Auf der Moskwa durch Moskau

Ein Stadtspaziergang bei Hitze kann ganz schön anstrengend sein, gerade wenn die Straßen überfüllt sind. Wer Lust hat, Moskau aus einer ungewohnten Perspektive zu erleben, sollte diesen Sommer eine der zahlreichen Schifffahrten auf der Moskwa machen.

Bitte lächeln: Die Christ-Erlöser-Kathedrale war das beliebteste Motiv für Fotos. © Thoya Urbach

„Schnell einsteigen!“, sagt die junge Offizierin mit strengem Blick zu mir und schiebt mich über den schmalen Steg auf das Schiff. „Schnell einsteigen, hören Sie mir eigentlich zu?“ Zügig gehe ich weiter und steige auf das Oberdeck des mittelgroßen Ausflugsschiffs am Anleger beim Kiewer Bahnhof.

Zwei Stunden lang wird das Schiff auf der Moskwa schippern – vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Während unter Deck Musik läuft und es Snacks und Getränke gibt, kann man sich oben sonnen – oder im Schatten Platz nehmen.

Langsam legen wir ab, zunächst geht es Richtung Süden. Mittlerweile haben alle Gäste Platz genommen, die meisten auf dem oberen Deck. Neben einigen Touristen machen hauptsächlich Einheimische die Fahrt mit: Familien, Paare und Freunde.

Nach einem ruhigen Start nimmt das Schiff Fahrt auf und in der Ferne erscheinen schon die Sperlingsberge und das Stadion Luschniki, Russlands größte Fußballarena. Nach zehn Minuten holen sich meine Sitznachbarinnen – zwei junge Frauen – einen Sekt aus dem Bistro. Den gibt es an Bord im 0,4-Literbecher. Im Laufe unseres Ausflugs werden sie noch zwei weitere Gläser trinken und sich regelmäßig nachschminken – für die Erinnerungsfotos.

Popcorn und Dosenbier

Kurz hinter der Metrostation Worobjori Gory, so heißen die Sperlingsberge auf Russisch, legt das Schiff noch einmal an, weitere Gäste steigen zu. Voll ist es nicht an Bord, es gibt genügend Sitz- und Stehplätze auf beiden Decks. Dann geht es weiter, vorbei an der Kabinenseilbahn, die das Stadion Luschniki mit den Sperlingsbergen verbindet. Das Wasser der Moskwa glänzt in der Sonne, der Wind ist angenehm kühl und ein junger Kellner bietet Eis auf einem Tablett an.

Ich hätte ihn in Anzug und Fliege erwartet, doch er präsentiert das kalte Plombir in ranzigem T-Shirt und Sonnenbrille. Viele Gäste greifen zu und kaufen sich ein Eis, immerhin sind fast dreißig Grad. Unter Deck gibt es derweil frisches Popcorn und kaltes Dosenbier.

Ein regelrechter Stau Wir schippern weiter in Richtung Zentrum, vorbei an von Autos und Fußgängern überfüllten Straßen und eleganten Gebäuden am Ufer.

Ich bin erstaunt, wie grün die Stadt ist. Zu beiden Seiten der Moskwa sieht man unzählige Bäume, Parks und Grünflächen.

Ab und an muss das Schiff langsamer fahren oder gar anhalten: Dutzende Ausflugsschiffe und Motorboote sind auf dem Wasser unterwegs. Die Touren werden stündlich angeboten und dauern je nach Route zwischen einer und drei Stunden. Auch das Programm unterscheidet sich: Es gibt Fahrten, die ein Mittag- oder Abendessen beinhalten, Fahrten mit Livemusik und sogar eine Hardrock-Tour. Tickets gibt es im Internet ab 500 und vor Ort ab 900 Rubel zu kaufen, Anleger sind zum Beispiel am Kiewer Bahnhof, vor der Christ-Erlöser-Kathedrale und am Gorki-Park.

Vorbei an Gorki-Park und Christ-Erlöser-Kathedrale

Weitere zehn Minuten später macht sich Unruhe bei den Gästen bemerkbar. Taschen werden geöffnet, Plätze getauscht und Selfiesticks zusammengebaut. Jetzt geht es Schlag auf Schlag mit den Sehenswürdigkeiten: Wir passieren den Gorki-Park, am linken Ufer erblickt man bereits die Christ-Erlöser-Kathedrale mit ihrer goldenen Kuppel und am rechten die Statue von Peter dem Großen.

Die Moskwa führt uns nun in Richtung des Kremls und der Basilius-Kathedrale. Angekommen an der Schwebenden Brücke vom Sarjadje-Park wird das Schiff wieder langsamer. Touristen auf der Brücke winken uns zu. Doch das bemerkt an Bord kaum einer: Während die einen noch eifrig Fotos schießen und den Ausblick genießen, haben die anderen ihre Augen bereits geschlossen und ihr Gesicht der Sonne zugewendet. Dass sie keine Sonnencreme dabei haben, werden einige von ihnen nach der Fahrt bereuen.

Vor einem gigantischen sandfarbenen Wohnhaus – einer der sogenannten Sieben Schwestern aus der Stalinzeit – wendet das Schiff und hält erneut. Weitere Gäste stei-gen ein, andere aus. Nun geht es zurück in Richtung Kiewer Bahn-hof. Obwohl wir die gleiche Route zurückfahren, bleibt es spannend. Zurück am Anleger warten schon die Gäste für die nächste Tour. Beim Aussteigen werden noch die letzten Fotos gemacht. Auch ich verlasse das Schiff mit einer rand-vollen Speicherkarte und vielen neuen Eindrücken von der Stadt. Obwohl ich sie schon kenne, hat es sich gelohnt: Die Moskwa bietet eine neue Perspektive auf ihr Moskau.

Thoya Urbach

Selbstverständlich mit an Bord: die russische Flagge © Thoya Urbach

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