf, boykottierten sogar zwei Mal die Olympischen Spiele. Doch auch auf sowjetischer Seite war der Wunsch groß, sich endlich mit deren bestmöglicher Mannschaft zu messen, denn die NHL-Stars galten als die stärksten Spieler der Welt. So kam es 1972 zu einem legendären Showdown mit politischer Brisanz: der Summit Series, bei der die Teams beider Länder jeweils vier Spiele in Kanada und Moskau austrugen.

Duell der Giganten

Das Turnier fiel in eine Zeit relativer Entspannung im Verhältnis zwischen UdSSR und den westlichen Staaten. 1970 unterzeichneten die Sowjetunion und die USA beispielsweise einen Atomwaffensperrvertrag. Auch vom Eishockey erhoffte man sich eine Verbesserung der Beziehungen, wie etwa der kanadische Historiker John Soares schreibt. Doch die symbolpolitische Bedeutung des Kräftemessens während des Kalten Krieges war trotzdem immens. Paul Henderson, Siegtorschütze der Kanadier im entscheidenden Spiel, erinnerte sich 2002: „Wir hatten Angst. Das waren die Leute, die in Ungarn und der Tschechoslowakei einmarschiert waren. […] Das war eine Konfrontation ihres und unseres politischen Systems, ein Kampf zwischen Freiheit und Totalitarismus.“

In dieser politischen Stimmung war ein Sieg für die Kanadier sowohl Pflicht als auch erwartetes Resultat. Doch schon das erste Spiel in Montreal zeigte klar, dass die sowjetischen Spieler ihnen in nichts nachstanden. Die Nordamerikaner wurden im eigenen Stadion mit 7:3 regelrecht abgefertigt, hatten vor allem dem technischen Niveau ihrer Gegner wenig entgegenzusetzen. Tatsächlich räumten sogar die Kanadier selbst ein, nur durch exzessive Härte eine Chance gegen die Sowjets gehabt zu haben.

Torraumszene aus Spiel 1 der Summit Series zwischen Russland und Kanada, Montreal 1972
Brisantes Gipfeltreffen: Russland gegen Kanada 1972 in Montreal

Zwar setzten sich die Favoriten aus Kanada am Ende im entscheidenden achten Spiel in Moskau durch. Doch deren angebliche Dominanz war widerlegt. Von nun an galt das sowjetische Eishockey auch international als mindestens ebenbürtig. Moralisch und symbolisch ging die Sowjetunion als Sieger hervor.

Verblasster Ruhm?

Vom Mythos der sowjetischen Übermannschaften zehrt das russische Eishockey noch heute. Zum Jubiläum wird die „Rote Maschine“, wie das Nationalteam genannt wurde, mit Ausstellungen geehrt, der Moskauer Verein Spartak feiert den Jahrestag mit einem Retro-Spiel in der historischen Luschniki-Arena und Verbandschef Wladislaw Tretjak beschwört in der Staatsduma die pa­triotische Bedeutung des Sports. Besonders stark war die Nostalgie eben in der ZSKA-Arena zu spüren, als die russische Mannschaft Mitte Dezember auf die Kanadier traf und in UdSSR-Trikots auflief.

Doch wie viel ist übrig vom alten Ruhm? Der Zerfall der Sowjetunion traf auch die Nationalmannschaft hart. Wirtschaftliche Instabilität machte die Arbeit schwer, sodass es nach dem WM-Titel 1993 ganze 15 Jahre dauerte, bis dieser Erfolg wiederholt werden konnte. Zwar bringt das russische Eishockey nach wie vor absolute Weltstars hervor, die heute vor allem in Nordamerika spielen. Angreifer Alexander Owetschkin könnte sich gar zum besten NHL-Torschützen aller Zeiten krönen. Doch mannschaftlich hat man in den letzten Jahren oft den Eindruck, auch Nationen wie Schweden oder Finnland seien den Russen voraus.

Entsprechend hoch war die Vorfreude auf einen echten Gradmesser wie 1972, den man sich von den Olympischen Spielen in Peking erhoffte. Dort sollten nämlich auch die Profis aus der nordamerikanischen NHL teilnehmen. Doch aufgrund der pandemischen Lage gilt es mittlerweile als sehr unwahrscheinlich, dass die Liga ihre Spieler tatsächlich abstellen wird. So hat Russland zwar gute Chancen, seinen Olympiatitel von 2018, als NHL-Spieler ebenfalls fernblieben, zu verteidigen. Doch wo die „Rote Maschine“ heute wirklich steht, wird sich auch nach diesem Turnier kaum sagen lassen.

Thomas Fritz Maier

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