Schönheit im Alltag: „Nicht-naive Naive“ im Zarizyno

Im Zarizyno-Museum findet die Ausstellung „Nicht-naive Naive“ statt, die der naiven Kunst gewidmet ist – einer berührenden und unterschätzten Kunstrichtung. In der Ausstellung werden fast 500 Werke gezeigt, darunter Gemälde von Pawel Leonow, Reliefs von Alexei Pitschugin, Skulpturen von Wladimir Sasnobin und ein Straßenschild, das von Niko Pirosmani geschaffen wurde.

In der Ausstellung sind Schilder zu sehen, die von Niko Pirosmani angefertigt wurden (Quelle: Zaryzyno)


Für die naive Kunst hat das Zarizyno-Museum das gesamte zweite Obergeschoss seines Ausstellungsraums „Hlebny Dom“ zur Verfügung gestellt. Und man kann dort fast den ganzen Tag verbringen, denn diese Ausstellung möchte man in allen Details betrachten.

Die naive Kunst ist eine Erscheinungsform des künstlerischen Primitivismus. Naive Kunst – das sind Werke von Autodidakten, von talentierten Schöpfern, die keiner professionellen oder traditionellen Schule angehören, die eine natür­liche Begabung zum Schaffen besitzen, aber aufgrund ihrer Lebensumstände keine systematische Fachausbildung erhalten haben.

Die Ausstellung in einem so großen staatlichen Museum wie Zarizyno verfolgt das ehrgeizige Ziel zu zeigen, dass die naive Kunst keineswegs so naiv ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, und dass sich hinter der äußerlichen Einfachheit und Schlichtheit oft ein tiefer, vielschichtiger Inhalt verbirgt.

Holzfiguren als Teil der naiven Kunst (Foto: Zaryzyno)

Den Besuchern wird zunächst gezeigt, wo die Wurzeln der naiven Kunst liegen. Sie entspringt dem volkstümlichen Handwerk und dem ganz natürlichen menschlichen Wunsch, das eigene Zuhause zu verschönern. Stickereien auf der Kleidung, mit Mustern bemalte Gebrauchsgegenstände, zufällig entdeckte und irgendwo abgezeichnete Illustrationen auf Möbeln – all das nährt die naive Kunst und das volkstümliche Schaffen.

Und es kommt noch besser. Die Werke der naiven Künstler wurden in mehrere Themenbereiche unterteilt: Wie im Museum, Romantik des Alltags, Träume vom Überfluss, Wünschen Sie ein Porträt?

Klassiker neu interpretiert: Von Botticelli bis Wasnezow


Im Saal „Wie im Museum“ sind Arbeiten versammelt, die ihren Ursprung in Zeitschriftenausschnitten, Gemälden aus der Tretjakow-Galerie sowie Reproduktionen von Sawrassow und Wasnezow haben, die einst in Dorfhäusern und Klassenzimmern hingen. Wie gingen die naiven Künstler mit den Meisterwerken der Welt um? Sie nahmen ein beliebtes Motiv und übertrugen es auf das Material, mit dem sie zu arbeiten gewohnt waren – sie machten daraus eine Skulptur, eine Grafik oder ein Gemälde, das jedoch an den eigenen Stil angepasst wurde.

So kann man in der Ausstellung die „Geburt der Venus“ von Alexander Belych sehen, nach dem gleichnamigen Gemälde von Sandro Botticelli gestaltet. Oder die „Bogatyri“, abgezeichnet vom gleichnamigen Bild Wasnezows, ausgeführt von einem Artel. An den Seiten sind die drei Recken mit Blumenornamenten verziert (etwas, wovon Wasnezow nicht einmal hätte träumen können). Oder die Skulptur „Das Bad des Pferdes“ von Wladimir Borissow nach dem Gemälde von Petrow-Wodkin: das berühmte Werk an der Grenze zwischen Symbolismus und Jugendstil hat sich hier praktisch in ein Kinderspielzeug verwandelt. Und die naiven Künstler gestalteten die Werke berühmter Meister nicht aus Respektlosigkeit um, sondern im Gegenteil – darin zeigte sich eine große Sympathie und Liebe für die Originalwerke, der Wunsch, etwas Ähnliches bei sich zu Hause zu haben.

Romantik des Alltags: Nostalgie und sowjetische Träume

Im Bereich „Romantik des Alltags“ sind verschiedene Figürchen, kleine Skulpturen, Souvenirs und Bilder auf Sperrholz zu sehen, die den Alltag idealisieren: Reigentänze, Tanzfeste, Feiern, Rendezvous unter dem Mond, Hochzeiten. Viele dieser Werke sind aus dem Wunsch entstanden, etwas dazuzuverdienen und zugleich etwas für die Seele zu schaffen. Wandteppiche und Wandpaneele mit Tiermotiven und Pflanzenornamenten galten einst als Zeichen des Wohlstands ihres Besitzers, doch heute empfinden wir sie als kitschig, auch wenn sie uns an die Kindheit im Haus der Oma erinnern

In der Ausstellung sind die Schilder von Niko Pirosmani gesondert hervorzuheben, dessen Hauptauftraggeber Schankwirtschaften waren. Obwohl die Motive seiner Arbeiten und deren Ausführung recht einfach sind, gilt er heute als anerkannter Künstler. Pirosmanis Werke eröffnen den Bereich des Überflusses. Bekanntlich herrschte zu Sowjetzeiten Warenknappheit. Daher wollten die Hausfrauen den Tisch möglichst reich decken – als wollten sie sagen: „Wir leben nicht von der Hand in den Mund. Wir haben etwas, womit wir bewirten können”.

Ikonen im Untergrund: Die verborgene Tiefe der Naiven Kunst


Einen besonderen Platz in der naiven Kunst nehmen Ikonen ein. In der Sowjetunion war diese Richtung praktisch im Untergrund angesiedelt. Daher ist es äußerst spannend zu sehen, wie die Menschen aus einfachsten Mitteln Ikonen anfertigten und wie sie diese verzierten.Die Ausstellung erinnert daran, dass Kreativität nicht nur in den Wänden professioneller Ateliers lebt, sondern dass Schönheit und Tiefe dort entstehen können, wo man sie am wenigsten erwartet. Sie ist bis zum 7. Februar geöffnet.

Ljubawa Winokurowa

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