Die Geduldsprobe: Auswandern in Zeiten von Corona

Für viele Russlanddeutsche wurde das Coronavirus zur Geduldsprobe. Denn ihre Ausreisepläne nach Deutschland mussten erst einmal verschoben werden. Waren zunächst die Grenzen dicht, musste im Juni auch das Grenzdurchgangslager Friedland wegen Infektionen schließen. Mittlerweile hat sich die Situation wieder normalisiert.

Dmitrij und Ksenija kurz vor ihrer Abreise in Moskau (Foto: privat)

Am liebsten würde sie gleich morgen in ein Flugzeug steigen und nach Deutschland fliegen, um ein neues Leben anzufangen, sagt Ksenija Swistunowa im Gespräch mit der MDZ. Doch die 32-Jährige und ihr zwei Jahre jüngerer Mann Dmitrij müssen sich noch gedulden, bis sie endlich das Ausreisevisum bekommen. Das Ehepaar aus Anapa steht kurz davor, als anerkannte Spätaussiedler nach Deutschland auszureisen. 

Dabei ist Ksenija selbst Russin. Die deutschen Wurzeln hat sie quasi angeheiratet. Die Geschichte der Ausreise des Ehepaars beginnt wie so oft mit der Deportation der Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg. In Dmitrijs Fall war es die Großmutter, die anschließend in Kasachstan aufwuchs und nach dem Ende der Sowjetunion kurzzeitig in der tatarischen Großstadt Nabereschnyje Tschelny lebte. Dann ging es weiter nach Nürnberg. Großmutter, Tanten und Cousins – ein Großteil der Familie von Dmitrij ist in der Frankenmetropole zu Hause. 

Nach langem Zögern fiel der Entschluss zur Ausreise

Seit zehn oder zwölf Jahren versucht die Familie nun, Dmitrij nach Deutschland zu holen. Lange Zeit erfolglos. Weder er noch Ksenija wollten weg aus Anapa, wo sie aufgewachsen waren. Schließlich bietet der Badeort am Schwarzen Meer mit seinem mediterranen Klima und den ausgedehnten Stränden Lebensqualität. 2018 entschieden die beiden jedoch, dass es nicht mehr geht. Denn trotz Hochschulabschlüssen – Ksenija ist Fachfrau für Hafenlogistik und Dmitrij Ökonom – fanden sie keine vernünftig bezahlte Arbeit mehr. Und im Oktober erwartet das Paar auch noch sein erstes Kind. 

Als sie im Februar Post vom Bundesverwaltungsamt mit der Einreiseerlaubnis bekamen, war die Freude groß. Endlich konnte es losgehen. Doch kurz darauf schloss Russland wegen der Corona-Pandemie die Grenzen und die beiden saßen in Anapa fest. 

Unkoordinierte Ministerien verzögern Visa-Vergabe

Dabei hätten Ksenija und Dmitrij durchaus ausreisen können. Doch unterschiedliche Auslegungen der Reisebeschränkungen der Europäischen Union von Auswärtigem Amt und Bundesinnenministerium haben dazu geführt, dass zu Beginn der Pandemie keine Visa ausgestellt wurden, erklärte der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Bernd Fabritius der „Deutschen Welle“. Konkret ging es um die Frage, ab wann ein Spätaussiedler für die deutschen Behörden ein Deutscher ist.

Die langen Monate des Wartens hat das Ehepaar damit verbracht, alle geforderten Unterlagen zu besorgen, relativ stressfrei. Obwohl, wenn Ksenija an die Kosten denkt, gerät sie in Rage. Fast ein ganzes Monatsgehalt mussten sie dafür ausgeben. 30 000 Rubel  (350 Euro) waren es am Ende. Auch ein Grund auszureisen.  

Ansonsten blieb den beiden neben der Arbeit genug Zeit, ihr Deutsch zu verbessern beziehungsweise überhaupt zu lernen. Denn während in Dmitrijs Familie noch Deutsch gesprochen wurde, musste Ksenija bei null anfangen. Geradeso hat sie die niedrigste Stufe A1 geschafft. 

Doch allmählich ist ein Ende der Warterei in Sicht. Ende Juli war das Ehepaar in Moskau, um die Unterlagen beim Konsulat einzureichen. Ende August soll es losgehen. Nach Friedland. Nur drei Tage hofft Ksenija. Und dann weiter nach Nürnberg. 

Wohnunterkünfte in Friedland. Hier werden alle Spätaussiedler erst einmal einquartiert. (Foto: Landesaufnahmebehörde Niedersachsen)

Virus aus Russland und Kasachstan eingeschleppt

„Tor zur Freiheit“ wird das Grenzdurchgangslager Friedland in der Nähe von Göttingen auch gerne genannt. Der Beiname stammt noch aus einer anderen Zeit. Doch die Hoffnungen, die bereits seit der Eröffnung 1945 mit dem Lager verbunden sind, gibt es heute immer noch. Es ist die Hoffnung auf ein neues Leben in Deutschland. 

Das Ehepaar wird in Friedland seinen ersten Tag überhaupt in Deutschland verbringen. Nie zuvor waren sie in dem Land, aus dem Dmitrijs Vorfahren einst nach Russland auszogen. Das fehlende Geld war mal wieder Schuld. 

Lange war das Lager von der Corona-Pandemie verschont worden. Bis am 17. Juni der erste Infektionsfall auftrat. „Alles fing damit an, dass ein Kind Fieber hatte“, erinnert sich der Leiter Heinrich Hörnschemeyer im Telefongespräch mit der MDZ. Das Kind gehörte zu einer Gruppe Spätaussiedler aus Kasachstan. Mehr als jeder Dritte der Gruppe wurde anschließend auf das Virus getestet. Nur eine Woche später fielen bei „relativ vielen“ Neuankömmlingen aus Russland die Testergebnisse positiv aus. Ende Juni war die Zahl der Infizierten auf den Höchststand von 52 gestiegen, darunter auch mehrere Mitarbeiter. „Gott sei Dank gab es in allen Fällen nur leichte Verläufe“, sagt Hörnschemeyer. Niemand musste ins Krankenhaus. 

Spätaussiedler überrascht vom Virus

Dennoch mussten sich Mitarbeiter wie Spätaussiedler auf eine neue Situation einstellen. Einige der Neuankömmlinge ereilte wegen der Situation sogar ein schlechtes Gewissen. „Huch, das haben wir jetzt mitgebracht?“, sei so eine Reaktion gewesen, erzählt Hörnschemeyer.

Die Spätaussiedler seien recht diszipliniert. Das kenne er bereits von ihnen, erklärt Hörnschemeyer auf die Frage, ob es schwer gewesen sei, den Neuankömmlingen die Situation verständlich zu machen. Die neue Situation hieß Quarantäne. Statt wie üblich fünf Tage, mussten die Spätaussiedler nun bis zu vier Wochen in der Einrichtung verbringen. Darauf war fast niemand eingestellt. Auch die mehrfachen Tests stießen mitunter auf Unverständnis.

Doch nachdem den Spätaussiedlern der Ernst der Situation deutlich gemacht wurde, hielten sie sich an die Hygieneregeln. Manche haben sogar draußen Masken getragen, erinnert sich Hörnschemeyer. Diszipliniert eben. Ansonsten versuchten die Mitarbeiter des Lagers, den Spätaussiedlern die Quarantäne so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Mahlzeiten fielen etwas großzügiger aus, die Kinder bekamen Sachen zum Malen, Basteln und Spielen. Die Erwachsenen einen Einkaufsdienst und Kleidung vom Verein Friedlandhilfe.

Neue Transiteinrichtungen geschaffen 

Doch warum durften die Menschen aus Russland oder Kasachstan überhaupt mit dem Virus einreisen? Da verweist Hörnschemeyer auf das Bundesinnenministerium als zuständige Behörde. Das geriet dementsprechend in die Kritik, als die Infektionen bekannt wurden. Die Einreise der Spätaussiedler sei deutlich zu nachlässig organisiert worden, hieß es unter anderem. „Es kann nicht sein, dass Menschen aus Risikoländern ungetestet oder gar mit Krankheitssymptomen quer durch das Land nach Friedland reisen“, so die Göttinger Kreisrätin Marlies Dornieden gegenüber „ Die Welt“. 

In Friedland selbst schaffte man es, die Spätaussiedler gut einen Monat unter Quarantäne zu stellen. Bis man niemanden mehr aufnehmen konnte. Seitdem hat das Bundesinnenministerium Transiteinrichtungen in Duderstadt, in der Nähe des Frankfurter Flughafens, in Langenhagen bei Hannover und in Bad Kissingen in Bayern eingerichtet. Dort verbringen Spätaussiedler jetzt die zweiwöchige Quarantäne, bevor sie in das Lager nach Friedland kommen. Doch auch bei diesem Schritt bewies das Innenministerium kein glückliches Händchen.

So sorgte etwa das Quarantäne-Quartier in Duderstadt für teils heftige Kritik. Der Duderstädter Bürgermeister Thorsten Feike hatte sich im Vorfeld über die fehlende Informationspolitik des Bundesministeriums beklagt. Erst kurz vor dem Einzug der ersten Spätaussiedler hatte es dann doch noch Gespräche gegeben. Dennoch bleibe die Unsicherheit, was das für die Menschen in der Region bedeutet, schreibt die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“. Ein Ministeriumssprecher erklärte derselben Zeitung, dass Tests bereits bei der Ankunft am Frankfurter Flughafen in Vorbereitung seien. Ein Datum nannte er indes nicht. 

Die Lage in Friedland ist wieder stabil

Trotz weiterhin bestehender Corona-Maßnahmen hat sich die Lage in Friedland wieder normalisiert. Aktuell sind weniger als 100 der insgesamt 250 Plätze belegt. Essen gibt es nur ein Mal am Tag im Speisesaal. Ansonsten in der Unterkunft. Doch sonst dürfen sich die Menschen frei bewegen, erklärt Hörnschemeyer. 

Allerdings rechnet er aufgrund des Coronavirus in diesem Jahr mit deutlich weniger Neuankömmlingen.   In den vergangenen Jahren kamen jeweils um die 7000 Spätaussiedler in Friedland an. Mit dieser Größenordnung hatte Hörnschemeyer auch für 2020 gerechnet. Doch wegen der immer noch angespannten Lage in Ländern wie Russland und Kasachstan werden es wohl nur 2000 bis 3000 sein. 

Nürnberg und dann weiter? 

Wenn Ksenija und Dmitrij das Lager in Friedland hinter sich gelassen haben, kommt auf die beiden viel Arbeit zu. Diplome anerkennen lassen, so gut Deutsch lernen, dass sie auch arbeiten können und nicht zuletzt das Baby. Zumindest beim Nachwuchs kann die Verwandtschaft helfen, über diese Unterstützung ist Ksenija sehr froh. Ob sie langfristig in Nürnberg bleiben wollen, wissen die beiden nicht. Vielleicht zieht es sie wieder ans Meer. Allerdings nicht an das Schwarze Meer. Denn nach Russland werde sie sich nicht sehnen, meint Ksenija.  

Daniel Säwert

Lager Friedland

Das Grenzdurchgangslager Friedland wurde 1945 von der britischen Besatzungsmacht zur Betreuung von Evakuierten eingerichtet. 1950 kamen hier die ersten Aussiedler aus Polen an. Bis heute nimmt das Grenzdurchgangslager Friedland alle nach Deutschland einreisenden Spätaussiedler auf. Sie durchlaufen das Registrier- und Verteilverfahren, das vom Bundesverwaltungsamt durchgeführt wird, und werden einem Bundesland zugewiesen, in dem sie ihren ersten Wohnsitz nehmen. Auch Flüchtlinge werden immer wieder aufgenommen.

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