Krank geschrieben

Lange vor der Coronakrise: Viren und Krankheiten inspirieren Schriftsteller immer wieder zu großen Erzählungen. Auch in der russischen Literatur lassen sich so einige malade Helden finden.

Antriebslos: Romanheld Oblomow trägt Zeichen einer Depression. (Foto: yandex.net)

Depression

„Warum muss das denn heute sein?“ Ilja Oblomow ist ein Meister des Aufschiebens und der Vermeidung. Statt anstehende Entscheidungen zu treffen, zieht sich der wohlsituierte Gutsbesitzer lieber ins Bett zurück, schläft, träumt oder dämmert vor sich hin. Wenn es ganz hochkommt, grübelt der phlegmatische Faulpelz auch mal über die längst notwendigen Reformen auf dem väterlichen Gut nach. Zu deren tatkräftiger Umsetzung reicht die Energie dann aber doch nie. Aus heutiger Sicht deutet die völlige Antriebsschwäche des Hauptcharakters aus Iwan A. Gontscharows berühmten Roman „Oblomow“ auf eine schwere Depression hin. Psychiater sprechen bis heute von einem „Oblomow-Syndrom“, um die Persönlichkeitsstruktur körperlich gesunder Menschen zu beschreiben, die unter einem Zustand völliger mentaler Apathie leiden.

Sommergrippe

St. Petersburg 1860: „Bin ich eine Laus wie alle anderen, oder ein Mensch?“ Um sich von seiner eigenen Überlegenheit zu überzeugen, schmiedet der hochbegabte Ex-Jura-Student Rodion Raskolnikow einen finsteren Plan. Er will die wohlhabende Pfandleiherin Aljona Iwanowna ermorden. Nach vollbrachter Tat bricht der Hauptcharakter von Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“ zusammen, hat schlimme Alpträume, halluziniert und versinkt in einem tagelangen Delirium. Der herbeigerufene Arzt Sossimow tut die Symptome als Nervenüberlastung ab. Doch die beschriebenen Krankheitszeichen passen auch zu der damals in St. Petersburg grassierenden Sommergrippe, die in schweren Fällen auch mit Bewusstseinsstörungen und Halluzinationen einhergeht.

Syphilis

Er inszeniert einen spektakulären Straßenbahnunfall und zaubert lästige Personen flugs in die Psychiatrie: Das Auftauchen des schwarzen Magiers Voland aus Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ stellt das Leben in Moskau auf den Kopf. Doch auch Zauberer mit dunklen Kräften haben Gebrechen: Voland leidet an Knieschmerzen, deren Ursache sich seine Vertrauten mit Rheumatismus erklären. Der finstere Magier führt das Leiden allerdings auf eine bezaubernde Hexe zurück, mit der er bei einer schwarzen Messe nähere Bekanntschaft geschlossen habe. Zusammen mit dem dunklen Teint, den tiefen Falten seiner Haut und der beschriebenen schiefen linken Gesichtshälfte weist Voland alle Anzeichen eines Syphiliskranken auf.

Birger Schütz

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