Wo Täter und Opfer zusammen wohnten

Sie flüchtete vor den Nazis nach Moskau, spionierte für den Geheimdienst der Komintern und geriet in die stalinistischen Säuberungen: Die Großmutter von Eugen Ruge erlebte in der Sowjetunion Schlimmes. Wie aus den traumatischen Erfahrungen Literatur wurde, verrät der Schriftsteller im Gespräch mit der MDZ.

Sie flüchtete vor den Nazis in die Sowjetunion, spionierte für den Geheimdienst der Komintern und geriet in den 1930er Jahren in die stalinistischen Säuberungen: Die traumatischen Erfahrungen seiner Großmutter inspirierten Eugen Ruge zu seinem neuen Roman. Welche Rolle darin das legendäre Hotel „Metropol“ spielt und wie er an die Geheimdienstakte der überzeugten Kommunistin gelangte, hat der Schriftsteller der MDZ verraten.
Eugen Ruges Großmutter erzählte nie von ihrer Zeit in der Sowjetunion. In “Metropol” spürt der Schriftsteller nun ihrem Schicksal nach. (Foto: Asja Caspari)

Wie lange dauerte die Arbeit an Ihrem Werk und wie kamen Sie auf die Idee zu dem Buch?

Geschrieben habe ich etwa drei Jahre. Die Idee ist dagegen viel älter. Eigentlich wollte ich die Geschichte schon in meinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählen. Das ist eine Familiengeschichte, die übrigens auch auf Russisch erschienen ist. Die dort beschriebene Familie ist meiner recht ähnlich, wenn auch fiktional verfremdet. Insofern hätte die Geschichte meiner Großmutter da durchaus hineingepasst. Ich besaß damals, als ich zu schreiben anfing, das war 2008, sogar schon die Kaderakte meiner Großmutter. Aber dann wurde mir klar, dass die Geschichte meiner Großmutter im Moskau der dreißiger Jahre die Form zerstört hätte. Die erste und vielleicht wichtigste Entscheidung beim Erzählen einer Geschichte ist ja, wo lässt man sie beginnen, wo hört sie auf. Es brauchte ein eigenes Buch, eine eigene Form. Aber nachdem ich mich so lange mit meiner Familiengeschichte beschäftigt hatte, war die Lust auf die Familie geschrumpft. Ich musste erst zwei kleine Romane zwischendurch schreiben, bis ich mich endlich entschlossen habe, mit der Arbeit anzufangen.

Für die Arbeit am Buch haben Sie sich für einige Zeit im „Metropol“ einquartiert. War das Ihre erste Begegnung mit dem Hotel, in dem sich das Schicksal so vieler Menschen entschied? Wie fühlte sich Ihr Aufenthalt dort an?

Ein Problem vor dem wirklich großen Erfolg von „Zeiten des abnehmenden Lichts“ war tatsächlich, dass mir das Metropol einfach zu teuer war, zumal der Rubel damals auch besser stand. Aber um Metropol zu schreiben, also kurz gesagt, die Geschichte davon, wie meine Großmutter dort über ein Jahr lang auf ihre Verhaftung wartet, musste ich natürlich mal im Metropol übernachten. Zumal mir die Zimmernummer bekannt war: 479! Ich habe dann zum Jahreswechsel 2014/2015 zum ersten Mal ein paar Tage im Metropol geschlafen. Allerdings waren die Zimmer inzwischen alle neu numeriert, und durch einen Fehler landete ich im Nebenzimmer. Später habe ich erfahren, dass in diesem Zimmer Lion Feuchtwanger ein paar Tage übernachtete, nämlich im Dezember 1936, als meine Großmutter bereits dort wohnte. So kommt Lion Feuchtwanger in den Roman, der, wie Sie wissen, nach dieser Reise, ein Buch mit dem Titel „Moskau 1937“ schrieb, das voll ist vom Lob Stalins und des Sozialismus‘ in der Sowjetunion. Feuchtwanger hat sogar im zweiten großen Schauprozess gesessen, der ein betrügerisches Spektakel war, und den Prozess in einem Prawda-Artikel für würdig befunden. Das zweite Mal habe ich 2016 im Hotel Metropol übernachtet, dieses Mal im richtigen Zimmer. Ich habe mich eigentlich ganz entspannt gefühlt, aber nachts bin ich aufgewacht, und zwar gerade um halb vier – die Zeit, wenn abgeholt wurde – und habe mich undeutlich an einen Traum erinnert, in dem lauter erregte Nachrichten aus dem Jahr 1937 in Russisch auf mich einprasselten.

Das „Metropol“ von damals unterscheidet sich natürlich von dem heutigen Hotel. Für viele ist der Bau trotzdem noch immer mit einer Atmosphäre des Geheimen und Bedrohlichen behaftet. Was bedeutet das Hotel für Sie?

Die Leute sprechen ja meistens vom Hotel Lux, wo die Kommunisten aus aller Welt, die sogenannte Komintern, wohnten. Das Metropol war bisher wenig im Gespräch, und wenn, dann als Nobelhotel in solchen Romanen wie „Ein Gentleman in Moskau“, der aber über ein komplett ausgedachtes Hotel berichtet, aus dem keiner verhaftet wird. Das Metropol ist aber tatsächlich viel interessanter als das Lux, weil hier die verrücktesten Gegensätze aufein­andertreffen. Zum einen ist es viel luxuriöser als das Lux. Ehemals war es das „Zweite Haus der Sowjets“, es wohnten hier Kommunisten in hochrangiger Stellung, eine Zeitlang zum Beispiel Nikolai Bucharin. Andererseits wurde es nach und nach wieder für den Hotelbetrieb geöffnet, so das eben Feuchtwanger hier wohnen konnte. Zugleich waren hier, wie mein Vater berichtet, viele ehemalige Mitarbeiter der OMS einquartiert, des Geheimdienstes der Komintern, die auf ihre Verhaftung warteten – so auch meine Großmutter. Verrückterweise wohnte hier aber auch, und zwar ausgerechnet in Bucharins Suite, der Mann, der die großen Schauprozesse als oberster Richter leitete, und der auch Bucharin zum Tode verurteilt hat. Er hat wahrscheinlich auch viele Todesurteile für ausländische Kommunisten, möglicherweise auch für die OMS unterschrieben. Hier wohnten also Täter und Opfer, kommunistische Funktionäre und westliche Superstars unmittelbar nebeneinander, und das Ganze gibt dem Hotel ein einmaliges, verrücktes, unglaubliches Flair.

War es schwierig, Zugang zu den geheimen Dokumenten über Ihre Großeltern zu bekommen?

Die OMS war ein wirklich sehr geheimer Geheimdienst, gegründet um die Weltrevolution mit allen Mitteln, auch mit illegalen, zu unterstützen. Die Akten dieser Organisation sind immer noch geheim. Erfreulicherweise wurden aber die Kaderakten der Komintern irgendwann einsehbar, und da die Mitarbeiter der OMS zugleich Mitarbeiter der Komintern waren, konnte man einen Teil ihrer Akten beantragen. Das ist ein bisschen umständlich. Sie wissen ja besser als ich, dass Russland noch immer an der ererbten Bürokratie aus Zarismus und Kommunismus leidet. Ich beschreibe das am Anfang des Romans. Aber man kann sie einsehen und sogar kopieren lassen und mitnehmen.

In einem Interview sagten Sie, „Metropol“ sei ein Roman über Diktatur und Stalinismus. Was war für Sie vorrangig: die Biographie Ihrer Familie zu erzählen oder die Schattenseiten eines Regimes zu zeigen, welche viele überzeugte Kommunisten damals nicht wahrhaben wollten?

Natürlich ist das auch ein Buch über den Stalinismus, denn es spielt im Stalinismus, und ausgerechnet in den hysterischen Jahren 1936–1938. Aber mein Ziel war es eigentlich nicht, über den Stalinismus aufzuklären. Allerdings stelle ich nachträglich fest, dass viele das so lesen. Anscheinend ist über den Stalinismus immer noch zu wenig bekannt, und das ist traurig. In Deutschland stand offenbar lange Zeit die Aufarbeitung des Nationalsozialismus im Vordergrund. In Russland ist das Thema offenbar unterbelichtet, vor allem, so scheint mir, weil sich zu wenige Menschen dafür interessieren. Man hat andere Sorgen, was ich zum Teil verstehe. Aber mein Ziel war eigentlich, zu untersuchen, wie Ideologie funktioniert. Wie geschieht es, dass Menschen sich ihre Wahrheiten konstruieren. Wie kann es sein, dass sie an ihren Überzeugungen festhalten, obwohl alles ringsherum dagegen spricht, ja, obwohl sie selbst Opfer der Ideologie zu werden drohen, an die sie glauben. Das hat mich interessiert am Beispiel meiner Großmutter, von der ich weiß, dass sie weder dumm, noch gefühllos, noch ungebildet war; und von der ich obendrein annehmen muss, dass ich ihr irgendwo auch ähnele. Oder am Beispiel von Leuten wie Feuchtwanger, der noch nicht einmal persönlich bedroht war, der keine Angst zu haben brauchte und ausländische Zeitungen las. Ich will keineswegs behaupten, dass es heute noch Stalinismus gibt. Aber auch heute lohnt es sich, und nicht etwa nur in Russland, darüber nachzudenken, warum Menschen das glauben, was sie glauben. Und was das mit den Fakten zu tun hat.

In wie viele Sprachen wurde das Buch schon übersetzt? Wann erscheint es auf Russisch?

Nun, der Roman ist ganz jung, im Oktober erschienen. Bisher gibt es allenfalls Lizenz-Verträge. Erfreulicherweise ist Russland dieses Mal bei den Lizenzen ganz vorn, während es beim letzten Roman lange gedauert hat, sodass ich davon ausgehe, dass das Buch im Mai auf Russisch vorliegt. Dann werde ich auch eine kleine Lesereise durch Russland machen.

Soll das Buch verfilmt werden? Wenn ja: Soll es ein eher russischer oder deutscher Film werden?

Ich bin zu abergläubisch, um auf diese Frage zu antworten. Aber ich denke, wenn es eine Verfilmung geben sollte, dann wird dies, wie auch das Buch, eine deutsche Verfilmung sein. Denn ich bin nicht gekommen, um die Russen über den Stalinismus zu belehren. Ich habe ein Buch über meine Großmutter geschrieben, und dazu habe ich jedes Recht. Aber das ist natürlich ein Buch hauptsächlich aus deutscher Perspektive. Obwohl ich zugeben muss, dass ich auch ein wenig mit der Perspektive des Obersten Richters des Militärkollegiums gespielt habe: Wassili Wassiljewitsch Ulrich. Kein Deutscher, sondern ein Lette von Herkunft. Über ihn ist wenig bekannt, und es hat mich sehr gereizt, dieser seltsamen, komischen und jämmerlichen Figur Leben einzuhauchen. Es ist, so seltsam es klingt, auch ein komischer Roman geworden.

Das Gespräch führte Anna Braschnikowa.

Die Ruges: Eine deutsche Familie und die Sowjetunion

Die Geschichte der Familie Ruge ist eng mit dem Kommunismus, der Sowjetunion und den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden. Eugen Ruges Vater, der spätere DDR-Historiker Wolfgang Ruge, floh 1933 mit seinen kommunistischen Eltern vor den Nazis in die Sowjetunion. Doch das vermeintliche Arbeiterparadies zeigte schnell seine dunkle Seiten, beide gerieten in die stalinistischen Säuberungen. Wolfgang Ruge wurde nach dem Überfall des NS-Regimes wegen seiner deutschen Herkunft nach Kasachstan deportiert und musste anschließend in einem Straflager im Ural Zwangsarbeit leisten. Dort wurde dann auch Eugen Ruge 1954 geboren. Zwei Jahre später durfte die Familie in die DDR ausreisen. Die Zeit in der Sowjetunion hat Wolfgang Ruge in dem Buch „Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion“ beschrieben. Sein Sohn Eugen Ruge verarbeitete die Geschichte der Familie und ihr anschließendes Leben in der DDR zu dem Publikumserfolg „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011). „Metropol“ fügt der Chronik ein weiteres Kapitel zu.

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