Pioniere auf Eis: Bandy ist zurück in Deutschland

Die Sportart war lange komplett aus Deutschland verschwunden. Dank einer russischen Sportlerfamilie zählt das deutsche Nationalteam heute trotzdem wieder zu den acht besten der Welt.

Die deutsche Bandy-Nationalmannschaft verteidigt eine Ecke bei der WM 2016 im russischen Uljanowsk.
Mit vollem Einsatz zum Aufstieg: die deutsche Mannschaft bei der WM 2016 in Uljanowsk (Dmitrij Prichodko)

Wer im Winter aus Deutschland nach Russland reist, kommt mitunter mit einer ungewöhnlichen Sportart in Berührung. Bandy, das in Russland auch „russisches Hockey“ oder „Hockey mit Ball“ genannt wird, ist für Uneingeweihte ein besonderer Anblick. Bei dem Spiel stehen sich auf einer etwa fußballfeldgroßen Eisfläche meist unter freiem Himmel zwei Mannschaften mit je elf Spielern gegenüber. Der Ablauf erinnert stark an Feldhockey. Ein kleiner, meistens schrill gefärbter Ball soll in das gegnerische Tor befördert werden. Vollkontakt wie beim Eishockey ist nicht vorgesehen. Das Ganze findet oft bei extremen Temperaturen statt. Wenn die Saison in der höchsten russischen Spielklasse, der Superliga, läuft, sind vor allem in den Hochburgen des Sports wie Irkutsk oder Chabarowsk minus 30 Grad keine Seltenheit.

Logisch also, dass Bandy in Deutschland nicht zu den bekannteren Sportarten zählt. Zwar wurde dort bereits im späten 19. Jahrhundert eine der ersten Ligen weltweit gegründet. Doch mit dem Bau von kleineren Eishallen lief Eishockey, das weniger anfällig für die oft milden Winter war, dem Sport den Rang ab. Dass es nun zu einem unerwarteten Comeback kommt, liegt vor allem am Engagement einer russischen Sportlerfamilie.

Von Krasnogorsk nach Frankfurt

Der Mitbegründer des Deutschen Bandy Bundes, Evgeniy Epifanov, konnte gar nicht anders als von Kindesbeinen an in den Sport hineinzuwachsen. Sein Vater Alexander stand selbst 23 Jahre als Profi auf dem Eis, die meisten davon für Zorky aus Krasnogorsk bei Moskau. Mit dem Team wurde er zwei Mal Meister, 1993 mit dem Nationalteam Vizeweltmeister.

Bis zum Alter von 17 Jahren spielte auch Evgeniy für Zorky. Als jungen Erwachsenen zog es ihn dann aber nach Deutschland. 2007 kam er zum Auslandssemester nach Wiesbaden, später studierte er ganz in Frankfurt und blieb dort bis heute wohnen. Doch nach Bandy, das es in Deutschland zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gab, sehnte er sich sehr.

Neubeginn mit vielen Russlanddeutschen

Als Ersatz spielte er Eishockey. Ein Glücksfall, denn bei einem Spiel seiner Mannschaft fiel ihm 2013 ein gegnerischer Spieler auf, der sich ganz anders als seine Teamkollegen bewegte. „Ich habe sofort gemerkt, dass seine Lauftechnik nicht vom Eishockey, sondern vom Bandy kommt“, erzählt Evgeniy im Gespräch mit der MDZ. „Ich habe ihn danach gefragt und er hat mir direkt auf Russisch mit ja geantwortet.“

Sein erster Kontakt war einer von vielen Russlanddeutschen, die in den 1990er Jahren nach Deutschland gekommen waren und Erfahrung im Bandy hatten. Zum Teil sogar als Profi. Doch nach der Ankunft begannen viele von ihnen, Eishockey zu spielen, weil es für ihren Sport keine Infrastruktur gab.

Kompetenz in der Familie

Evgeniy begann, Kontakte mit früheren Bandyspielern aus Russland zu knüpfen und unter seinen Mitarbeitern und Eishockey-Kollegen für eine gemeinsame Mannschaft zu werben. Spieler fanden sich schnell, auch unter Deutschen ohne russischen Hintergrund. Und so gründete man noch im selben Jahr den Deutschen Bandy Bund. Hilfe kam unter anderem aus Russland: Der dortige Verband schickte Equipment, das in Deutschland nicht zu finden war.

Bei der Trainersuche musste man sich glücklicherweise nicht lange umsehen. Evgeniys Vater Alexander arbeitet bereits seit 2001 voll als Trainer, zuletzt beim rus­sischen Erstligisten Ak Bars-Dynamo Kasan. Seit 2014 trainiert er nun auch das deutsche Nationalteam, indem er aus Russland Trainingspläne schickt. Bei Turnieren übernimmt er dann selbst die Vorbereitung und steht an der Seitenlinie.

Start mit Schockpotential

Sobald der Anfang gemacht war, ging alles verblüffend schnell. Noch bevor überhaupt Vereinswettbewerbe ausgetragen wurden, nahm die Nationalmannschaft 2014 im schweizerischen Davos an ihrem ersten internationalen Wettbewerb teil. Kein leichter Start für die Spieler, denn in Deutschland gibt es kein einziges Großfeld für Bandy. In Trainings spielte man deshalb die abgewandelte Form Rink-Bandy, für die eine kleine Eisfläche ausreicht. Die Umstellung fiel entsprechend schwer. „Wir waren wie Kinder“, erinnert sich Coach Alexander Epifanov im Interview mit der MDZ. „Das Niveau war überschaubar, aber alle hatten einen riesigen Enthusiasmus.“

Bandytrainer Alexander Epifanov bei einem Heimspiel seines damaligen Klubs Ak Bars-Dinamo Kasan.
Nationaltrainer Alexander Epifanov (r.) erwartet höchste Professionalität von seinem Team. (Ak Bars-Dinamo Kasan)

Im selben Jahr folgte dann das erste richtige Großereignis: die Weltmeisterschaft in Irkutsk, bei der man damals noch in der zweitklassigen Gruppe B startete. Für die Mannschaft hielt der Wettbewerb Schockpotential bereit. Nicht nur musste man sich mit erfahreneren Teams messen, auch die Gegebenheiten vor Ort waren für viele komplett neu. Nur einige wenige Spieler hatten schon einmal bei minus 27 Grad gespielt, wie es ihnen nun bevorstand.

Disziplin und Teamgeist

Gerade deshalb forderte Coach Epifanov hohe Professionalität von den Hobbysportlern. „Mein Vater zählt auch in Russland zu den sehr strengen Coaches. Er setzt auf Disziplin und Zusammenarbeit im Team. Die Jungs haben das eingehalten“, berichtet Evgeniy. Als Alexander sich im Gespräch daran erinnert, lacht er voller Zuneigung für seine Schützlinge. Teufelskerle seien das alle, keiner hätte sich beschwert, wenn er frühmorgens bei Eiseskälte mit dem Training beginnen musste.

Obwohl die erste WM nicht mit sportlichem Erfolg endete, der Grundstein war gelegt. In der Folge richtete der Verband mehrmals einen deutschen Rink-Bandy Cup aus, an dem Teams zum Beispiel aus Wiesbaden, Mainz oder Frankfurt teilnahmen. Außerdem begann man mit der Jugendarbeit und stieß bei jungen Eishockeyspielern auf viel Begeisterung für den neuen Sport. 2018 nahm eine niederländisch-deutsche Jugendmannschaft sogar erstmals an einem internationalen Turnier in Krasnogorsk teil.

Sensation in Uljanowsk

Der bisherige Höhepunkt fiel aber auf das Jahr 2016. Bei der Weltmeisterschaft in Uljanowsk gelang sensationell der Aufstieg in Gruppe A. Nur drei Jahre, nachdem Evgeniy in Deutschland die ersten Spieler um sich geschart hatte, setzte man sich in einem hart umkämpften Halbfinale gegen die Ukraine durch. Das Finale gegen Ungarn war dann fast schon eine Ehrenrunde. „Da war absoluter Glaube daran, dass wir gewinnen würden“, meint Alexander Epifanov. Das Selbstbewusstsein war berechtigt. Deutschland setzte sich mit 5:4 durch und darf seitdem in Gruppe A antreten, gemeinsam mit großen Bandy-Nationen wie Schweden oder Russland.

Wie die Zukunft aussieht, bleibt abzuwarten. Nach den deutschen Erfolgen der 2010er Jahre hat die Pandemie auch Bandy erwischt. Seit 2019 wurde keine Weltmeisterschaft mehr ausgetragen. Ob die für März geplante WM in Syktywkar stattfinden wird, ist ebenfalls noch unklar. Doch die deutsche Mannschaft ist hoch motiviert. In den letzten Jahren rückten vielversprechende junge Spieler nach, die hohes Potential mitbringen. Bleibt nur zu hoffen, dass sie dieses bald auf Top-Niveau zeigen können.

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail:

    2 Responses to “Pioniere auf Eis: Bandy ist zurück in Deutschland”
    1. Schiggyhunter30 Antworten

      Geile Schlangen !!

    2. Okeygorandom https://www.google.com/ Antworten

      Smart Communications

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.