Das Syndikat der Kreativen

Die Designfabrik „Flacon“ gehört zu den führenden Kreativclustern Russlands und hat bereits mehrere Ableger gegründet. Die MDZ sprach mit Geschäftsführer Jan Jarmorschtschuk darüber, wie ein Kreativcluster aufgebaut sein sollte und wie er wirtschaftlich erfolgreich arbeiten kann.

Früher Kristallglasfabrik, heute ein Ort für Kreative: die Designfabrik „Flacon“ © Daniel Säwert

Seit wann gibt es Kreativcluster in Russland?

Die ersten Cluster tauchten 2006 auf. Die Designfabrik „Flacon“ entstand im Mai 2009. Damit gehören wir zu den Pionieren. Unsere anderen Objekte wie Chlebosawod existieren erst seit ein paar Jahren.

Mittlerweile sind Sie auch außerhalb Moskaus aktiv.

Das ist eine ganz frische Geschichte. Vor drei Jahren haben wir uns entschieden, dass wir uns auch in die Regionen ausbreiten wollen.

Dort steht die Entwicklung erst am Anfang. Wobei es bereits vor fünf Jahren Menschen gab, die ein Kreativcluster aufbauen wollten. Damals gab es aber in keiner Stadt Bedarf, da zu wenige im kreativen Bereich aktiv waren. Jetzt schwappt eine regelrechte Welle durch die Millionenstädte.

Sie engagieren sich unter anderem in Irkutsk. Warum gerade dort?

Damit ein Kreativcluster entsteht, müssen dutzende Faktoren zusammenkommen. Für uns war es früher immer wichtig, dass man sich an uns wendet. Und im Fall der Kunstfabrik „Dorenberg“ in Irkutsk war es so, dass der Besitzer auf uns zukam und sagte, dass er genau so etwas haben möchte wir hier. Vor Ort gab es also bereits eine Idee. Wir wurden als Berater herangezogen, haben beim Aufbau geholfen und einen Geschäftsplan entwickelt.

Sind Ihre Objekte selbstständig oder eher ein Franchise?


Unser Zusammenspiel ist sehr komplex. Ich würde es als „Syndikat“ bezeichnen. Unsere Objekte sind unabhängig, tun sich aber zusammen, um daraus einen Vorteil zu erhalten. Es geht hier auch darum, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.

Und wie ist das Verhältnis zu anderen Kreativclustern?


Wir sind Konkurrenten. Das ist für mich etwas Positives. Denn es ermöglicht eine Auswahl. Jeder Unternehmer entscheidet sich, wo er hin möchte, es gibt genügend Alternativen. Wir kämpfen alle um Aufmerksamkeit, Mieter und Besucher. Dabei versuchen wir besser zu sein als die Konkurrenz. Aber natürlich kennen wir uns und man kann sagen, dass wir Freunde sind.

Wie ist ein Cluster aufgebaut?

Wir müssen überlegen, für wen wir den Cluster machen und wer dazu gehören soll. Es geht immer um die Nutzer und wie sie den Ort aus- füllen. Wir gestalten den Cluster so, wie er in der Stadt und für die Menschen benötigt wird, die ihn nutzen werden. Es geht hier um die Marktnachfrage. Das unterscheidet uns von staatlichen Initiativen.

Es gibt eine Schwelle. An einem Ort sind mindestens 40 Mieter nötig. Sind es weniger, wird es kaum Leben und Synergieeffekte geben. „Flacon“ nennt sich beispielsweise Designfabrik. Wir wollten einen zentrumsnahen Ort für Designer schaffen. Und dann kamen Menschen, die Freiheit für Büros brauchten und welche, die einen Freiraum für Veranstaltungen suchten.

Am Anfang geht es darum, einen breitgefächerten Ort zu schaffen. Und erst mit dem Entstehen eines Marktes beginnt die Segmentierung und die einzelnen Cluster wen- den sich bestimmten Thematiken zu. Die Kunstfabrik „Dorenberg“ in Irkutsk ist beispielsweise der erste Kreativcluster der Stadt. Deswegen gibt es dort noch alles.

Zwischen all den besonderen Geschäften, die einen Cluster ausmachen, sollte es aber auch Geschäfte geben, die sich überall befinden könnten, wie Cafés oder Barbershops. Auf dem Gelände des „Flacon“ haben wir sogar eine Apotheke. Ein Kreativcluster braucht solche Serviceeinrichtungen, allerdings sollten sie keinen allzu großen Teil einnehmen. Über die Hälfte der Mieter sollte produzierendes Gewerbe sein.

Bars und Veranstaltungslocations machen einen Kreativcluster lebendig © Daniel Säwert

Das bedeutet, Sie analysieren den Markt genau?

Ja! Wir haben eine ganze Abteilung dafür. Diese führt Marktanalysen durch und überlegt sich neue Formate. Und natürlich schauen wir auch, was es im Ausland gibt.

Was muss ich mitbringen, um mich bei Ihnen einzumieten?


Entweder eine Idee oder ein bereits bestehendes Geschäft. Beides geht. Wir finden dann heraus, ob ihr Geschäft zum Cluster passt. Wir haben keine Angst vor unerfahrenen Geschäftsleuten. Allerdings sollten die Mieter Geld mitbringen.

Wir investieren auch in Start-ups und schulen die Interessierten. In jedem unser Cluster gibt es eine Kreativschule mit verschiedenen Programmen. Wir sind überzeugt, dass sich dort Kontakte ergeben, aus denen überlebensfähige Start-ups entstehen.

Wie lange existiert ein Geschäft auf dem „Flacon“ im Schnitt?

Unsere jährliche Mieterrotation liegt bei zehn Prozent. Das bedeutet, dass sich „Flacon“ im Laufe seines Bestehens komplett erneuert hat. Aber es gibt auch Mieter, die seit dem ersten Tag bei uns sind.

Welche Geschäftsideen kommen bei Ihren Kunden gut an?


Am besten laufen die inhabergeführten Geschäfte, bei denen man die Hingabe des Besitzers spürt. Filialen von großen Ketten finden hin- gegen keinen Zuspruch. Wir möchten, dass sich die Läden etablieren. Deswegen wollen wir keine große Segmentierung. Wir versuchen, mit dem Cluster einen lebendigen Organismus zu schaffen, in dem jeder seinen kleinen Laden führt.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Stadt?

Der Besitzer des „Flacon“-Geländes hat immer wieder gesagt, dass er froh sei, dass die Stadt Moskau ihn nicht stört. Unsere Projekte sind privat, auf privatem Grund und mit privaten Geldern. Das war immer unser Vorteil. Denn die Geschäftswelt reagiert schneller auf Veränderungen.

Mittlerweile bekommen wir Dankesbekundungen von der Stadt Moskau. In der Provinz sind die lokalen Regierungen vor zwei Jah- ren auf die Kreativindustrie aufmerksam geworden. Wir erhalten vermehrt Anfragen für gemeinsame Projekte. Aber wir bleiben unserer Linie treu. Kreativität als Geschäft sollte ihren eigenen Weg gehen.

Was können russische Kreativcluster dem Ausland geben?


Die russische Kreativwirtschaft hat viele Jahre nur das kopiert, was sie im Ausland gesehen und erlebt hat. In den letzten anderthalb Jahren haben wir aber eine interessante Beobachtung gemacht. Wir haben Sachen produziert und realisiert, die so in Europa nicht möglich wären. Da kommt uns die relativ unkomplizierte Gesetzgebung in Russland, gerade beim Thema Grundbesitz, zu Gute. Und wir haben auch die Erfahrung aus Asien. Aber letzt- endlich muss die russische Kreativindustrie es schaffen, ein Produkt zu entwickeln, das weltweit gefragt sein wird.

Das Gespräch führte Daniel Säwert. 

Kreativwirtschaft in Russland

Russland gilt im Bereich Kreativwirtschaft als Nachzügler. Begründet wird dies mit der späten Deindustrialisierung des Landes. Mittlerweile hat die Kreativwirtschaft stark aufgeholt und verzeichnet Wachstumsraten von 14 bis 15 Prozent pro Jahr. Genauere Angaben liegen bisher nicht vor, da der kreative Sektor in Russland bisher nicht definiert ist. Eine gemeinsame Studie der Stiftung

Calvert 22 und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers zum kreativen Kapital russischer Städte kam 2017 zu dem Ergebnis, dass die Kreativwirtschaft in Moskau mehr als fünf Prozent zum Bruttoregionalprodukt beiträgt. Das wären mindestens 715 Milliarden Rubel (9,4 Milliarden Euro). 47 Prozent des Umsatzes werden dabei im Bereich Medien erwirtschaftet.

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