„Mir Iskusstwa“: Kasse oder Kunst?

In einem kleinen Innenhof im Zentrum Moskaus hat sich ein ungewöhnliches Kino niedergelassen, das manche Cineasten als „Kraftort“ bezeichnen: "Mir Iskusstwa". Hier werden Filme nicht der Einspielergebnisse wegen gezeigt, sondern um der Kunst willen.

Regisseur Sergej Tjutin ist ein Multitalent (Quelle: Youtube perekrestki)

Die Cinemathek „Mir Iskusstwa“ (Kunstwelt) feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Es ist ein Projekt, das auch heute weiterhin Publikum anzieht, das geistige Nahrung sucht. Die Macher sind überzeugt, dass ein Film immer auch ein Anlass sein sollte, um über das Leben zu sprechen.

Die Zeitmaschine

Hier kann man Filme aus verschiedenen Epochen sehen, sie vergleichen und in einen bestimmten historischen Kontext eintauchen. Jede Woche gibt es im „Mir Iskusstwa“ Regie-Retrospektiven, die zeigen, wie die Schöpfer von Filmmeisterwerken in verschiedenen Phasen ihrer Karriere gearbeitet haben.

Vielfalt ist einer der Grundpfeiler des Kinos. Die Filme im Programm sind jeden Tag anders. „Wir haben uns entschieden, innerhalb einer Woche keinen Film zu wiederholen, und wir halten uns bis heute an diese Programmpolitik“, betont der Kinoleiter Sergej Tjutin.

Man liebt hier auch den deutschen Expressionismus. Auf dem Spielplan stehen so bekannte Werke wie „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang und „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) von Robert Wiene. Tjutin liebt das deutsche Kino nicht nur, er ist auch überzeugt, dass die gegenseitige kulturelle Bereicherung der beiden Völker der Schlüssel zum Erfolg sein sollte: „Wenn man die deutsche Ordnung im Kopf und die russische Kreativität plus Ressourcen zusammenbringt, kann etwas völlig Erstaunliches dabei herauskommen.“

Doch wenn die Programmpolitik des Kinos nicht ganz dem Geschmack des Publikums entspricht, können die Besucher bei der Gestaltung mitwirken. Für alle Interessierten bietet das „Mir Iskusstwa“ einen kostenpflichtigen Service für Filmwünsche an. Besonders beliebt ist er bei jungen Regisseuren, die die Premiere ihres eigenen Films veranstalten möchten. Dies ist ein bewährter Weg, um auf sich aufmerksam zu machen und Eindruck zu hinterlassen. So ist das Kino zu einem beliebten Ort für Liebeserklärungen geworden. Der Kinosaal war bereits Zeuge von 20 Heiratsanträgen, von denen 19 mit dem ersehnten „Ja“ endeten.

Vom Theater zum Film

Sergej Tjutin ist nicht nur Kinoleiter, sondern auch Filmregisseur, Leiter der Filmschule „Arteria Kino“ sowie Präsident des Gesamt­russischen Festivals „Artkino“. Tjutin, der im Juni dieses Jahres seinen 60. Geburtstag feierte, wurde in Podolsk in der Region Moskau geboren.

Zunächst schrieb sich der angehende Regisseur am Moskauer Energetischen Institut ein, wo eines der besten Studententheater der Hauptstadt beheimatet war. Hier erwachte seine Liebe zur Theaterkunst. Er schmiss das Studium hin und wechselte an das Schtschukin-Theaterinstitut, um Regie zu studieren. Nach dem Abschluss folgte die Hinwendung zum Film: Tjutin studierte an den Höheren Kursen für Drehbuchautoren und Regisseure bei Alexei German, einem Klassiker des russischen Kinos.

Die Technik entscheidet

Während seines Studiums bemerkte Tjutin, dass die russischen Kinos von ausländischen Filmen überschwemmt wurden. Für das einheimische Kino gab es schlichtweg keine Spielstätten. „Wir wussten, dass wir ins Leere hinein studierten, dass wir uns irgendwie überlegen mussten, wo unsere Filme überhaupt gezeigt werden sollten“, erinnert er sich. Doch ein glücklicher Zufall änderte alles.

Auf einer Fachmesse sah Sergej Tjutin das „Kino der Zukunft“ – so nannten die Aussteller einen damals technisch hochentwickelten Projektor mit hochauflösendem Bild und völliger Immersion. Dazu gab es einen Businessplan, anhand dessen jeder sein eigenes Kino eröffnen konnte. „Dort war alles, wie man so sagt, schlüsselfertig. Leinwand, Projektor, 5.1-Sound, Dolby und so weiter. Kurzum, alles“, erinnert sich der Regisseur.

So entstand das „Elektronische Kino ‚Mir Iskusstwa‘“. Es positionierte sich als Spielstätte für Inhalte abseits des Mainstreams, also für Filme, die man in anderen Kinos nicht sehen konnte. Es waren Dokumentarfilme, Kunstfilme und Werke von Preisträgern und Gewinnern von Filmfestivals. Da Tjutin selbst Regie studiert hatte, erhielt das Kino von Anfang an eine ausgeprägt regiebetonte Note.

25 Jahre Filmkunst

25 Jahre nach der Eröffnung – in diesem Jahr feiert die Cinemathek „Mir Iskusstwa“ sein Jubiläum – bleibt das Projekt seiner Linie treu. Mittwochs leitet der Regisseur Sergej Tjutin persönlich kostenlose Meisterklassen über die Kunst des Films.

Am Wochenende finden spannende Reihen wie „Kino durch die Augen von …“ statt, bei denen die Zuschauer Filme zusammen mit Filmkritikern schauen und diskutieren. Dieses Format regt zum tieferen Nachdenken über einen Film an und erlaubt es, ihn mit neuem Blick zu sehen, gestützt auf das Fachwissen eines Experten. In Moskau gibt es genug Spielstätten, wo man Mainstream-Kino schauen kann – kommerzielle Familienkomödien, Blockbuster und anderes für das Hauptstadtpublikum gewohntes Programm. Aber es muss auch eine Alternative geben. Und die gibt es zum

Maria Nikitina

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