Impfnation Russland lässt sich beim Impfen viel Zeit

Russland zählt zu den Vorreitern bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus. Doch die Impfkampagne im eigenen Land kommt äußerst schleppend voran. Wie passt das zusammen?

Die Bereitschaft, sich mit „Sputnik V“ impfen zu lassen, scheint im Ausland verbreitet höher zu sein als in Russland selbst. (Foto: mos.ru)

Alexander S. wollte nicht länger warten. Im März hat er sich in seinem nordrussischen Heimatort die zwei Spritzen von „Sputnik V“ gegen Covid-19 verabreichen lassen. Die Impfung in der Poliklinik sei völlig problemlos gewesen, erzählt der dreifache Familienvater, der für die Russische Bahn arbeitet: „An Impfstoff fehlt es hier ganz bestimmt nicht und an Impfstellen auch nicht.“ Doch in seiner Kleinstadt mit knapp 28.000 Einwohnern sei er eher die Ausnahme. „Ich kenne hier wirklich viele. Nur vier davon haben sich bisher impfen lassen.“

Erst neun Millionen Geimpfte

Das passt ins Bild. Russland belegte Ende März nur Platz 56 in der Welt beim Anteil der Geimpften an der Gesamtbevölkerung. Aktuell haben lediglich hatten 6,2 Prozent der Russen zumindest die Erstimpfung bekommen. Zum Vergleich: In Israel sind es 61,6 Prozent, in Großbritannien 47,5 Prozent, in den USA 36,6 Prozent. Deutschland, dem oft genug „Impfchaos“ nachgesagt wurde, liegt bei 16,9 Prozent. Immerhin: Das Impftempo in Russland hat sich deutlich erhöht, wenn auch auf niedrigem Niveau. Zuletzt waren es mehr als 300.000 Menschen, die an einem einzigen Tag geimpft wurden, das Doppelte und Dreifache dessen, was noch zu Monatsbeginn gang und gäbe war. Doch das ändert nichts daran, dass die Schere zu anderen Ländern sich noch weiter öffnet. In den USA beispielsweise werden 4,6 Millionen Impfungen pro Tag durchgeführt. Geimpft sind in dem Land über 122 Millionen Menschen, in Russland etwas mehr als 9 Millionen. Wie kann das sein?

Schließlich war es doch Russland, das im vorigen Sommer als erstes Land erklärte, mit „Sputnik V“ einen Impfstoff gegen Covid-19 ent­wickelt zu haben, und das im Dezember auch als erstes Land mit Massenimpfungen begann. Seit die MDZ Anfang Februar berichtete, wie einfach das mit dem Impfen in Moskau geht und dass auch Ausländer nicht abgewiesen werden, erreichten uns zahlreiche Anfragen von Lesern aus Deutschland, die weder Kosten noch Mühen gescheut hätten, sich in Russland impfen zu lassen, was nur an der geschlossenen Grenze scheiterte.

Lockerungen im Sommer angestrebt

Inzwischen wird „Sputnik V“ nach offiziellen Angaben in 60 Länder exportiert. So manches davon ist beim Impfen weiter als Russland selbst.

Selbst in Moskau, wo „Sputnik V“ sogar in Einkaufszentren und Bürgerämtern verimpft wird und es auch ohne Termin geht, liegt die Impfquote bei unter acht Prozent. Damit ist Moskau zwar trotzdem landesweiter Spitzenreiter, doch wie Russland bis zum Spätsommer die angestrebten 60 bis 70 Prozent erreichen will, um die ohnehin schon lockeren Corona-Vorschriften noch weiter zu lockern – ein Rätsel.

Auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo können sich Passagiere mit einem russischen Impfzertifikat einen internationalen Impfpass ausstellen lassen. (Foto: Ramil Sitdikow/RIA Novosti)

Wenn Alexander in seinem Freundes- und Bekanntenkreis herumfragt, warum sich kaum jemand impfen lassen will, dann hört er immer dasselbe: „Die Leute warten ab. Die wollen erst mal sehen, wie es denen ergeht, die geimpft sind.“ Außerdem sei auch der Eindruck einer unmittelbaren Covid-Gefahr gewichen. „Im Alltag merkt man ja kaum noch etwas von der Pandemie. Es tragen auch immer weniger Menschen eine Schutzmaske.“ Dass die mangelnde Impfbereitschaft etwas mit Vorbehalten gegen Impfungen schlechthin zu tun hat, kann sich Alexander nicht vorstellen. „Das ist es nicht. Wir sind ja schon von klein auf gegen alles Mögliche geimpft worden.“

Misstrauen offenbar groß

Eine Anfang April veröffentlichte Lewada-Umfrage unter Ärzten zeigt jedenfalls, dass die niedrige Impfquote offenbar zum Großteil auf die Skepsis der Bevölkerung zurückzuführen ist und nicht auf Verfügbarkeiten und Infrastruktur. Auf die Frage nach den Gründen für den schleppenden Fortgang der Impfkampagne lauteten die häufigsten Antworten „Eine generelle Ablehnung der Impfungen“ und „Misstrauen gegenüber den existierenden russischen Impfstoffen“. Von den Ärzten selbst gaben 69 Prozent an, „Sputnik V“ eher zu vertrauen – der mit Abstand höchste Wert aller zu Auswahl stehenden in- und ausländischen Vakzine.

Gänzlich paradox wird die Sache dadurch, dass die Aufgeschlossenheit für den russischen Impfstoff in anderen Ländern durchaus größer zu sein scheint als zu Hause. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL würden 57 Prozent der Deutschen eine Impfung mit „Sputnik V“ bevorzugen, wenn das Vakzin zum entsprechenden Zeitpunkt verfügbar wäre. In den neuen Bundesländern sind es sogar 69 Prozent. Vielleicht sollten die Verantwortlichen in Russland also „Sputnik V“ & Co. nicht in erster Linie im Ausland anpreisen, sondern vor allem erst einmal die eigene Bevölkerung davon überzeugen.

Tino Künzel

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