„Wir kämpfen um unser Haus“ – Sobjanins Bauprogramm treibt Wohnungsbesitzer in die Verzweiflung

Ein gigantisches Bauprogramm soll Moskaus maroden Plattenbauten an den Kragen gehen. Die ersten neuen Wohnblocks wurden mittlerweile bezogen. Während mancher sich freut, ringen andere zäh um ihren Besitz.

Wie viele ihrer Nachbarn will Ljubow das Haus aus den 1930er Jahren nicht aufgeben. (Foto: Jiří Hönes)

Seit zwei Jahren kämpfen Ljubow und ihre Nachbarn um ihr Haus. Es macht sie müde, die Hoffnung schwindet, obwohl sie zunächst einen Etappensieg errungen hatten. „Wir haben uns hier 1998 eine Wohnung gekauft. Meine Tochter hat mittlerweile ihre eigene Wohnung im selben Haus. Es ist unser Zuhause geworden. Wir haben hohe Decken, große Fenster, es ist ruhig und grün hier“, sagt die Rentnerin.

Wozu sollten sie in einen Neubau umziehen, fragt sie sich? Wozu die „Stalinka“, wie man die Häuser aus Stalins Zeiten nennt, abreißen? Der 1937 errichtete Ziegelsteinbau sei in gutem Zustand, 1987 wurde er aufwändig saniert.

Und doch gelangte das Haus im Bezirk Babuschinski im Norden Moskaus in das Programm, das alle hier nur kurz „Renowazija“ nennen. Dieses wurde 2017 von der Stadtregierung unter Bürgermeister Sergej Sobjanin ins Leben gerufen. Vornehmliches Ziel ist der Ersatz der Chruschtschowkas“, der fünfgeschossigen Plattenbauten, die massenhaft seit den 1960er Jahren entstanden sind. Viele davon sind mittlerweile baufällig, die Küchen sind klein und es gibt keine Fahrstühle. Doch auch es gibt auch viele Chruschtschowkas, die aus Ziegelstein gebaut wurden. Auch deren Bewohner sind vielfach gegen das Programm.

Neue Wohnungen für eine Million Menschen

Gut 8000 Gebäude wurden anfangs in das Programm aufgenommen, darunter jedoch bei Weitem nicht nur Plattenbauten. Was der Stadtentwicklung im Weg steht, soll ebenfalls verschwinden. Die Wohnungseigentümer – etwa 85 Prozent der Moskauer leben in Eigentumswohnungen – sollten einen mindestens gleichwertigen Ersatz in einem Neubau im selben Stadtteil erhalten.

Über eine Million Menschen sollen so umgesiedelt werden. Proteste waren die Folge. Den Eigentümergemeinschaften wurde jedoch die Möglichkeit eingeräumt, aus dem Programm auszusteigen. Dazu musste mehr als ein Drittel der Eigentümer dem Austritt zustimmen, wobei sich das Stimmrecht proportional zur Wohnfläche verhielt. Im Fall von Ljubows Haus war das der Fall. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn Nikolaj hat sie bei den Leuten im Haus für den Ausstieg aus dem Programm geworben.

Hier entstehen die neuen Wohnanlagen: Baustelle im Bezirk Babuschinski. (Foto: Lisa Petzold)

Er befürchtet auch, dass die Infrastruktur für die wachsende Bevölkerung im Bezirk nicht ausreicht. „Es wird drei- bis fünfmal so viel Wohnfläche gebaut wie abgerissen. Aber es wird nicht mehr Schulen und Krankenhäuser geben.“

Aktivisten werden eingeschüchtert

Mit ihren Aktionen haben sie sich nicht nur Freunde gemacht. Nikolaj erzählt, der Ratsvorsitzende des Bezirks habe einmal zu den Bewohnern gesagt, sie bekämen es mit dem Geheimdienst FSB zu tun, wenn er seine Agitation nicht einstelle. „Die Regierung will dieses Programm um jeden Preis durchsetzen“, ist er sich sicher. Auch wenn das Haus aus dem Programm raus ist, Nikolaj und seine Nachbarn fürchten neue Gesetze, durch die das Grundstück doch noch zu Bauland werden könnte.

Ähnliche Erfahrungen hat Lilija im Bezirk Otschakowo-Matwejewskoje gemacht. Sie lebt in einer „späten Stalinka“, einem 1956 erbauten Ziegelsteinhaus mit fünf Etagen. „Um uns herum wurde in allen Häusern für das Programm gestimmt“, erzählt sie, „wir werden wohl bald von Hochhäusern umzingelt sein.“ Bei den Anhörungen zur „Renowazija“ seien bezahlte Statisten anwesend gewesen, die sich für das Programm ausgesprochen hätten.

Lilija mit ihrer Familie in einem Haus aus den 1950er-Jahren – und will, dass das so bleibt. (Foto: privat)

„Freunde von mir wurden gar gefragt, ob sie für 700 Rubel an so einer Anhörung teilnehmen wollen.“ Und sie zeigt ein Plakat, das sie und andere mit Foto und vollem Namen nennt. Darauf steht „Diese Leute sind gegen unseren Umzug in neue Wohnungen. Man sollte ihre Gesichter kennen.“

Neubauten auf belastetem Gelände

Alexandra Andrejewa kennt diese Praktiken. Die Munizipalabgeordnete der Kommunistischen Partei im Bezirk Lefortowo sagt, das sei überall das Gleiche. „Wir haben schon dieselben bezahlten Leute auf Anhörungen in verschiedenen Bezirken gesehen.“

In Lefortowo seien die Leute zudem hinters Licht geführt worden. Man habe ihnen Wohnungen in sauberen, grünen Vierteln versprochen. „Doch die Häuser sollen auf einem ehemaligen Industriegelände voller Altlasten entstehen. Seit 1883 wurde dort Stahl verarbeitet und die Regierung lässt nicht einmal uns Abgeordnete die Umweltgutachten einsehen.“

Viele versuchten deshalb jetzt wieder aus dem Programm herauszukommen. Die Lokalpolitikerin ist überzeugt, dass das Programm vor allem dazu dient, Neubauten in attraktiven Lagen zu ermöglichen. „Die Moskauer Regierung, die eigentlich für die Bürger arbeiten sollte, arbeitet für die Entwicklungsgesellschaften. Die einfachen Leute werden in Randlagen verdrängt.“

Die ersten neuen Wohnungen sind bezogen

Aktuell sind noch 5173 Häuser im Programm, das auf 15 Jahre angelegt ist. Die ersten Eigentümer sind mittlerweile in neue Häuse umgezogen. Im Sommer 2018 wurden in Ismajlowo die ersten Chruschtschowkas im Rahmen des Programms abgebrochen. Dort lebte bis dahin Wadim mit seiner Schwester und seinen Eltern in einer Zweizimmerwohnung mit 40 Quadratmetern. Für ihn war das Programm ein Segen.

„Wir erhielten eine Dreizimmerwohnung mit 60 Quadratmetern und zwei Balkons“, sagt der Designer. Sie sei zwar im benachbarten Bezirk Goljanowo gelegen, doch nur fünf Autominuten entfernt. Den Frust der Gegner kann Wadim jedoch nachvollziehen. „Wenn ich eine renovierte Altbauwohnung hätte, würde ich auch nicht ausziehen wollen.“

Wie er freuen sich viele Bewohner der Chruschtschowkas, für die das Programm eigentlich eingerichtet wurde, auf ein neues Zuhause. Oft wissen sie jedoch nicht mehr, als dass ihr Haus Teil des Programms ist. Wann tatsächlich Abriss und Neubau anstehen, steht für sie noch genauso in den Sternen wie die Lage, in der sich ihre neue Wohnung befinden wird.

Jiří Hönes

Kommentare

Kommentare

Newsletter

Wir bitten um Ihre E-Mail: