Hoffen auf eine Zukunft ohne häusliche Gewalt

Während der Selbstisolation hat die häusliche Gewalt in Russland zugenommen. Die Politikerin Aljona Popowa engagiert sich seit Jahren für mehr Sicherheit für Frauen. Im MDZ-Interview spricht die Politikerin und Gründerin des Hilfsnetzwerks #DuBistNichtAllein (#ТыНеОдна) über das Gewaltproblem und Schutzmöglichkeiten für Betroffene.

Aljona Popowa will Frauen vor häuslicher Gewalt schützen. (Foto: privat)

Frau Popowa, gibt es eine offizielle Statistik zur häuslichen Gewalt in Russland und falls ja, wie sieht sie aus?
In Russland gibt es keine rechtliche Definition von häuslicher Gewalt, daher gibt es keine einheitlichen Statistiken wie in anderen Ländern. 2011 hat Rosstat (Anm. d. Red. das Russische Amt für Statistik) eine repräsentative Umfrage zu häuslicher Gewalt durchgeführt. Die Ergebnisse waren schockierend: 16,5 Millionen Menschen werden jedes Jahr Opfer verschiedener Arten häuslicher Gewalt – physisch, wirtschaftlich, sexuell, psychisch. Gleichzeitig sind in offiziellen Statistiken beispielsweise Aufforderung zum Selbstmord aufgrund häuslicher Gewalt nicht berücksichtigt, ebenso wie „Ehrenmorde“, die im Kaukasus immer noch vorkommen.


Russische Frauen gehörten zu den ersten, die 1917 das Wahlrecht erhielten und hatten schon damals dieselben Arbeitsrechte wie Männer. Wie kam es dazu, dass die Situation mit häuslicher Gewalt im heutigen Russland so kritisch ist?
In der Sowjetunion hatten Unternehmen sogenannte Frauenräte, die sich mit Problemen wie Alkoholismus und häuslicher Gewalt befassten. Die Frauen wussten, dass sie nicht allein sind und die Gesellschaft sie unterstützen wird. Im heutigen Russland gehen die Frauen in den meisten Fällen nicht zur Polizei, weil sie wissen, dass es nichts bringt. In Moskau werden vom Krisenzentrum nur diejenigen versorgt, die auch dort gemeldet sind. Das diskriminiert viele Zugezogene. Wir versuchen dies zu ändern, bislang leider erfolglos.


Wie hat die Pandemie die Probleme mit häuslicher Gewalt in Russland beeinflusst? Welche Folgen hatte das für die Arbeit Ihres Hilfsnetzwerkes?
Während der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen waren Opfer häuslicher Gewalt in ihren Wohnungen eingesperrt. Der Täter konnte alle Handlungen, Anrufe und Bewegungen des Opfers vollständig kontrollieren. Nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen konnte Hilfsangebote nutzen. Unser Netzwerk arbeitet mit vielen NGOs zusammen. Während der Pandemie haben wir eine Community organisiert, in der wir Anfragen an Regierungsbehörden koordinierten, um dringende Maßnahmen zum Schutz von Opfern von Gewalt einzuführen. Leider wurde auf staatlicher Ebene immer noch nichts getan, obwohl unser Hilfsnetzwerk 200 bis 300 Prozent mehr Anfragen in dieser Zeit erhielt.


Wohin sollen sich Frauen im Ernstfall wenden, wenn die Polizei nicht aktiv wird?
Ich empfehle trotzdem, wenn möglich, sofort die Polizei zu rufen. Obwohl wir nur wenig auf ihren Schutz bauen können, kann das Polizeiprotokoll helfen, wenn es erneut Gewalt gibt. Sie können sich an das Zentrum „Nein zur Gewalt“ (насилию.нет) wenden oder unsere App herunterladen. In der App gibt es eine SOS-Taste – wenn Sie einen Notfall haben, wird die Person Ihrer Wahl eine Benachrichtigung mit Ihrem Standort erhalten. In unserem Netzwerk können Sie auch überprüfen, welches Krisenzentrum oder welche örtliche Beratungsstelle Ihnen am nächsten ist. Darüber hinaus informieren wir Sie über alle Anwälte, Psychologen und Spezialisten, die Ihnen helfen können.


Warum verlassen manche Frauen ihre Angreifer nicht? Und ist es möglich, wie man in Russland so sagt, Gewalt zu provozieren?
In unserer Gesellschaft gibt es tatsächlich eine Haltung, dass Opfer Gewalt provozieren können: Wenn Ihr Mann Sie schlägt, sind Sie selbst schuld. Und wenn das der Fall ist, müssen Sie es aushalten und schweigen. Wenn die Frauen sich an die Familie oder Freunde in einer solchen Situation wenden, hören sie immer wieder: „Er ist doch der Vater deiner Kinder und Probleme gibt es in jeder Familie.“ Viele sind leider immer noch der Meinung, dass man solche Dinge in der Familie behalten soll.

Viele Frauen verlassen den Partner, der sie vergewaltigt hat, aus Scham oder Angst nicht. Wir haben erst kürzlich angefangen darüber zu sprechen, dass die Gewalt in jeder Form nicht normal ist. Hierfür ist es notwendig, Frauen zu erklären, dass dieses Verhalten inakzeptabel ist, und spezielle Schulungen zur Selbstverteidigung durchzuführen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Gewaltprävention nicht nur Arbeit mit dem Opfer, sondern auch mit dem Täter erfordert.


Gibt es eine Diskussion über das Problem der häuslichen Gewalt in der Politik, gibt es Maßnahmen zur Bekämpfung auf staatlicher Ebene?
Die Position der Regierung ist: Wir sind gegen Gewalt, dürfen uns aber nicht in Familienangelegenheiten einmischen. Der Staat zieht sich zurück und bleibt immer noch auf der Seite des Vergewaltigers. 2017 schließlich, trotzt zahlreicher offener Briefe und der Bemühungen von NGOs, stufte die russische Regierung häusliche Gewalt als Ordnungswidrigkeit ein. Das heißt, wenn Sie an einer roten Ampel die Straße überqueren oder Ihre Frau in der Wohnung schlagen, erhalten Sie die gleiche Geldstrafe. Diese Entkriminalisierung erlaubt dem Täter zu glauben, dass er ungestraft bleibt, was oft auch der Fall ist, und schadet der psychischen Gesundheit der Opfer enorm.


Gibt es Hoffnung auf positive Veränderungen?
Es gibt hundertprozentig Hoffnung. Die Gesellschaft entwickelt sich schneller als die Regierung und toleriert keine Gewalt mehr. Die Leute fangen an, sich gegenseitig zu helfen. Das ist das Wichtigste. Deshalb glauben und hoffen wir, dass so bald wie möglich ein Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt verabschiedet wird.


Die Fragen stellte Maria Rudenko.

Zur Person

Aljona Popowa wurde 1983 in Jekaterinburg im Ural geboren. Im Jahr 2000 kam sie für ein Journalistikstudium nach Moskau, das sie 2005 abschloss. Zwischen 2001 und 2003 war Popowa Parlamentskorrespondentin in der Staatsduma. Nach dem Studium gründete sie mehrere Start-ups wie Women, Rusbase, VideoSnack, Gov2People. Außerdem kandidierte sie für die Staatsduma (2011) und die Moskauer Stadtduma (2014). Nachdem eine Freundin, die im achten Monat schwanger war, von ihrem Freund in den Bauch getreten worden war, begann sie sich mit dem Problem der häuslichen Gewalt zu befassen. Popowa gründete das Netzwerk #ТыНеОдна (#DuBistNichtAllein), in dem Blogger, Juristen, Psychologen und Freiwillige Gewaltopfer unterstützen. Seit 2103 kämpft Popowa für die Verabschiedung des Gesetzes gegen häusliche Gewalt, dessen Co-Autorin sie ist.

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