Vorhang zu? Laptop auf!

Um die rasante Ausbreitung des Coronavirus' einzudämmen, haben die Moskauer Kinos allesamt den Betrieb eingestellt. Was bleibt, das ist der cineastische Genuss in den eigenen vier Wänden. Die MDZ stellt drei russische Serien für die Zeit in Selbstisolation vor.


Auch wenn die russischen Kinos derzeit geschlossen haben, ist das noch kein Grund, Trübsal zu blasen. (Foto: CchrisS/pixabay.com)

Ihrem Ruf zufolge halten Streaming-Portale oftmals als Vorwand her, den heißbegehrten Schwarm zu sich nach Hause einzuladen. Um „Netflix and chill“, was nichts anderes bedeutet als sich vor dem laufenden Fernseher auf der Couch näherzukommen, zeichnet ein romantisches Bild vom Seriengenuss. Doch mit der Realität – wie alle Netflix-Fans insgeheim wissen – hat das in den allermeisten Fällen nur wenig zu tun. Ein Glück also, dass der Coronavirus dieser träumerischen Verklärung zumindest vorübergehend ein Ende bereitet hat.

Weil es in Quarantäne unratsam und fahrlässig ist, mit fremden Leuten rumzuknutschen, wird Netflix ausschließlich so geguckt, wie es sich gehört: fünf Stunden am Stück, halb ohnmächtig auf dem Bett liegend und mit Chipskrümeln auf dem Bauch. Gerade jetzt gibt es keinen Grund, sich dafür zu schämen – und erst recht nicht, wenn man vorschützen kann, sich mit russischer Gegenwartskultur auseinanderzusetzen. Also rein in die Jogginghose, ab auf die Couch und los geht‘s mit der bildenden Unterhaltung!

Schrulliger Detektiv gegen störrische Schulklasse

Ein Sonderling, aber nicht zu unterschätzen: Kommissar Krjukow (Foto: Screenshot Netflix)

Die Deutschen lieben ihren Tatort, der sich zu so etwas wie dem Flaggschiff der bundesrepublikanischen TV-Unterhaltung entwickelt hat. Dass auch die Russen Krimi können, demonstriert die Mini-Serie „Sparta“. Dort geht der schräge Vogel Igor Krjukow (gespielt von Artjom Tkatschenko) dem mysteriösen Suizid einer Lehrerin in St. Petersburg nach. Wie es sich für einen anständigen Ermittler gehört, ist Krjukow auch mit der Bewältigung seiner eigenen Vergangenheit beschäftigt. Zudem bastelt der humpelnde Kommissar leidenschaftlich gerne düstere Figürchen aus Büroklammern oder beißt rücksichtslos in saftige Tomaten. Frauengeschichten gibt es dazu selbstverständlich oben drauf.

Nach und nach zeigt sich, dass die Klasse der Lehrerin ein Geheimnis verbirgt und auf irgendeine Weise in deren Tod verstrickt ist. Eine entscheidende Rolle in der Verschwörung nimmt das fiktive Computerspiel „Sparta“ ein, das auf den Schulrechnern installiert wurde und unbegrenzte Handlungsmöglichkeiten in einer digitalen Parallelwelt eröffnet. Die Ästhetik des Spiels sowie dessen Präsentation wirkt futuristisch und ist mit Cyberpunk-Elementen gespickt. Mit VR-Brillen entfliehen die Schülerinnen und Schüler der eigenen bedrückenden Realität und wirken dabei wie berauscht. Wenig überraschend lassen die Jugendlichen, verführt vom gefährlichen Computerspiel, ihren Aggressionen und verbotenen Fantasien freien Lauf.

Das alles klingt erst einmal ziemlich klischeebehaftet und ist es im Grunde auch. Die Charakterzeichnung der Klassenmitglieder bedient sich ebenfalls bekannter Stereotype: Vom Sportler über den Klassenclown bis hin zur Zicke ist alles dabei. Doch – und hier wird es interessant – macht die Serie keinen Hehl daraus, sich altgedienter und berechenbarer Muster zu bedienen. Stattdessen steht sie offen zum Klischee und verarbeitet es mitunter auf humorvolle und selbstironische Weise. Das steht der ansonsten durchaus spannenden Serie gut und lässt vieles vergeben, das sonst für Ärger sorgen würde.

„Sparta“
Krimi, Drama
Erscheinungsjahr 2018
1 Staffel, 8 Folgen à 50 Minuten
Mit Untertiteln auf Englisch


Zwei Schwestern machen
die Hölle durch

Müssen einiges an Schicksalsschlägen einstecken: Die Schwestern Katja und Dascha (Foto: Screenshot Netflix)

Mit einer durch und durch ernsthaften Angelegenheit hat man es bei „Der Leidensweg“ (Auf Russisch „Choschdenie po mukam“) zu tun. Die 12 Episoden lange Mini-Serie folgt dem Vorbild eines Romans des sowjetischen Schriftstellers Alexej Tolstoj, der nicht mit seinem berühmteren Verwandten Lew zu verwechseln ist. Die Geschichte spielt in den bewegten Jahren von 1914 bis 1919, womit bereits klar sein sollte, dass es sich hierbei um nichts allzu Erfreuliches handeln dürfte. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges setzt die Handlung des Dramas ein, bevor die Serie im weiteren Verlauf ihrem Titel alle Ehre macht. „Der Leidensweg“ spielt sich zu großen Teilen in St. Petersburg ab, führt aber unter anderem auch nach Rostow.

Im Zentrum der Handlung stehen die beiden wohlhabenden Schwestern Katja (Julija Snigir) und Dascha (Anna Tschipowskaja). Beide vereint eine Schwäche für den arroganten Dichter Alexej Bessonow, der ihre Weltsicht beeinflusst und das Ende Russlands vorhersagt. Nach dem Beginn des Krieges bricht die bisher heile Welt der Geschwister zusammen. Katja und Dascha verlieren sich aus den Augen und kämpfen sich auf eigene Faust durch das gefährliche Leben zur Kriegszeit. Immer wieder geraten beide zwischen ideologische Fronten und versuchen dabei selbst eine Erklärung für die komplizierte Welt zu finden. So verliebt sich Katja in einen Weißarmisten, während Daschas Geliebter für die Rote Armee kämpft.

Was ihre Handlung angeht, profitiert die Serie von einer starken Romanvorlage: Schmerzhaft tragische Ereignisse und plötzliche Wendungen halten stets die Spannung oben. Versüßt wird das Ganze durch starke schauspielerische Leistungen, nicht nur – aber insbesondere – von Snigir und Tschipowskaja aus. Erstere konnte sich zuletzt auch in der erfolgreichen US-Serie „The New Pope“ neben Größen wie John Malkovich und Jude Law auszeichnen. Eine Warnung muss bei aller Freude dennoch ausgesprochen werden: Wer kein Fan von großen Emotionen ist, dem könnte das Drama als sentimental erscheinen. Genau richtig ist hingegen, wer sich nicht davor fürchtet, die eine oder andere Träne vor dem Bildschirm vergießen zu müssen. Der Blick in die russische Literatur lehrt uns aber ohnehin, dass es für den Genuss russischer Kunst oft von Vorteil ist, großes Leid ertragen zu können.

„Choschdenie po mukam“ („Der Leidensweg“)
Drama
Erscheinungsjahr 2017
1 Staffel mit 12 Folgen à 50 Minuten
Mit Untertiteln auf Englisch


Vom Partyhengst zum Bullen aus Überzeugung

Betrunken am Steuer: Igor scheint anfangs noch unverbesserlich. (Foto: Screenshot Netflix)

Bei „Silver Spoon“ handelt es sich um so etwas wie einen Netflix-Klassiker. Als erste russische Serie, die von der US-amerikanischen Streaming-Plattform übernommen wurde, ist die Produktion in die Annalen der russischen Fernsehunterhaltung eingegangen. In ihrer Machart folgt die Serie einem schrillen und farbenfrohen Stil. Obwohl die erste Staffel von „Silver Spoon“ aus dem Jahre 2014 stammt, erinnert sie von ihrer Aufmachung her bisweilen an die schrillen Nullerjahre.

Die Grundlage des Plots ist nicht allzu komplex: Igor Sokolowskij (gespielt von Pawel Prilutschnyi)wurde als Sohn eines erfolgreichen Unternehmers geboren und genießt sein luxuriöses Leben in vollen Zügen. Partys, Drogen und schnelle Autos bestimmen den Alltag des jungen und zu allem Überfluss auch noch gut aussehenden Querulanten. Igor ist es gewöhnt, jeden Anflug eines Problems zu beseitigen, wenn er nur mit genug Geld in der Hand wedelt.

Zusammen mit einem Freund gerät er eines Abends, vollkommen auf Drogen, mit der Polizei aneinander. Wie immer boxt Igors Vater seinen Sohn aus dem Schlamassel. Doch der Entrepreneur hat genug von den Eskapaden seines Zöglings. Um ihn auf den rechten Weg zu bringen, entzieht der Vater seine finanzielle Unterstützung und besorgt Igor einen Job bei der Polizei. Wie der Zufall es so will, wird der Taugenichts ausgerechnet in die Abteilung jener Polizisten zugewiesen, mit denen er bereits in der vorigen Partynacht Bekanntschaft gemacht hatte. Igor ist gezwungen, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden, wenn er das Erbe seines Vaters nicht verlieren will.

Es folgt das Vorhersehbare: Nach und nach gelingt es dem Protagonisten, sich von seinen unschönen Marotten zu lösen. Er findet wahre Freunde und die echte Liebe. Als Polizist kommt Igor dann jedoch einem heiklen Mordfall auf die Spur. Die Verbindungen der Hintermänner führen in die Sphären der Reichen und Mächtigen. Im Kampf gegen den einflussreichen Gegner befindet sich der Protagonist auf einmal am anderen Ende der Nahrungskette wieder. Seine relative Machtlosigkeit bekommt Igor immer wieder zu spüren und es beginnt ein von persönlichen Motiven getriebener Feldzug. So entwickelt sich die zu Beginn noch unscheinbare Serie zum spannenden Thriller. Wie so viele andere Serien wird „Silver Spoon“ immer besser, je länger man es guckt.

In Südkorea zumindest hat man das Potenzial der Produktion erkannt. Hier wird seit letztem Jahr eine Adaption der Serie als Drama gedreht. Für diejenigen, die sich das russische Original anschauen wollen, stehen die ersten zwei Staffeln auf Netflix zur Verfügung. Die bereits erschienene dritte Staffel muss ihren Weg ins Streaming-Portal leider erst noch finden.

„Maschor“ („Silver Spoon“)
Psycho-Thriller
Erscheinungsjahr 2014
3 Staffeln, 40 Folgen à 50 Minuten
Mit Untertiteln auf Englisch

Patrick Volknant

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