Johann Diesendorf und seine Nachkommen

Vom 19. bis 23. August feierte die Wolgastadt Marx ihr 260-jähriges Jubiläum. Sie wurde 1765 als Katharinenstadt gegründet. Zu den Jubiläumsaktivitäten gehörte auch ein Treffen der Nachkommen berühmter Familien dieser ehemaligen deutschen Kolonie, wie Diesendorf, Karle und Rauschenbach. Die Teilnehmerin der Veranstaltung, Anastassija Diesendorf, erzählt von ihren Vorfahren.

Robert Diesendorf (Brunos Bruder), Ehefrau Hedwig, geb. Karle, und Tochter Franziska (um 1920) (Foto: Aus den Familienarchiv)

Der erste Diesendorf in Katharinenstadt hieß Johann. Aber woher er kam, wissen wir noch nicht. Sein Name ist in keiner der erhaltenen Schiffslisten verzeichnet. In den Volkszählungslisten der Kolonisten von 1798 werden seine Witwe, vier Söhne und drei Töchter erwähnt. Einer der Söhne starb kinderlos. Aber auch die drei männlichen Zweige der Familie Diesendorf hinterließen zahlreiche Nachkommen. Vom ältesten Sohn, Johann Adam, führt der Stammbaum zu Viktor Diesendorf, einem bekannten Historiker. Er starb im April dieses Jahres in Deutschland. Unser Zweig stammt vom jüngsten Sohn, Jakob Karl. Auf dem alten deutschen Friedhof in Marx gibt es noch immer den Grabstein seines Sohnes Johann Peter.

Brüder P. und G. Diesendorf

Seine Kinder, Peter und Gustav, wurden zu bekannten Unternehmern in der Kolonie. Im Jahr 1900 gründeten sie das Handelshaus „Brüder P. und G. Diesendorf“. Sie beschäftigten sich mit Belyany – Lastkähnen, die für den Transport von Holz aus dem oberen Wolgagebiet flussabwärts verwendet wurden. Dort verarbeitete man es zu Brennholz und verkaufte es. Sie handelten mit Getreide und Mehl. Ihnen gehörten mehrere Dutzend Scheunen am Hafen. Wenig später gründeten die Brüder die Baronische Handels- und Industriegesellschaft (Baronsk ist der zweite Name von Katharinenstadt). Peter besaß 50 Prozent des Gesellschaftskapitals.

Peter Diesendorf im Hinterhof seines Hauses (Foto: Aus den Familienarchiv)

Nach der Revolution 1917 wurde ihr Vermögen verstaatlicht. Gustav ging ins Ausland. Und Peter blieb in Katharinenstadt. Sein Sohn Bruno, mein Urgroßvater, studierte vor dem Krieg in Österreich, in Graz. Die Wolgadeutschen schickten ihre Söhne oft zum Studium ins Ausland. Als der Erste Weltkrieg begann, wollte Bruno nach Russland zurückkehren, wurde aber als „Russe“ gefangen genommen.

Erst nach dem Krieg gelangte er in seine Heimat zurück. Im Jahr 1937 wurde er verhaftet. Ihm wurde antisowjetische Agitation vorgeworfen und er wurde zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt. Er starb in einem Transitlager.

Mein Opa, Vater und ich

Seine Frau Olga Diesendorf (geb. Karle) blieb mit zwei Söhnen allein zurück. 1941 wurden sie und ihr jüngster Sohn Martyn deportiert und landeten im Krasnojarsker Gebiet.

Der ältere Sohn Leopold war zu diesem Zeitpunkt in der Armee. Er wurde aus der Armee entlassen und in ein Arbeitslager in Udmurtien geschickt. Am Ende des Krieges heiratete er. Im August 1945 kam dort mein Vater zur Welt. Seine Familie zog noch mehrmals um. In den 1950er Jahren zog sie in die Region Krasnojarsk, um sich mit ihren Verwandten wieder zu vereinen. Von dort ging es weiter in die Region Tula, um in den Bergwerken zu arbeiten. Nach dem Studium entschied sich mein Vater, nach Ischewsk zu gehen. Dort wurde ich geboren.

In der Sondersiedlung im Gebiet Krasnojarsk. In der zweiten Reihe: Martyn, Leopold (mein Opa), vorne: Olga Diesendorf (geb. Karle), Lidiya, Igor (mein Vater) und Wladimir (Foto: Aus dem Familienarchiv, um 1956)

Mit 15 Jahren begann ich mich für die Geschichte meiner Familie zu interessieren und fragte meine Verwandten, was sie darüber wussten. Mit vielen Verwandten – den Diesendorfs, Karles, Lipperts und anderen – stehen wir in Kontakt. Wir besuchen regelmäßig Marx, wo wir auf den Friedhof und ins Museum gehen und einfach durch die Straßen spazieren. Zum Glück sind mein Mann und ich näher an diese Stadt gezogen: nach Wolschski in der Region Wolgograd. Mitglieder unserer Familie schenken dem Heimatmuseum von Marx Familienerbstücke.

Wir sind sehr stolz auf unser Familienfotoarchiv. Wir stellen Fotos für verschiedene Ausstellungen und andere Veranstaltungen zur Verfügung. So hat beispielsweise die lokale Abteilung der nationalen Kulturautonomie der Russlanddeutschen anhand einiger unserer Fotos die Trachten der Stadtbewohner zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederhergestellt. Sie werden gerade bei einem Treffen gezeigt, das anlässlich der Feierlichkeiten zum Jubiläum von Marx stattfindet.

Aufgezeichnet von Olga Silantjewa

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: