Moskau links liegen lassen? In Russlands Luftfahrt ist das jetzt gefragt

Wer in Russland mit dem Flugzeug von A nach B will, der musste bisher oft um die Ecke fliegen. Statt dem kürzesten Weg zwischen zwei Punkten in den Regionen war nämlich ein Umsteigen in Moskau meist unausweichlich. Das soll sich ändern. Derzeit vergeht kaum eine Woche, ohne dass neue regionale Direktflüge eingeführt werden.

Durch mehr Direktflüge zwischen den Regionen sollen Fluggäste Zeit und Geld sparen. (Foto: Tino Künzel)

Aeroflot war einst die größte Fluggesellschaft der Welt. Damals trug sie noch den Namenszusatz „So­viet Airlines“. Mit einer Flotte, die ungefähr zehnmal so groß war wie heute, wurden 1990, im vorletzten Jahr der Sowjetunion, 139 Millionen Passagiere befördert. Der sowjetische Monopolist flog dabei von Moskau nach Paris, New York oder Tokio, aber auch, nur als Beispiel, von Sortavala nach Petrosawodsk in Karelien. Vom Flughafen der Kreisstadt Sortavala mit ihren etwa 20.000 Einwohnern hoben bereits in den 1970er Jahren bis zu sechs Flieger täglich nach Petrosawodsk am Onegasee und weitere zwei nach Leningrad ab, eine Entfernung von jeweils 200 Kilometern. Solche Strecken in der Luft zurückzulegen, war vor 50 Jahren offenbar so normal wie Bus- oder Bahnfahren.

Der Flughafen von Sortavala in einer Wiesen- und Waldlandschaft ist auf Satellitenkarten noch gut zu sehen. Mitten im Grünen nimmt er sich etwas paradox aus. Der Flugbetrieb wurde bereits 1995 eingestellt. Das russische Staatsfernsehen zeigte in einer Nachrichtensendung vor einiger Zeit Einheimische, die dort trotzdem für Ordnung sorgen und das Gelände nicht dem Verfall preisgeben wollen. Wer weiß auch schon, wozu das manchmal gut ist.

Geister-Flughafen als Rettung in der Not

2010 blieben 72 Passagiere einer Tu-154 der Fluggesellschaft Alrosa wie durch ein Wunder unverletzt, nachdem in dem dreistrahligen Jet auf dem Weg von Jakutien nach Moskau kurz nach der Überquerung des Urals der Strom ausgefallen war. Ohne Verbindung zur Außenwelt und mit Treibstoff für 30 Minuten leiteten die Piloten sofort den Sinkflug ein und hielten über der Taiga nach einem Ort Ausschau, der sich für eine Notlandung eignen könnte, bei der die Überlebenschancen zumindest nicht gleich Null waren. Im letzten Moment erspähten sie den Flughafen des nordrussischen Dorfes Ischma und brachten die Maschine dort mehr oder weniger unbeschadet zu Boden.

Seinen Anteil an diesem glimpflichen Ausgang hatte Sergej Sotnikow, der einzig verbliebene von einmal 126 Beschäftigten des Flughafens, wo nur noch Hubschrauber abheben, um abgelegene Orte aus der Luft zu versorgen. Die längst stillgelegte Start- und Landebahn aus Beton hielt Sotnikow dennoch in Schuss, einfach weil sich das doch so gehörte und weil er bis zuletzt hoffte, dass eines Tages vielleicht doch der Betrieb wieder aufgenommen würde. Vor zwei Jahren ging er in Rente. Die Schlagzeilen um seinen Flughafen und um ihn selbst haben nichts daran geändert, dass nach der Tupolew kein einziges Flugzeug mehr in Ischma landete.

Im regionalen und lokalen Linienverkehr werden in Russland noch zahlreiche Flugzeuge aus Sowjetzeiten eingesetzt, so wie diese Antonow An-26B von Kostroma Avia, Baujahr 1983. (Foto: Tino Künzel)

Die alten Zeiten kommen nicht wieder. Dafür ist Fliegen, in der Sowjetunion massiv subventioniert, zu teuer geworden. In den 1990er Jahren brach der Luftverkehr ein, die weitaus meistens Flughäfen mussten geschlossen werden. Inzwischen werden nicht nur alte saniert, sondern auch wieder neue gebaut, allerdings dann doch überwiegend in größeren Städten. So wie etwa im sibirischen Tobolsk, das selbst zu Sowjetzeiten keinen Flughafen hatte. Seit Mitte Oktober ist die historisch bedeutende Stadt mit einem der berühmtesten Kreml von Russland auch aus der Luft zu erreichen.

Langer Umweg kostet Zeit und Geld

Das Streckennetz umfasst mit Jekaterinburg, Nowosibirsk, Moskau und St. Petersburg zunächst vier Städte. Die Flüge werden auch von vier verschiedenen Fluggesellschaften abgewickelt. Aeroflot ist längst nur noch ein Name von vielen in der Branche, wenn auch mit Premium-Anspruch und in jeglicher Hinsicht die Nummer eins in Russland. Von der Pandemie jäh ausgebremst, legte die Staats-Airline bis dahin jedes Jahr zu und meldete für 2019 mit 37,2 Millionen Fluggästen ihr bisher bestes Ergebnis. Mit insgesamt 128,1 Millionen Passagieren erzielte auch die gesamte Branche einen neuen Rekord. Und obwohl sich dieser Wert 2020 mit 69,2 Millionen nahezu halbierte: Die postsowjetische Misere ist längst vergessen.

Doch der generelle Aufschwung konnte nicht verbergen, dass die Passagierströme sehr ungleich verteilt waren. Die Krisenjahre hatten nicht nur dafür gesorgt, dass viele kleinere Orte vom Luftverkehr abgehängt wurden, auch die Anbindung der Regionen untereinander ging verloren. Selbst in die Nachbarregion zu fliegen, erforderte nun einen Umweg über Moskau, denn nur die Strecken mit Start oder Ziel in der Hauptstadt waren profitabel. Der entsprechende Zeit- und Kostenaufwand für Fluggäste drückte aber wiederum auf die Nachfrage und hemmte damit die weitere Entwicklung der Branche.

Beliebtestes Flugziel neben Moskau und St. Petersburg ist in Russland die Schwarzmeerküste, hier der Flughafen von Anapa. (Foto: Tino Künzel)

Diese Lage der Dinge hat auch der Staat als Großbaustelle identifiziert, unter der die Mobilität der Bevölkerung leidet. Präsident Wladimir Putin machte es 2018 zu einer der Prioritäten seiner aktuellen Amtszeit, dass 50 Prozent aller Inlandsflüge unter Umgehung von Moskau abgewickelt werden. So steht es in den „Nationalen Zielen“ für den Zeitraum bis 2024, die er nach seiner Wiederwahl formulierte, von den russischen Medien auch „Mai-Dekrete“ genannt. Würde die Kennziffer erreicht, käme das einer Verdopplung des Anteils der Direktflüge zwischen den Regionen gleich.

Aeroflot goes regional

Glaubt man dem Chef der russischen Luftfahrtbehörde Rosawia­zija, Alexander Neradko, dann fehlt schon jetzt nicht mehr viel. Im Frühjahr sprach er davon, 2020 habe der besagte Anteil bei 45,5 Prozent gelegen. Zumindest hat die politisch gewünschte Dezentralisierung inzwischen deutlich Fahrt aufgenommen.

Aeroflot, seit dem Ende der Sowjetunion nur von und nach Scheremetjewo aktiv, bot im Sommer 2019 erstmals auch wieder regionale Verbindungen an. Zwei Jahre später folgte die Eröffnung eines neuen Drehkreuzes im sibirischen Krasnojarsk, der geografischen Mitte Russlands. Der Hub soll einerseits für den Transit zwischen Europa und Asien interessant sein, andererseits den regionalen Luftverkehr intensivieren. Von Krasnojarsk aus fliegt Aeroflot zunächst nach Irkutsk, Blagoweschtschensk, Krasnodar, Simferopol und Sotschi. Später sollen weitere Ziele hinzukommen. Insgesamt bediente die Fluggesellschaft allein zwischen April und August des laufenden Jahres 41 Inlandsstrecken abseits von Moskau und St. Petersburg. Mit den knapp 500.000 Passagieren, die sie dabei verbuchte, wurde ein Teil der Verluste aus dem Kerngeschäft – dem internationalen Flugverkehr – kompensiert.

Der Flughafen von Krasnojarsk ist das erste Drehkreuz von Aeroflot in den Regionen. (Foto: Tino Künzel)

Im Gegensatz zu Aeroflot haben sich andere Marktteilnehmer erklärter- und erwiesenermaßen auf die regionalen Routen spezialisiert. Als Vorzeigebeispiel kann die erst vier Jahre alte Fluggesellschaft Azimuth gelten, deren Heimatbasis die südrussischen Städte Krasnodar und Rostow am Don sind. Ihre Flotte besteht aus 15 Suchoj Superjet 100. Mit Stand von Anfang November hat Azimuth allein in diesem Jahr über 70 neue Direktflüge zwischen den russischen Regionen eingerichtet, verbindet nun unter anderem Mineralnyje Wody, das Tor zu den Heilbädern im Nordkaukasus, mit den sibirischen Großstädten Omsk, Tjumen und Nischnewartowsk.

Kleine Airline mischt die Branche auf

Die durchschnittliche Sitzplatzauslastung seiner Maschinen bezifferte das Management für die ersten sieben Monate dieses Jahres mit über 85 Prozent. Im schwierigen Jahr 2020 verzeichnete Azimuth bei den Passagierzahlen nur einen leichten Knick von 2,1 Prozent, während es für den Gesamtmarkt um 46 Prozent in den Keller ging, bei Aeroflot sogar um mehr als 60 Prozent. Der Erfolgskurs setzt sich in diesem Jahr fort. 1,6 Millionen Fluggäste in den ersten drei Quartalen bedeuten für Azimuth einen Zuwachs von 83 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Die Fluggesellschaft Azimuth verkehrt mit großem Erfolg zwischen russischen Provinzstädten. (Foto: Wikimedia Commons/Anna Zvereva)

Weitere Fluggesellschaften mit hoher regionaler Kompetenz sind RusLine, IrAero und neuerdings auch Red Wings, nach Passagierzahlen die Nummer zehn in Russland. Ende September haben die „Roten Flügel“ ihrem Portfolio wieder fünf neue Strecken hinzugefügt. Von der Millionenstadt Perm am Ural aus gehrt es jetzt auch nach Murmansk, Astrachan, Machatschkala, Omsk und Tscheljabinsk. Die Airline, die dem Staatskonzern Rostec gehört, vollzog 2019 ein Rebranding, doch bei der frischen Optik allein soll es nicht bleiben. Red Wings will seine Flotte bis 2024 mit Flugzeugen aus russischer Produktion mehr als verdoppeln und versucht sich derzeit als „regionaler Billigflieger“ neu zu positionieren, mit einem Schwerpunkt auf Jekaterinburg.

Der Jekaterinburger Flughafen Kolzowo hat wohl auch deshalb die 50-Prozent-Quote für Regionalflüge bereits übererfüllt. Ihr Anteil habe in den ersten neun Monaten 63 Prozent betragen, heißt es. Aus der viertgrößten Stadt Russlands wurden zuletzt 51 Städte angeflogen. Seit 3. November sind es mit Narjan-Mar und Syktywkar, den Hauptstädten des Autonomen Kreises der Nenzen und der Komi-Republik, wieder zwei mehr.

Billigflieger umgeht Moskau

Voll im Trend liegt auch Russlands zweitgrößte Fluggesellschaft S7 mit ihren Plänen. Sie hat die Gründung eines Low-Cost-Car­riers namens Citrus angekündigt, der im Juli 2022 startklar sein soll. Tickets für zunächst 22 Strecken sind demnach ab März verfügbar. Der Name Citrus soll nicht nur fruchtig-frische Assoziationen wecken, sondern auch für „Cities of Russia“ stehen und Programm sein: Der rosa-gelbe Marktneuling wird den Moskauer Großraum meiden und stattdessen Städte aus der zweiten Reihe vernetzen. So geht er auch der Konkurrenz mit der ambitionierten Aeroflot-Billigtochter Pobeda aus dem Wege.

Ein geradezu politisches Projekt ist die Fluggesellschaft Aurora. Im Verbund mit einigen kleineren Partnern hat sie die Aufgabe, den Fernen Osten Russlands besser zu erschließen, als das bisher der Fall ist. 2013 gegründet, absolvierte sie Ende Juli dieses Jahres ihren ersten Flug als „vereinte fernöstliche Fluggesellschaft“. 2025 soll sie 530 Strecken in dem riesigen Föderalbezirk Fernost abdecken, der 20 Mal so groß wie Deutschland ist, und dazu kurz- und mittelfristig mit 45 weiteren Flugzeugen aufgerüstet werden. Das Vorhaben steht im Kontext einer Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung vor Ort mit dem Ziel, die anhaltende Abwanderung zu stoppen.

Die Regionalisierung des Flugverkehrs wird vom Staat mit Milliardensummen gefördert. Ohne Subventionen geht es auch heutzutage nicht. Anfang November gab Ros­awiazija in einem Ausblick auf 2022 bekannt, dass 9,3 Milliarden Rubel aus dem Staatshaushalt (umgerechnet gut 110 Millionen Euro) für 372 Strecken und 14 Fluggesellschaften bewilligt wurden. Zum 1. Oktober 2019 hatte Russland bereits die Mehrwertsteuer für alle Flüge unter Umgehung von Moskau auf null gesetzt.

Tino Künzel

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