Kathedralen des Sports: Ausstellung zum Wandel der Stadien Russlands

Sport war das Kernthema der Sowjetunion, ihre Stadien setzten weltweit Maßstäbe. Pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet das Staatliche Schtschussew Museum für Architektur in Moskau eine Ausstellung zur russischen Stadion-Kultur.

Luschniki-Stadion: Meisterwerk der sowjetischen Architektur /Foto: Kim Hornickel.

Das Internationale Rote Stadion in Moskau sollte alle Stadien in den Schatten stellen: Platz für 60 000 Menschen. Weitere 8000 sollten in der dazugehörigen „kleinen“ Sportarena unterkommen – pittoresk und imposant in die an der Moskwa gelegenen Sperlingsberge gebettet. „Als Resultat wird Russland wirklich wie ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten aussehen. Dieses Stadion wird ein riesiges Monument der Weltrevolution und des menschlichen Geistes sein, von dem man nicht nur in unserer Zeit, sondern auch noch in tausend Jahren sprechen wird.“ Das sagte 1921 Nikolaj Podwoiskij, Revolutionär und erster Sportminister der Sowjetunion.

Das Internationale Rote Stadion war die avantgardistische Übersetzung der antiken Sporttempel Griechenlands. Die Kaderschmiede WChuTEMAS – das russische Bauhaus – gewann den Architektur-Wettbewerb. Statt Säulen und Pilaster dominierten Purismus und Funktionalität. Das Modell gewann 1925 sogar den Hauptpreis der internationalen Design-Ausstellung in Paris.

Doch aufgrund der schwierigen geografischen Lage scheiterte das Bauvorhaben. Das Rote Stadion blieb in der Geschichte ein großes Experiment und ein Vorbote für das Luschniki-Stadion.

Orte des kollektiven Körpers

Wie sich die Architektur der Stadien in Russland seitdem wandelte, zeigt das Staatliche Schtschussew Museum für Architektur in Moskau. Die Ausstellung schlägt eine Brücke von den Anfängen im 20. Jahrhundert hin zu den modernen Spielstätten der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland. Zeichnungen, Fotografien, Modelle und Videomaterial veranschaulichen auf vielschichtige Weise, welche Paläste, Tempel und Kathedralen für den Sport imaginiert wurden.

Besonders Architekten in den 20er und 30er Jahren beflügelte die Sportkultur. Eine regelrechte Flut an Stadien-Entwürfen brach aus. „Das waren Orte des kollektiven Körpers“, sagt Kurator Mark Akopian.
Anders als heutige Sportarenen wurden Stadien bis in die 70er Jahre eher flach, mit nur einem Rang gebaut. Denn Sport war das Kernthema der Sowjetunion. Starke, athletische und gesunde Genossen sollten den aufstrebenden Sozialismus widerspiegeln. Und die Masse der Zuschauer sollte als eine einzige Klasse mit ihnen fiebern.

Ungünstige Lage an den Sperlingsbergen: Das Internationale Rote Stadion wurde in Moskau nie realisiert. /Foto: Kim Hornickel.

Den Übergang zum Stalinismus verdeutlicht das Dynamo-Stadion, das 1928 fertiggestellt wurde. Funktional das Hauptgebäude, klassizistisch die Metro-Eingänge, die es flankieren. In dem für Leichtathletik vorgesehenen Stadion konnten bis zu 40 000 Menschen den Wettkämpfen beiwohnen. Zu wenig für Stalin. Während sich Deutschland in den 30er Jahren auf die Olympischen Spiele 1936 in Berlin vorbereitete, schickte sich der sowjetische Führer an, mit einem noch größeren Architekturdenkmal zu triumphieren: dem Zentralen Stalin-Stadion in Izmailowo.

Auf 300 Hektar entstand ein gigantischer, klassizistischer, elliptischer Bau, mit drei Tribünen, die einen freien Blick auf den groß angelegten Park gaben. Jeder der 160 000 Zuschauer sollte sich wie ein unzertrennlicher Teil des starken Sportteams fühlen, erklärte Architekt Nikolaj Kolli 1933. Hierher sollten nicht nur die prächtigen Paraden vom Roten Platz verlegt werden, auch die Internationale Spartakiade sollte ihren festlichen Rahmen in Izmailowo finden.

Zunehmende Kommerzialisierung

Erst der Krieg 1939 mit Finnland und später der Zweite Weltkrieg brachten den Bau zum Erliegen. Als die Stadt Moskau dann zum Izmailowo-Stadion zurückkehrte, gab es das größte Stadion des Landes schon und zu dessen Füßen steht Lenin: das Luschniki-Stadion, ein Koloss, der 1956 eröffnet wurde.

In Miniaturform: Das Krestowskij-Stadion in St. Petersburg ist eine Spielstätte der WM in Russland. /Foto: Kim Hornickel.

Heute potenzieren die steilen, überdachten Tribünen die Akustik. Das Fiebern der Fans ist ohrenbetäubend, die Emotionen kochen in der „Schüssel“, wie Mark Akopian die neuen Tempel des Sports bezeichnet. Hier wird, anders als in der sowjetischen Epoche, mit Emotionen Geld verdient. Längst sind Sportarenen Austragungsorte für Konzerte und Festivals, kommerzialisiert bis ins letzte Detail.

Wo es im Mittelalter für einen Architekten das Größte war, eine Kathedrale zu bauen, steht im 20. und 21. Jahrhundert ein Stadion. Akopian resümiert: „Sie sind lebende Organismen. Sie werden auch in hundert Jahren gebaut.“

Die Ausstellung „Architektur der Stadien“ läuft noch bis zum 26. August.

Katharina Lindt

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