Billigflieger Pobeda im Höhenflug

Der Billigflieger Pobeda ist 2019 in die Phalanx der fünf größten Fluggesellschaften Russlands eingedrungen. Die Aeroflot-Tochter steht zwar häufiger als andere in der Kritik, macht aber scheinbar auch viel richtig. In Deutschland fliegt sie vier Ziele an.

2019 war ein gutes Jahr für Russlands Luftverkehrsbranche. Das Passagieraufkommen stieg um 10,2 Prozent auf 128,1 Millionen. Von den 20 größten Fluggesellschaften verbuchten nur vier schwächere Zahlen als im Jahr davor, die übrigen legten teils kräftig zu, neun Airlines sogar zweistellig. Das geht aus vorläufigen Daten der Luftfahrtbehörde Rosawijazija hervor. Bereits 2018 hatte es für den Gesamtmarkt ein Plus von 10,5 Prozent gegeben.

Mit den größten Zuwächsen konnten im vergangenen Jahr die Fluggesellschaften Azimuth mit Sitz in Rostow am Don (fliegt ab 31. März von dort mit ihrer russischen Superjet-100-Flotte auch zweimal pro Woche nach München) und Smartavia aus Archangelsk (früher Aeroflot-Nord und Nordavia) aufwarten, allerdings auf vergleichsweise niedrigem Niveau. In der Spitze war erneut Pobeda der klare Gewinner und machte seinem Namen alle Ehre. Auf Deutsch bedeutet er „Sieg“.

Eine Pobeda-Boeing auf dem Flughafen Leipzig (Foto: Tino Künzel)

Russlands einziger Billigflieger beförderte 2019 mehr als 10,3 Millionen Fluggäste, ein Plus von 44,4 Prozent im Jahresvergleich. Damit schob sich die Aeroflot-Tochter, die im Dezember fünf Jahre alt wurde, vom sechsten auf den vierten Platz in Russland vor – vorbei an Utair und Ural Airlines, die beide über deutlich mehr Flugzeuge verfügen. Doch die 30 Boeing 737-800 von Pobeda sind – typisch für den Low-Cost-Sektor – länger in der Luft. Zudem ist die Auslastung mit über 94 Prozent die mit Abstand höchste unter allen russischen Linienfluggesellschaften, nur bei den Ferienfliegern Azur Air und Royal Flight bleiben noch weniger Sitze frei.

In naher Zukunft könnte Pobeda bei den Fluggastzahlen auch die Nummer zwei und drei in Russland, S7 und Rossija, überflügeln. Sie verzeichneten im Vorjahr 14 Millionen und 11,6 Millionen Passagiere. Bei Pobeda sollen es bis zum Jahr 2023 mindestens 25 Millionen sein, so das erklärte Ziel. Außer Reichweite ist damit nur Spitzenreiter Aeroflot mit 37,2 Millionen Passagieren im Jahr 2019.

Sogar im internationalen Vergleich stark

Derzeit bedient Pobeda ungefähr 100 Strecken. In Deutschland werden Leipzig, München, Baden-Baden und Köln angeflogen. Dass die Fluggesellschaft eine solche Erfolgsstory werden würde, war durchaus nicht sicher. Davor hatten sich andere Namen im Billigsegment versucht, aber nicht lange durchgehalten. Sky Express und Avianova gaben jeweils nach wenigen Jahren kurz hintereinander 2011 auf. Pobeda dagegen war 2018 laut Branchendienst CAPA der am schnellsten wachsende Billigflieger Europas und ist diesen Winter Europas wachstumsstärkste Fluggesellschaft überhaupt. Zu diesem Schluss kam das als Newsletter vertriebene Fachblatt Anker Report.

Dabei löst keine Airline in der Heimat so viel Für und Wider aus. Aber das liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache. Denn auch Sparen hat seinen Preis, was viele am eigenen Leib zu spüren bekamen. In den ersten Jahren herrschte ständig Verwirrung darüber, was denn nun als Handgepäck mit ins Flugzeug darf und was nicht. Im Oktober 2018 führte Pobeda eine Gebühr von 25 Euro für den Check-in am Schalter ein, die allerdings nur auf ausländischen Flughäfen erhoben wurde, wobei der Online-Check-in bereits vier Stunden vor Abflug endete. Was für viel böses Blut bei Passagieren sorgte, die von der Regelung überrascht wurden oder aus Zeitgründen nicht per Internet einchecken konnten, ist allerdings relativ branchenüblich. Ryanair verlangt für denselben Vorgang sogar 55 Euro. Trotzdem musste der Schritt im November 2019 rückgängig gemacht werden. Ein Moskauer Gericht befand, dass die Gebühr gegen russische Gesetze verstößt.

An Bord geht es geruhsam zu

Während des Fluges findet keinerlei Service statt. Die Bordküche ist verplombt, es gibt also weder etwas zu essen noch etwas zu trinken, auch nicht für Geld. „No frills“ in Reinkultur. Das Bordjournal wird nach dem Start ausgeteilt und vor der Landung wieder eingesammelt, es sei denn, man möchte es behalten.

Der häufigen Empörung über vermeintliche Zumutungen stehen aber außer dem Preis auch andere Vorzüge gegenüber. Pobeda ist die pünktlichste Fluggesellschaft Russlands und verfügt über eine der modernsten Flugzeugflotten auf dem Markt, das Durchschnittsalter der Boeings lag im September 2019 bei 2,4 Jahren. Die Freundlichkeit des Personals ist überhaupt nicht knapp kalkuliert und entspricht dem der Muttergesellschaft. Da das Einsteigen über die Vorder- und die Hintertür erfolgt, gelangt man schnell zu seinem Platz. Dort hat man dann für die Zeit des Fluges seine Ruhe, ohne ein Sandwich oder einen Keks in die Hand gedrückt zu bekommen oder sich für ein Tässchen Tee oder Kaffee entscheiden zu müssen.

Das kann durchaus entspannend sein, zumal man auch von den Vorderleuten nicht genervt wird: Die Rückenlehnen lassen sich nicht zurückklappen. Netter Aspekt am Rande: Die Lautsprecherdurchsagen wurden von dem bekannten russischen Komiker Garik Charlamow eingesprochen. Das kann zu guter Laune beitragen, sofern man denn Russisch versteht.

Unsere in Moskau lebende Kollegin Martina Wiedemann scheint mit Pobeda jedenfalls ziemlich zufrieden zu sein. Das hier hat sie neulich bei sich auf Facebook gepostet:

Zwei WeltenAls ich am 8. Januar mit meinem frisch operierten Sprunggelenk von Berlin Tegel nach Moskau Vnukovo flog,…

Опубликовано Мартиной Виедеманн Вторник, 21 января 2020 г.

Tino Künzel

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