Die Metropole von unten: Auf Tour mit Moskaus Diggern

Oberirdisch ist Moskau voller Leben und an Sightseeing-Touren herrscht kein Mangel. Doch nur einige Meter unter diesem Gewusel herrscht Stille. Dort erstreckt sich ein riesiges Netzwerk aus Hunderten von Tunneln. Wer dieses andere Moskau erleben will, tut das am besten mit einem Digger. Die MDZ hat sich mit einem von ihnen auf Tour begeben.

Digger

Der Fluss Neglinnaja ist ein Paradies für Digger. © подземный-гид.рф

Hier unten ist es stockfinster. Um unsere Knöchel herum plätschert der unterirdische Fluss Neglinnaja. Angestrengt versuchen wir, etwas zu erkennen in der Dunkelheit, welche unsere Kopflampen hier im über 200 Jahre alten Wasserkanal nicht mehr durchdringen. „Nur zu, vorm Sterben muss man sich nicht fürchten“, scherzt Nikita Dubas, der unsere Exkursion entlang der Neglinnaja leitet.

Dubas ist ein professioneller Digger („Gräber“), der das unterirdische Tunnelsystem von Moskau kennt wie seine eigene Westentasche. Denn beim Digging wird der städtische Untergrund auf eigene Faust erkundet. Die Frauen und Männer der Szene wandern durch Tunnel des Kanalisationssystems, kriechen Kabelgänge entlang und die Wagemutigsten unter ihnen dringen bis in die Tunnel der Moskauer Metro vor.

Vor gut zehn Jahren hat Dubas aus Langeweile begonnen, das unterirdische Moskau zu durchstreifen. Mittlerweile verdient er mit seinem Hobby Geld. Für 2500 Rubel (33,50 Euro) pro Person nimmt er Abenteuerlustige mit auf einen Spaziergang unter die Erde. Buchen kann man einfach auf der Homepage pzzd.ru.  Besondere Fähigkeiten brauchen die Interessierten für die Touren nicht: „Das Wichtigste ist, keine Angst zu haben.“

Für schwache Nerven sind die unterirdischen Spaziergänge in der Tat eine Herausforderung: Schon der Abstieg in die Tiefe durch einen geöffneten Kanaldeckel sorgt bei manchen Tourteilnehmern für leichtes Unbehagen. Skeptisch blicken sie auf das schwarze Loch, welches sich vor ihren Füßen auf einer kleinen, vereisten Fläche nahe des Katharinenparks nördlich des Stadtzentrums auftut.

Die Touren sind ungefährlich

Digger

Der unscheinbare Einstieg in Moskaus Unterwelt © Lena-Marie Euba

„Was machen Sie denn da?“, fragt eine Passantin entgeistert, als der erste Teilnehmer beginnt, den Schacht hinabzuklettern. Ungläubig mustert sie uns zwölf Frauen und Männer, welche sich um den Gully herum versammelt haben und einer nach dem anderen darin verschwinden. „Ist das denn nicht gefährlich?“ Dubas beruhigt sie. In der Regel passiere bei seinen Exkursionen nichts, wie er versichert. Gefährlich wird es in den Abwasserkanälen nur, wenn diese viel Wasser führen. So musste er im letzten Sommer einmal eine Tour abbrechen, weil es plötzlich unerwartet zu regnen begonnen hatte und der Wasserstrom infolgedessen stark anschwoll. Doch heute ist keine einzige Regenwolke am Himmel zu sehen.

Unten angekommen sehen sich alle erst einmal neugierig um. Die Lichtstrahlen der Stirnlampen huschen hektisch an den Tunnelwänden entlang. Es riecht nach modriger Erde und feuchten Wänden. Nachdem der Tourleiter den Kanaldeckel wieder über den Schacht gezogen hat, geht es auch gleich los. Im Entenmarsch watet unsere Gruppe die runde Abwasserröhre entlang, das Schmatzen der Gummistiefel vermischt sich mit dem Wassergeplätscher. Über unseren Köpfen liegen fünf Meter Beton und Erde. „Achtung, glatt!“, ruft der Vorderste seinem Hintermann zu, der die Information sogleich weitergibt. „Stein!“, erschallt es kurz darauf erneut.

Am Anfang fällt es schwer, nicht auf dem glitschigen Untergrund auszurutschen oder über den Schutt zu stolpern, der unsichtbar unter der Oberfläche des trüben Kanalwassers lauert. „Gleitet so, als ob ihr auf Schlittschuhen laufen würdet!“, rät Dubas. Kurz darauf erreichen wir einen besonders engen Tunnel. Bei der Vorstellung, sich auf allen Vieren durch das Rohr zwängen zu müssen, wird ein etwas älterer Teilnehmer sichtlich nervös. Erleichtert atmet er auf, als ihm bereits nach nur wenigen Metern durch ein Loch zurück in einen breiteren Tunnel geholfen wird.

Nach zwei Stunden sind alle erschöpft

Danach ist es Zeit für eine kurze Pause. An einer großen Kreuzung hält unser Tross an. Alte Straßenschilder und kaputte Gummistiefel schmücken die rauen Wände, in einer Ecke stapeln sich leere Dosen und Bierflaschen. „Hier veranstalten wir manchmal Digger-Partys“, beginnt Dubas zu erzählen. „Zu einer der größten, an der ich teilgenommen habe, kamen um die 70 Leute.“ Musik, Alkohol, Lasershow – es habe ihnen an nichts gemangelt, sagt er und grinst.

Nach dem kurzen Stopp geht es für unsere Gruppe zurück zum Einstiegsloch. Mittlerweile sind die Beine ein wenig schwer geworden, die Wanderung in Schlamm und Wasser geht auf die Oberschenkel. Zurück an der Oberfläche ziehen wir uns nach rund zwei Stunden ächzend die Gummigaloschen von den Füßen. Einer flucht: Der linke Turnschuh ist trotz Galosche mit Kanalwasser durchtränkt. Dennoch strahlt er. „Das war wirklich ein krasses Erlebnis!“ Ob er sich noch einmal in die Tiefen hinab wagen würde? Da muss er nicht lange überlegen: „Auf jeden Fall!“

Lena-Marie Euba

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