Die eingebildete Weltmacht

Es exportiert Waffen, entsendet weltweit Truppen und fordert eine Position auf Augenhöhe ein: Russland tritt als kraftstrotzender Global Player auf, an dem kein Weg vorbeiführt. Dass es hinter der Fassade oft anders aussieht, enthüllt nun das Buch eines früheren Russlandkorrespondeten.

Ein intimer Kenner Russlands: Manfred Quiring in den Moskauer Sperlingsbergen.(Foto: manfred-quiring.de)

Russland ist wieder da! Daran besteht für viele Deutsche kein Zweifel mehr. Ob die Aggression in der Ukraine, der Militäreinsatz in Syrien oder das Eingreifen in Libyen, Madagaskar, Zentralafrika, Kuba und Venezuela: Nach langen Jahren der Schwäche erscheint Russland wieder als machtvoller Global Player, der kompromisslos seine Interessen durchsetzt, internationale Verträge ignoriert und in allen wichtigen Fragen der Weltpolitik auf sein Mitspracherecht pocht.

Das neue russische Selbstbewusstsein

Doch wie viel Großmacht steckt wirklich in Russland? Kann Moskau seinen weitreichenden Ansprüchen gerecht werden? Und welche Folgen hat das für Europa und die internationalen Beziehungen? Mit diesen Fragen im Gepäck reiste Manfred Quiring im Sommer 2019 nach Moskau. In Gesprächen mit Journalisten, Politologen und kremlnahen Beobachtern wollte der langjährige Russlandkorrespondent, der bereits vor dem Zusammenbruch des Kommunismus aus Moskau berichtete, dem neuen russischen Selbstbewusstsein nachspüren.

Die Ergebnisse dieser Erkundungsfahrt sind nun in seinem Buch „Russland: Auferstehung einer Weltmacht?“ nachzulesen. Die Antwort auf die Titelfrage beantwortet Quiring mit einem klaren Jein. Zwar entspreche das erneute Großmachtstreben einem verbreiteten Bedürfnis weiter Teile der russischen Gesellschaft und Eliten, welche bereits Anfang der 1990er Jahre auf eine Wiedererlangung wichtiger militärischer und geopolitischer Positionen drangen. Damals kursierte unter Militärs und Diplomaten der Begriff der Peredyschka, der Atempause, erinnert sich Quiring. Nur mal kurz durchschnaufen, eine Erholungspause einlegen und schon sei man wieder da, habe es lange vor der Erzählung vom bösen Westen und seiner ablehnenden und aggressiven Politik geheißen.

In „Russland. Auferstehung einer Weltmacht“ untersucht Manfred Quiring das Großmachtstreben Moskaus. (Foto: christoph-links-verlag.de)

Die Kunst der Pokasucha

Doch hinter der demonstrativen Kraftmeierei des Kremls stecke allzu oft nur Pokasucha, legt Quiring in insgesamt zehn Kapiteln dar. Moskau tue nur so, in Wirklichkeit stehe der Koloss auf tönernen Füßen. So hemmten die kleptokratischen Grundlagen der Kremlherrschaft, ein System aus Geheimdiensten, Staatunternehmen, Putinbekannten und Offshore-Oasen, die ökonomische Entwicklung des Landes, räumen selbst kremlnahe Politologen ein. Versuche, die wirtschaftliche Rückständigkeit zu überwinden, trügen zumeist virtuellen Charakter. Allein 2019 sei das Bruttoinlandsprodukt des Konkurrenten USA mit 21,3 Trillionen Dollar 13-mal größer als das russische gewesen. Die Wirtschaft habe die traditionellen Plagen Korruption, Ineffizienz und Bürokratie nicht abstreifen können.

Und auch die weltweiten Muskelspielereien seien zumeist nur Bluff, legt Quiring dar. Hinter Moskaus expansivem Auftreten in Afrika, Lateinamerika und anderen Weltgegenden stehe kein langfristig durchdachter Masterplan. Russland nutze viel mehr clever die Freiräume, die durch das Zögern des Westens entstehen. Eine direkte Konfrontation mit China oder Amerika könne sich Moskau gar nicht leisten. Daher simuliere es mit Gesten wie dem demonstra­tiven Entsenden von Langstreckenbombern und Kriegsschiffen oder dem Präsentieren immer neuer Raketen und Wunderwaffen Omnipotenz. Auch hier gehe es aber nur um den Anschein, das Land habe die ökonomische Kraft verloren, diese Waffen auch in Massenproduktion herzustellen.

Das Ende der Kompromisse

Wie umgehen mit einem Russland, das sich im Krieg mit dem Westen sieht? Quiring empfiehlt den Europäern Gemeinsamkeit, Entschlossenheit und vor allem Illusionslosigkeit im Verhältnis zu Moskau. Die in Deutschland verbreitete Suche nach Kompromissen sei unter der derzeitigen russischen Regierung realitätsfern.

Manfred Quiring: Russland Auferstehung einer Weltmacht? Ch. Links Verlag, Berlin 2020, 240 Seiten, 20 Euro.

Birger Schütz

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