Das Osterwunder von Leningrad

Nicht Weihnachten, sondern Ostern ist in Russland das wichtigste Kirchenfest. Am heutigen Sonntag wird es nach dem orthodoxen Kalender gefeiert. Besonders denkwürdig war das Fest der Aufstehung im ersten Kriegsfrühjahr 1942. Im belagerten Leningrad war die Auferstehung doppelter Natur – von den Toten und von der Verfolgung der Religion in der Sowjetunion. Plötzlich durfte man wieder völlig unbehelligt beten. Wie passte das zusammen?

Ostergottesdienst zu Sowjetzeiten © RIA Novosti / Jurij Prostjakow

Im Jahr 1937, als in der Sowjetunion der „Große Terror“ gegen den inneren Feind wütete, wurde auf Geheiß der Staatsführung eine Volkszählung angesetzt. Ihre Ergebnisse sorgten im Kreml für, gelinde gesagt, Ernüchterung. Zum einen ergab die Zählung eine Einwohnerzahl von 162 Millionen, während mindestens 170 Millionen erwartet worden waren, ausgehend von der Behauptung Stalins, die Bevölkerung im Arbeiter- und Bauernstaat wachse jedes Jahr um drei Millionen. Und da er sich nicht geirrt haben konnte, mussten den Statistikern „schwerste Fehler“ unterlaufen sein, wie es hieß. Die Volkszählung wurde für ungültig erklärt.

Mehr als Hälfte der Bevölkerung gläubig

Dazu beigetragen haben mag auch ein anderes Ergebnis, das sich ganz und gar nicht mit der Lehrmeinung über den neuen, sozialistischen Menschen vertrug. In die Volkszählung war wohl auf Stalins Wunsch extra ein Punkt zur Religion aufgenommen worden. Und siehe da: Von 97,5 Millionen Menschen über 16 Jahre, die Angaben machten, bezeichneten sich 55,3 Millionen oder 56,7 Prozent als gläubig (davon drei Viertel als russisch-orthodox)! Und das trotz der Kirchenstürmerei der Bolschewisten, die in den 20er Jahren begonnen hatte. Trotz der Verurteilung tausender Geistlicher zu Lagerhaft und oft auch zur Todesstrafe. Trotz der allgegenwärtigen Agitation, dass es sich bei Religion um Opium des Volkes handelt, eine Sucht, die der moderne und aufgeklärte Sowjetbürger überhaupt nicht mehr nötig hat. Deshalb wurden die Popen lächerlich gemacht und auf vielfältige Weise unterdrückt.

1927 verfasste der Moskauer Metropolit Sergij eine „Deklaration“ genannte Loyalitätserklärung gegenüber den Herrschenden, in der es unter anderem hieß, man müsse zeigen, dass man „nicht mit den Feinden unseres sowjetischen Staates“ sei, sondern „mit Volk und Regierung“. Historiker streiten bis heute, ob das ein geschickter diplomatischer Schachzug war, damit die Kirche nicht ganz zerschlagen wurde, oder eine Kapitulation, die sie zu einem willfährigen Rädchen im System machte.

Anfang der 30er Jahre verboten die Machthaber dann auch noch das Kirchengeläut und entsprachen damit, wie so oft, „Forderungen der Werktätigen“. Quoten für Glockenbronze, die jede Region zu erfüllen hatte, sorgten in der Folge dafür, dass die Glocken nicht nur zum Schweigen gebracht waren, sondern eingeschmolzen wurde.

Doch trotz aller staatlichen Umerziehungsmaßnahmen wollte, wie sich den Resultaten der Volkszählung entnehmen ließ, auch zwei Jahrzehnte nach der Oktoberrevolution eine Mehrheit nicht vom alten Glauben lassen. Den neuen Göttern um Stalin dürfte das schwer im Magen gelegen haben. Und wiewohl der Kampf um die Köpfe weiterging, so gab es doch bald einen weiteren Grund, zumindest den Ton zu mäßigen und die Daumenschrauben zu lockern. Denn nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 konnte man innere Fronten nicht brauchen, wo es doch gegen einen äußeren Feind ging. Als die Wehrmacht bereits elf Tage im Lande stand, am 3. Juli 1941, meldete sich Stalin erstmals öffentlich zu Wort und wandte sich mit einer Radioansprache ans Volk. Als Anrede benutzte er nicht nur wie gewohnt „Genossen“ und „Bürger“, sondern auch „Brüder und Schwestern“, wie in Kirchengemeinden üblich.

Statt dem Kulitsch wird Brot gesegnet

Während der vier folgenden Jahre wurden überall im Land Kirchen geöffnet, sofern es denn noch welche gab. In 25 Regionen war das nicht der Fall. Eine der größten Eparchien (Diözesen) des Landes, die Leningrader Eparchie, zählte nur noch 21 Kirchen, davon ganze zehn im Stadtgebiet. Am 8. September 1941 geriet Leningrad unter deutsche Belagerung, die fast 900 Tage andauern sollte. Im ersten Kriegswinter starben in der frierenden und hungernden Millionenstadt jeden Monat um die 100.000 Menschen. Die Überlebenden suchten Zuflucht und Trost in den Kirchen, allen voran in der Nikolaus-Marine-Kathedrale und der Fürst-Wladimir-Kathedrale, die selbst von den Luftangriffen der Deutschen stark mitgenommen waren.

Als am 5. April 1942 das erste Osterfest unter Kriegsbedingungen anstand, wurde extra die Sperrstunde ausgesetzt, damit die Menschen an Prozessionen teilnehmen konnten. Der Ostergottesdienst wurde um sechs Uhr morgens abgehalten, um dem Beschuss zu entgehen. Statt des traditionellen Osterkuchens Kulitsch ließen die Kirchgänger ihre Brotration segnen. Und Priester vergaßen nicht, auf eine historische Parallele hinzuweisen: Auf den Tag genau 700 Jahre davor hatte Alexander Newskij, der Kirchenheilige und Schutzpatron der Stadt, die deutschen Ritter auf dem Peipussee (an der Grenze von Russland und Estland) geschlagen und damit deren Expansion nach Osten gestoppt. Wenn das nicht symbolisch war!

Ostern im eingeschlossenen Leningrad muss den Menschen wie ein doppeltes Wunder vorgekommen sein. Man lebte noch, schöpfte neue Hoffnung. Und man durfte wieder glauben, ohne sich weder verstecken noch beschimpfen oder auslachen lassen zu müssen.

Gleichzeitig wurden Sach- und Geldspenden für die Landesverteidigung gesammelt, wozu der Leningrader Metropolit Alexij bereits kurz nach Kriegsausbruch aufgerufen hatte. Zwar blieb das Verbot der Wohltätigkeit für die Kirche bestehen, aber das Geld konnte auf staatliche Konten eingezahlt werden. Mit Kirchenspenden in Höhe von acht Millionen Rubel wurde auch eine Panzerkolonne aus 40 Panzern finanziert, die den Namen des Moskauer Großfürsten und Feldherren Dmitrij Donskoj trug, dessen russisches Heer 1380 auf dem Kulikowo-Feld die „Goldene Horde“ besiegt hatte.

Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat normalisierten sich zu einem gewissen Maße, auch weil Stalin erkannte, dass die Verfolgung der Religion den Okkupanten in die Hände spielte. Die konnten sich als Heilsbringer gerieren, indem sie in den besetzten Gebieten Kirchen wieder zugänglich machten oder neue bauen ließen. Zudem drängte die Sowjetunion den Westen dazu, eine zweite Front zu eröffnen. Da kamen Vorwürfe, die Gläubigen im Lande zu drangsalieren, ungelegen. Also stellte Stalin weltanschauliche Überlegungen zugunsten von Nützlichkeitsgesichtspunkten zurück.

Erster Kirchenpatriarch nach 18 Jahren

Im Sommer 1942, als die Lage an der Front besonders kritisch war, erschien das Buch „Die Wahrheit über die Religion in der Sowjetunion“. Es sollte besonders im Ausland Eindruck machen. Und wieder war Metropolit Sergij zur Stelle, der versicherte, dass die Kirche in der Sowjetunion mitnichten verfolgt werde. Als Beispiel führte er unter anderem die Osterfeierlichkeiten von 1942 an. Nein, man könne sich wirklich nicht über die Obrigkeit beklagen, schrieb er.

Am 4. September 1943 wurden führende Kirchenvertreter sogar von Stalin im Kreml empfangen. Wenige Tage später durfte sich Sergij zum Patriarchen wählen lassen, dem ersten seit dem Tod Tichons im Jahr 1925. Und noch ein Novum: Im Oktober 1943 erhielten zwölf Geistliche aus Leningrad für ihre Verdienste um die Heimat staatliche Auszeichnungen.

Doch der Staat behielt sich die Kontrolle über so gut wie alle Kirchenfragen vor. Dafür wurde ein sogenannter Rat für Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche eingerichtet – geleitet vom KGB-Oberst Georgij Karpow. Und der unterwürfige Ton, den die Kirchenoberhäupter gegenüber der Staatsmacht an den Tag legten, dürfte zumindest teilweise der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass sie sich der labilen Lage und ihrer Abhängigkeiten bewusst waren. Als Sergij im Mai 1944 starb, wurde Alexij sein Nachfolger. In einem Brief an den „hochverehrten und teuren“ Stalin betonte er seine „unveränderte Treue gegenüber der Heimat und unserer von Ihnen geführten Regierung“ und bat darum, den „Gefühlen der tief empfundenen Liebe und Dankbarkeit für Sie“ Glauben zu schenken.

Doch auch solche Schmeicheleien konnten letztlich nicht verhindern, dass das „Tauwetter“ auf dem Gebiet der Religion in der Sowjetunion den Krieg nicht lange überdauerte.

Tino Künzel

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