Begegnungszentren finden Zeit für Ideen

Mehr als 400 Begegnungsstätten für Russlanddeutsche gibt es im Land. Viele davon gehen auf Projekte im Rahmen des Programms der Bundesregierung zur Unterstützung der deutschen Minderheit in der Russischen Föderation zurück. Wie führen sie ihre Arbeit in der Zeit der Selbstisolation fort? Die MDZ hat nachgefragt.

Begegnungszentren finden in Zeiten von Corona neue Wege im Internet.
Neue Horizonte: Viele Aktivitäten wurden ins Internet verlagert, so wie der Fotokurs von Wasilina Warjucha. (Screenshot)

„Zeit zum Serien schauen? Bei uns sicher nicht. Es gibt eine Menge zu tun in unseren Begegnungsstätten“, sagt Elisaweta Graf, Direktorin für Entwicklung und methodische Begleitung des Kultur- und Geschäftszentrums „Deutsch-Russisches Haus Omsk“. Sie koordiniert die Arbeit Hunderter ethnokultureller Arbeitskreise in der Region Omsk.

„Unser Arbeitstag beginnt auf WhatsApp. Jeder berichtet, woran er am Vortag gearbeitet hat, ob es Probleme gab und was er heute vorhat“, sagt Elisaweta Graf. „Wenn jemand nicht weiß, womit er sich beschäftigen soll, bringe ich Ideen ein.“ Es gibt Großmütter, die stellen jeden Tag Videoclips ins Internet, die haben manchen jungen Leuten etwas voraus. Wir haben in dieser Zeit viel gelernt.“

Virtuelle Touren durchs Gebäude auf YouTube

Angesichts der langen Quarantäne mussten viele Arbeitsprozesse in aller Eile neu organisiert werden, nicht nur in Omsk. Das Coronavirus hat viele Begegnungsstätten für Russlanddeutsche dazu angespornt, die Online-Aktivitäten weiterzuentwickeln. Das Deutsch-russische Haus der Region Tomsk sendet zum Beispiel Live-Übertragungen von Begegnungen mit interessanten Persönlichkeiten auf dem sozialen Netzwerk Instagram.

Und besonders stolz ist man dort auch auf die virtuellen Touren durch die Kaufmannsvilla, in der sich das Zentrum befindet. Diese werden in deutscher und englischer Sprache auf der Videoplattform YouTube gezeigt.
Im Altaj wurde kurz vor Ostern auf dem sozialen Netzwerk Odnoklassniki der Wettbewerb „Geschichte im Ei“ für russlanddeutsche Familien durchgeführt.

Sogar Choreografie wird online trainiert

Das Informationsportal „RusDeutsch“ gibt regelmäßig Tipps, wie man die Zeit in der Selbstisolation zur ethnokulturellen Selbstentfaltung nutzen kann. Das Kultur- und Geschäftszentrum im Kaliningrader Gebiet aktualisiert mit mehreren Videos am Tag den Nachrichten-Feed auf dem sozialen Netzwerk VKontakte. Diese werden von Leitern und Mitgliedern der ethnokulturellen Clubs erstellt. „Da kommen gute Inhalte für unsere Website zusammen“, sagt Roman Gennich, Direktor des Kaliningrader Zentrums, „wenngleich uns natürlich die persönlichen Begegnungen fehlen.“

Alle Aktivitäten der russlanddeutschen Organisationen, bei denen das möglich ist, werden seit Ende März online durchgeführt. Das sind etwa die Treffen der ethnokulturellen Clubs, Mitgliederversammlungen von Jugendorganisationen, Proben von Gesangsgruppen und sogar choreografische Proben sowie die Vorbereitungen auf die Feiertage.

Bangen um bereits geplante Projekte

Das bedeutet, dass Tausende Menschen weiterhin ihren geliebten und spannenden Aktivitäten nachgehen können. Unter den Quarantänebedingungen mit Gleichgesinnten in Kontakt treten zu können, ist für sie Gold wert. Zudem konnten durch die neuen Technologien Hunderte Arbeitsplätze gerettet werden. Lehrkräfte sowie Leiter von Clubs, Arbeitskreisen und Verbänden, die an den Aktivitäten des Internationalen Verbands der Deutschen Kultur (IVDK) beteiligt sind, dürfen gerade jetzt ihren Arbeitsplatz nicht verlieren. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation ist das am Ende wohl noch wichtiger, als sich online auf einen Sprachtest vorzubereiten oder ein neues Rezept für Riwwelkuchen auszuprobieren.

Es mag seltsam erscheinen, doch die Quarantäne ist auch eine Zeit der Ideen für die Mitarbeiter der Begegnungszentren. „In der Hektik des Alltags bleibt manchmal einfach keine Zeit, über neue Projekte nachzudenken. Wir wärmen stets die alten wieder auf. Jetzt haben wir Zeit für neue Ideen“, sagt Elisaweta Graf. Sie und ihre Kollegen arbeiten gerade an Anträgen für das Projekt „Avantgarde der Russlanddeutschen“. Sie hofft auch, dass die Quarantäneregelungen wegen des Coronavirus’ bald aufgehoben werden. Dann könnten nämlich das Festival „Jahrmarkt der Talente“ und der historische Marathon „Die Arbeitsarmee – so war es“, den sie seit Monaten vorbereitet haben, noch vor Ende des Schuljahrs stattfinden.

Olga Silantjewa

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