Junges Leben in alten Mauern

Durch Moskaus ehemalige Fabriken weht ein frischer Wind. Dort, wo früher Waren und Lebensmittel produziert wurden, sind in den vergangenen Jahren Kreative eingezogen und haben eine aktive und vielfältige Szene geschaffen. Die MDZ erklärt das Phänomen der Moskauer Kreativcluster und zeigt, welche man unbedingt besuchen sollte.

Kreativcluster
Hotspot für Feierwütige und Wissensdurstige: der „Rote Oktober“ © Kristina Geldt

Einst versorgten Moskaus Fabriken Russland mit Süßigkeiten, Brot und Wirtschaftsgütern. In den 2000er Jahren begannen Künstler und Designer die nun leer stehenden Räume für sich zu entdecken und schufen die ersten Kreativcluster in Russlands Hauptstadt. Heute sind die ehemaligen Fabriken Anziehungspunkte für Bohème, Kunstliebhaber und Modeinteressierte.

Waren es zu Beginn noch wenige Fabrikgelände, die von Kreativen erobert wurden, hat in den vergangenen Jahren ein regelrechter Cluster-Boom eingesetzt. Denn die Kreativwirtschaft wächst, nicht nur in Russland, sondern auf der ganzen Welt. Und Moskau bietet ideale Voraussetzungen, denn Industriegebiete machen fast ein Viertel der Stadtfläche aus. Deren Umwandlung ist für die Stadt eine große Herausforderung und eine ebenso große Chance für die Kreativwirtschaft.

Nicht zuletzt sind die ehemaligen Fabriken ideal für die Anforderungen von Künstlern und Designern. Die Industrie-Ästhetik mit hohen Decken, riesigen Fenstern, rauen Ziegelwänden ohne großes Dekor entspricht dem aktuellen Zeitgeist. Doch trotz aller künstlerischen Initiativen und kreativer Schöpfungen sind Cluster private Unternehmen, die Rendite erwirtschaften müssen. Deshalb trifft man hier auch internationale Kaffeeketten und Verkaufsräume bekannter Modemarken an. Von diesem kleinen Makel sollte man sich aber nicht stören lassen. Denn Moskaus Kreativcluster sind mittlerweile feste Größen im kulturellen Leben der Stadt. Wer sie besucht, erlebt die Vielfalt der Moskauer Szene.   

Designfabrik „Flacon“

Kreativcluster
Streetart auf dem „Flacon“ © Daniel Säwert

Die Designfabrik „Flacon“ gehört zu den ältesten Clustern in Moskau. Entstanden ist sie auf dem Gelände einer ehemaligen Kristallglasfabrik. Das Motto lautet: „Erschaffe was du willst!“ Besonders die interessanten Graffitis und außergewöhnlichen Kunstinstallationen entsprechen diesem Motto. Außerdem ist auf dem Gelände der unabhängige Fernsehsender „Doschd“ angesiedelt. Dieser wurde besonders nach der Parlamentswahl 2011 bekannt, als er zunächst als einziger Sender über die anschließenden Proteste berichtete.

Auch Konzerte, Streetfood Festivals und Ausstellungen finden auf dem Gelände regelmäßig statt. Es lohnt sich also, die Website von „Flacon“ auf aktuelle Veranstaltungen zu überprüfen. „Wir gestalten den Cluster so, wie er in der Stadt und für die Menschen benötigt wird, die ihn nutzen werden“, erklärte der Geschäftsführer Jan Jarmorschtschuk im vergangenen Jahr im MDZ-Interview. Nur einen Katzensprung vom „Flacon“ entfernt liegt das noch junge Cluster „Chlebosawod“. Die ehemalige Brotfabrik wird von denselben Betreibern geführt und lockt die Moskauer mit einer großen Bandbreite an Design- und Modegeschäften.

Designfabrik „Flacon“  

Ul. Bolschaja Nowodmitrowskaja 36

M Dmitrowskaja

flacon.ru

Kreativcluster
Urbane und vegane Lebenskultur im Designzentrum „Artplay“ © Kristina Geldt

Designzentrum „Artplay“

Das Designzentrum „Artplay“ gehört zu den Pionieren der Moskauer Kreativcluster. In der Nähe des Kursker Bahnhofs sind auf einer Gesamtfläche von 75 000 Quadratmetern Ausstellungsräume, Architekturbüros, Designstudios und Cafés angesiedelt. Beeindruckend für Besucher sind vor allem die Multimediaausstellungen. Aushängeschild des „Artplay“ ist die Bildung im Bereich der Kreativwirtschaft. Allen voran steht die British Higher School of Art and Design. Oder, wie sie fast schon liebevoll von den Studenten genannt wird, Britanka.

Ergänzt wird das Portfolio von einer Reihe anderer Bildungseinrichtungen wie der Moscow School of Cinema, Moscow Architectural School MARSH oder Moscow School of Communication MACS. Auch zu späterer Stunde ist das Gelände belebt. Mehrere Restaurants, Bars und Lokale bieten unterschiedlichste Küche. Sowohl Burgerliebhaber als auch Anhänger der veganen Küche kommen hier auf ihre Kosten. 

Designzentrum „Artplay“  

Nischnjaja Syromjatnitscheskaja 10

M Kurskaja

www.artplay.ru

Kreativcluster
Im „Winsawod“ gibt es zeitgenössische Kunst an jeder Ecke. © Kristina Geldt

Zentrum für zeitgenössische Kunst  „Winsawod“ 

Nur ein paar Fußminuten vom „Artplay“ entfernt befindet sich das Zentrum für zeitgenössische Kunst „Winsawod“. Das Cluster, beheimatet in einer ehemaligen Weinfabrik, hat sich auch international bereits einen Namen gemacht. In elf verschiedenen Galerien stellt die neue Generation russischer Künstler ihre Arbeiten aus. Auf 20 000 Quadratmetern lassen sich hier Malerei, Fotografie und Bildhauerei entdecken.

Für die Förderung von jungen und noch unentdeckten Künstlern hat „Winsawod“ eine eigene Stiftung gegründet. „Wir wollten eine Art kleine Kunststadt erschaffen, die lebt und sich weiterentwickelt“, schreibt die Gründerin Sofja Trozenko auf der Homepage des „Winsawod“. So bietet das Projekt „Start“ beispielsweise jeden Monat einem anderen Künstler die Möglichkeit, seine eigene Ausstellung zu gestalten. Neben der Kunst gibt es weitere Initiativen wie philosophische Lesungen, Einblicke in das Graffiti- und Street-Art-Szene oder die Förderung junger Journalisten in der Kunstszene.

Zentrum für zeitgenössische Kunst „Winsawod“

4-yj Syromjatnitscheskij pereulok 1/8, str. 6

M Kurskaja

www.winzavod.ru

Art-Cluster „Roter Oktober“

Direkt gegenüber der Christ-Erlöser-Kathedrale, auf der Baltschug -Halbinsel gelegen, steht die ehemalige Schokoladenfabrik „Roter Oktober“. Vor etwas mehr als zehn Jahren verlagerte die Firma ihre Produktion an den Stadtrand. Eher zufällig entwickelte sich auf dem ehemaligen Fabrikgelände ein Kreativcluster. Heute geht es etwas kommerzieller, aber nicht weniger spannend zu. Besonders für Nachtschwärmer ist der „Rote Oktober“ interessant.

Mehrere bekannte Nachtclubs wie das „Gypsy“ oder das „ICON“ sind in dem Komplex angesiedelt. Daneben gibt es viele weitere Bars, Cafés und Shisha-Lokale. Besonders prägend für den „Roten Oktober“ ist aber das Strelka-Institut. Kostenlose Vorlesungen, Tagungen, Filmfestivals und ähnliches sollen neues Wissen schaffen und vor allem die Kreativität anregen. Das besonders auf Architektur spezialisierte Institut beschränkt sich hierbei nicht nur auf ein bloßes Sammeln von Ideen, sondern ist aktiv in den Moskauer Stadtumbau eingebunden. 

Art-Cluster „Roter Oktober“  

Bersenjewskaja nabereschnaja 6

M Kropotkinskaja

www.redok.ru

Zentrum für Kreativwirtschaft „Fabrika“

Das Zentrum für Kreativwirtschaft „Fabrika“ gehört zu den unbekannteren Kreativclustern Moskaus. Doch was internationale und russische Künstler, Musiker, Designer und Schauspieler hier zeigen, ist einen Besuch wert. Denn im „Fabrika“ kann man noch eine Unbekümmertheit und Dynamik spüren, die andere Kreativcluster bereits abgelegt haben. Die Darbietungen und Veranstaltungen wie Konzerte und Vernissagen sind weniger institutionalisiert und deshalb wilder und freier. Das Zentrum für Kreativwirtschaft traut sich etwas. Wer hier Ausstellungen besucht, kann junge, kaum bekannte Künstler entdecken, die sich auch politischen Themen widmen. Begleitet werden diese Ausstellungen oft von avantgardistischen Klangexperimenten und Performances.

Seit Kurzem gibt es einen Grund mehr, das „Fabrika“ zu besuchen. Im April eröffnete der Klub „Bumaschnaja Fabrika“ (Papierfabrik), der sich selbst als Freiraum versteht. Der Klub soll ein Ort für alle sein, die sich für unabhängige Kultur im weitesten Sinne interessieren. Kino, Musik, Theater, aber auch gesellschaftliche und politische Diskussionen gibt es hier, wie der Art Direktor des „Fabrika“ Oleg Kotrunow erklärt. Damit der Klub auch für alle zugänglich ist, legen die Betreiber Wert darauf, dass die Preise sehr günstig sind.  

Zentrum für Kreativwirtschaft „Fabrika“ 

Perewedenowskij Pereulok 18

M Baumanskaja

fabrikacci.ru

Nikolaus Michelson und Kristina Geldt

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