„Labor der Zukunft“: Kinetische Kunst in der Tretjakow-Galerie

Die Neue Tretjakow-Galerie startet mit kinetischer Kunst in das neue Jahr. Die Besucher dürfen die Werke auch anfassen und mit ihnen interagieren.

Anatolij Wolgins „Beginning“ bildet den Auftakt zur Ausstellung. (Foto: Maria Bolschakowa)

Gedämpftes Licht, bewegliche Spiralen und Musik schaffen eine „kosmische“ Atmosphäre. Die Komposition bewegt sich in der Mitte des Raums und beleuchtet Schwarz-Weiß-Fotos an der gegenüberliegenden Wand. Man sieht glückliche junge Leute bei der Arbeit. Sie bauen etwas, das bald ein Objekt der kinetischen Kunst werden könnte. Mit der Komposition „Beginning“ versuchte Anatolij Wolgin 1965 als armer Student die Grundidee der kinetischen Kunst auszudrücken: Bewegung, Kombination verschiedener Künste und Symmetrie.

Das Werk Wolgins steht am Beginn der Ausstellung „Das Labor der Zukunft. Kinetische Kunst in Russland“ in der Neuen Tretjakow-Galerie. Mit der Schau will das bekannte Museum Besucher mit einer bis heute wenig untersuchten Richtung in der russischen Kunst vertraut machen und zeigen, wie sich die kinetische Kunst in den 1960er und 1970er Jahren in der Sowjetunion entwickelte.

Die Bilder erzeugen Neugier

Geht man durch die folgenden Räume, hat man zunächst das Gefühl, dass „Das Labor der Zukunft“ sich nicht von anderen Ausstellungen unterscheidet. Doch der erste Blick täuscht. Schließlich wird hier neben der üblichen Skizze eine Animation präsentiert, mit der man sich gut vorstellen kann, wie das Bild lebt. Gegenüber einer Wand mit Gemälden steht ein Schild „Die Exponate können zu Unbehagen führen“. Die Bilder bewegen sich zwar schnell, verursachen aber nur positive Gefühle wie Neugier. In einem anderen dunklen Raum sieht man Projekte von Wjatscheslaw Kolejtschuk – geometrische Objekte, die eigentlich nicht da sind. Möglich wird das durch die Wechselwirkung von Licht und holografischem Film, auf dem ein Laserbild aufgetragen wird.

Die Ausstellung zeigt in vier Abschnitten mehr als 400 interaktive Objekte, Ton- und Videoinstallationen. Um alle Objekte nicht nur zu sehen, sondern auch zu verstehen, sollte man mindestens drei Stunden einplanen. Das „Labor des Sehens“ widmet sich der Erforschung der visuellen Wahrnehmung und künstlerischen Experimenten, die diese Fähigkeiten erweitern können. Hier wird besonders auf die subjektiv-psychologischen Eigenschaften der Wahrnehmung geachtet. „Was siehst du hier?“ ist vielleicht die beste Frage an Freunde, mit denen man gekommen ist. Konfigurationen von Formen und Farbflecken in den Werken von Lew Nusberg, Alexander Grigorjew, Jurij Zlotnikow vermitteln den Effekt von Volumen, Pulsation und Planänderung.

Anfassen ist erwünscht

Ein weiteres Erlebnis steckt hinter weißen Türen mit dem Schild „Fortsetzung der Besichtigung“. Hier können (oder besser gesagt sollen) die gezeigten Kunstwerke und Installationen direkt bewegt oder angefasst werden. Wie in einem echten Labor zeigt sich das Objekt nicht ohne Interaktion. Man spürt die Impulse des Lichts oder experimentiert mit einem interaktiven akustischen Klangobjekt. Selten waren die Kurzbeschreibungen an der Wand wohl sinnvoller. Denn es ist schwer, anhand des Aussehens von Objekten zu erraten, wann sie geschaffen wurden (vor fünfzig oder fünf Jahren) und wie sie funktionieren.

Der Rundgang durch die Ausstellung wird von einer Mischung von Geräuschen einzelner Objekte (sei es Musik oder sich wiederholender Text) begleitet, was jedoch nicht ablenkt, sondern eine besondere Atmosphäre schafft. Es scheint, als ob die Ausstellung als permanenter Mechanismus lebt. Und wenn am Abend die Objekte erstarren ist man fast ein wenig traurig. Bis zum 10. Mai gibt es aber noch viele Gelegenheiten, in die Welt der kinetischen Kunst einzutauchen.

Maria Bolschakowa

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