Vom Knochenschüttler zum Rennrad

Als in den 1860ern die ersten Holzfahrräder in Moskau auftauchten, war Radsport noch ein Zeitvertreib begüterter Spinner. Fünfzig Jahre später wurden in der Hauptstadt Drahtesel in Serie produziert. Eine Ausstellung widmet sich der Geschichte des Fahrrads im vorrevolutionären Moskau.

Geschichte des Fahrrads in Moskau
Radsport war zur Zarenzeit ein Vergnügen der begüterten Schichten. (Foto: Welomusej Andrej Mjatijew)

Moskau ist unglaublich reich an Museen. Darunter findet sich so manches, das nur selten ins Blickfeld großer Besucherströme gerät. Eines davon ist das Gartenringmuseum, das sich in einer klassizistischen Stadtvilla aus dem 18. Jahrhundert am Prospekt Mira befindet. Im Obergeschoss bietet das 1970 eröffnete Museum eine heimatkund­liche Ausstellung zur Geschichte des Stadtteils Meschtschanski. Das Erdgeschoss, in dem wechselnde Ausstellungen stattfinden, ist derzeit der frühen Geschichte des Fahrrads in der russischen Hauptstadt gewidmet.

Radsportbegeisterte sowie an Alltagsgeschichte Interessierte erwarten zwei Räume voller historischer Überraschungen und liebevoller Details. Hätten Sie etwa gedacht, dass es bereits im russischen Zarenreich ganze acht Fachzeitschriften für Radsport gab? Haben Sie je von Fahrradtruppen im Ersten Weltkrieg gehört?

Faszination Fahrradgeschichte

Die Ausstellung „Geschichte des Moskauer Radsports. Das Fahrrad im vorrevolutionären Moskau“ zeigt Teile der Sammlung von Andrej Mjatijew, dem wohl profundesten Kenner der Fahrradgeschichte Russlands. Der heute 46-Jährige schloss sich als technikbegeisterter Jugendlicher einem Club an, der historische Autos und Motorräder restaurierte. Bei der Suche nach Ersatzteilen auf Schrottplätzen und Müllhalden fand er einmal einen alten deutschen Fahrradrahmen. „Ich dachte mir, im Club interessieren sich viele für Autos, einige für Motorräder, aber niemand für Fahrräder. Dabei sind sie doch die Vorgänger von beiden“, so Andrej Mjatijew – die Geburtsstunde seiner Sammlung.

Als er mit dem schließlich aus verschiedenen Teilen zusammengebauten Fahrrad im Club auftauchte, wurde er zunächst belächelt. Doch Andrej Mjatijew ließ sich nicht beirren. Sein erstes wirklich interessantes Exemplar spürte er 1988 auf, ein italienisches Rad der Marke Bianchi aus den 1930er Jahren. Die 40 Rubel, die er dafür zahlen musste, hatte er sich vom Geld fürs Schulfrühstück abgespart, wie er erzählt. Von den Vorbesitzern erfuhr er die Geschichte des Fahrrads: Ein Diplomat hatte es 1939 aus Italien mitgebracht. Bald darauf war er verhaftet worden und verschwand „spurlos in den Korridoren der Ljubjanka“, wie Mjatijew berichtet. Beamte des Innenministeriums NKWD schlitzten die Reifen auf, um darin nach Dokumenten zu suchen. Und weil in der Sowjetunion niemand passende Reifen für das gute Stück finden konnte, blieb es über all die Jahre in fast neuwertigem Zustand.

Die ersten Räder kamen aus Frankreich

Als die Sammlung wuchs, so Andrej Mjatijew, musste er sich spezialisieren. „Mir wurde nach und nach klar, dass es bedeutungslos war, einfach nur alles zu horten, was zum Thema Fahrrad auftaucht“, sagt er rückblickend. Also konzentrierte er sich vor allem auf Räder russischer und sowje­tischer Produktion, sowie solche, die von hiesigen Händlern vertrieben wurden, aber auch die Geschichte des Radsports, der Fachpresse, der Vereine und des Handels. Heute befinden sich in seiner Sammlung über 700 historische Fahrräder und unzählige Accessoires, Zeitschriften und Bücher. Er hat über 50 Ausstellungen in verschiedenen Städten Russlands organisiert.

Geschichte des Fahrrads in Moskau
Sechs Jahrzehnte Fahrradgeschichte im Gartenringmuseum (Foto: Welomusej Andrej Mjatijew)

In Moskau erfährt der Besucher zunächst, wie das Fahrrad in den 1860er Jahren Einzug in der Hauptstadt hielt. Es waren Modelle aus französischer Produktion, die von Adeligen und wohlhabenden Kaufleuten gefahren wurden. „Knochenschüttler“ nannte man die noch aus Holz gefertigten Gefährte mit ihren eisenbeschlagenen Rädern. Ein solches Exemplar ist in der Ausstellung zu bestaunen, gebaut 1868 bei Michaux & Cie. in Paris.

Von Fahrradclubs und Fachmagazinen

Einige Dutzend Radfahrer soll es Anfang der 1870er Jahre in Moskau gegeben haben, die in Parks unterwegs waren. Auf Straßen war das neuartige Gefährt noch tabu. Am 31. März 1884 wurde der erste Moskauer Fahrradclub gegründet, die Moskauer Gesellschaft der Fahrradfreunde (MOWL). Zu den Gründern zählten Geschäftsleute, ein Oberst und ein Architekt. Gegen Ende des Jahres hatte der Verein bereits 52 Mitglieder. Es wurden Club-Abende und Fahrradtouren organisiert. Vier Jahre später kam der Moskauer Radfahrerclub (MKW) hinzu, in dem sich eher Angehörige des Bürgertums sowie Kunst- und Kulturschaffende trafen. Eines der Ehrenmitglieder war Lew Tolstoj.

Geschichte des Fahrrads in Moskau
Dieser 1909 ausgestellte Pass erlaubte dem Besitzer das Radfahren auf Moskaus Straßen. (Foto: Jiří Hönes)

All die Vereinsabzeichen, Fotos, Urkunden und sonstigen Utensilien in der Ausstellung sind mindestens genauso interessant wie die Fahrräder selbst. Da ist etwa eine Lizenz, die das Fahren auf städtischen Straßen erlaubt, ausgestellt im Jahr 1909, ein eigens für den russischen Markt in den USA hergestellter Entfernungsmesser, ein deutscher Bierkrug mit Fahrradmotiv.
Besonders aufschlussreich für Andrej Mjatijews Forschungen zur Fahrradgeschichte waren die Fachzeitschriften, wie er sagt.

Julius Meller und die Dux-Fahrradwerke

Deren erste in Moskau war die „Fahrrad- und Jachtclub“, die ab 1892 dreimal im Monat erschien und sich bald in „Radfahrer“ und dann in „Radsport“ umbenannte. Das bei der Leserschaft sehr geschätzte Blatt verschwand allerdings schon 1896 wieder. Doch es gab bald weitere Zeitschriften, sowohl in Moskau als auch in St. Petersburg. Auch die Vereine gaben eigene Blätter heraus.

Geschichte des Fahrrads in Moskau
Das Rennrad der Marke Dux aus dem Jahr 1913 zeigt, welch rasanten Fortschritt der Fahrradbau in fünf Jahrzehnten gemacht hat. (Foto: Jiří Hönes)

Ein weiterer Bereich der Ausstellung widmet sich der Moskauer Fahrradindustrie. Der deutschstämmige Ingenieur Julius Meller gründete 1893 eine Werkstatt, aus der nach wenigen Jahren die Dux Fahrradwerke wurden. Die 1900 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Firma produzierte später auch Automobile und Flugzeuge. Zu sehen ist ein Rennrad aus dem Jahr 1913, das den rasanten Fortschritt in dem halben Jahrhundert seit dem Aufkommen der ersten Fahrräder anschaulich macht. Im Grunde ist es ein modernes Fahrrad, wie man es noch heute kennt. Gleiches gilt für das Klapprad desselben Herstellers, das beim russischen Militär im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam.

Die Ausstellung ist kostenlos und läuft bis zum 20. Oktober. Das Museum bittet um Voranmeldung.

Jiří Hönes

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