Kleines Mädchen ganz groß

Ende September lud der Katharinenball erstmals Zerbst die Freunde barocker Tanzkultur nach Zerbst. Mit dabei in Sachsen-Anhalt war auch eine Delegation aus Moskau. In ihrem Gepäck hatte sie ein besonderes Geschenk – eine reich illustrierte Märchengeschichte über den Aufstieg einer deutschen Prinzessin zur russischen Zarin.

Fragt man kleine Mädchen, welche Prinzessinnen sie kennen, wird man fast immer folgende Antworten erhalten: Rapunzel, Dornröschen, Mulan, Schneewittchen oder Pocahontas. Dass viele Figuren aus Disney-Filmen genannt werden, ist wenig verwunderlich. Schafft es doch das Filmstudio wie niemand sonst, eine Traumwelt zu entwerfen. Eine, in die Kinder weltweit eintauchen. 

Russische Prinzessinnen wird man in den Traumwelten von kleinen Kindern vergeblich suchen. Sie tauchen erst später auf, wenn die Kinder die Geschichte des Landes lernen. Und diese ist ebenfalls voller märchenhafter Momente. Auch in Russland gab es viele Prinzessinnen, die mit denen Walt Disneys problemlos mithalten können. 

Es ist bekannt, dass deutsche Frauen am russischen Hof sehr beliebt waren. Begonnen hat diese Vorliebe mit Peter I., der für seinen Sohn Alexej eine Frau aus dem Geschlecht der Welfen auswählte. 1711 fand die Hochzeit statt, mit der Charlotte Christine Sophie von Braunschweig-Wolfenbüttel die erste deutsche Prinzessin in Russland wurde.

Deutsche Frauen waren Teil des russischen Hofes

Über zwei Jahrhunderte hinweg waren preußische, hessische und württembergische Prinzessinnen Teil des Herrscherhauses Romanow. Die letzte Deutsche war Alix Viktoria Helene Luise Beatrix von Hessen und bei Rhein. Bekannt als Alexandra Fjodorowna, war sie die Frau des letzten russischen Zaren. 

Eine Prinzessin sticht aber unter allen anderen heraus. Niemand hinterließ in der russischen Geschichte solche Spuren wie die Zarin Katharina die Große, Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst. Über dreißig Jahre saß sie auf dem Thron, erweiterte die Grenzen des Imperiums und stand im Briefwechsel mit den französischen Philosophen Voltaire und Denis Diderot.

Nicht ohne Grund wird die Herrschaftszeit Katharinas in Russland mit dem Viktorianischen Zeitalter in Großbritannien verglichen. Es war ein goldenes Jahrhundert. Ist Katharina für die Russen eine historisch bedeutsame Persönlichkeit, so ist sie für die Russlanddeutschen fast heilig. War sie es doch, die ihre Landsleute dazu aufrief, nach Russland zu kommen, vor allem in den bis dahin wenig bevölkerten Süden. 

Katharina war die Blütezeit

Auch wenn die Deutsche Vorstadt in Moskau und die Gemeinden in anderen Städten schon lange vorher entstanden, begann die massenhafte Einwanderung in das Russische Zarenreich mit den Manifesten Katharinas. Die Deutschen in Russland erinnern gern daran und gedenken dieser Blütezeit. Unter anderem mit der Geschichte „Wie die kleine Friederike zu Katharina der Großen wurde“, herausgegeben vom Internationalen Verband der deutschen Kultur.

Das Buch erzählt die Geschichte, könnte aber auch ein Märchen sein. Es bietet Lesern, die gerade erst beginnen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, einen guten Einstieg. Der historische Stoff dient nicht einfach als Hintergrundkulisse. Die Autorin Julia Winkler erfindet die Biografie der Prinzessin von Anhalt-Zerbst, aus der die russische Zarin wurde, nicht neu, sondern erzählt sie mit einer ungezwungenen Leichtigkeit.

Die detailreiche Gestaltung belebt den Text

Winkler wählt dabei einen eleganten Ansatz und erzählt die Geschichte aus der Sicht des kleinen Spiegels, den die junge Friederike stets bei sich trug. Das relativ dünne Buch umfasst dabei Lebensabschnitte, von der Geburt, den Kindheitstagen über das Kennenlernen ihres Mannes und den Umzug nach Russland bis zur Thronbesteigung und der langen Regentschaft. 

Nicht minder interessant ist auch die Form. Geschrieben auf Russisch, ist der erste Teil voll mit Dialogen auf Deutsch, der Muttersprache der kleinen Friederike. Die Autorin hat sich bewusst dafür entschieden. Sie will damit nicht nur historisch korrekt sein, sondern bei den Lesern auch das Interesse an Fremdsprachen wecken. 

Besondere Aufmerksamkeit erweckt auch die künstlerische Gestaltung des Märchenbuches, trägt sie doch wesentlich zum Erfolg des Werkes bei. Mit viel Geduld, Aufmerksamkeit und Akkuratesse hat es Illustrator Michail Gurow geschafft, in „Wie die kleine Friederike zu Katharina der Großen wurde“ den Text zu beleben, einprägsame Figuren mit großem Humor zu schaffen und gleichzeitig den Zeitgeist der Epoche Katharinas wiederzugeben.

Jedem der Bilder ist die große Liebe zum Detail anzumerken. Dennoch hat Gurow nicht den Blick des Dokumentaristen, sondern des Künstlers walten lassen. Das Ergebnis lässt sich nur schwer beschreiben, man muss es gesehen haben.

Auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr war „Wie die kleine Friederike zu Katharina der Großen wurde“ das beliebteste Buch am Stand des russischen Verlages. Ein Erfolg, der sich auch in Katharinas Heimatstadt Zerbst wiederholt hat. 

Igor Beresin

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