Fünf Hauptrollen für die Hauptstadt

Schnee, Eis und zweistellige Minustemperaturen: Derzeit lädt das Wetter nicht gerade zu Spaziergängen durch Moskau ein. Allerdings besteht kein Grund für Verdruss. Denn Cineasten können die Metropole auch in Komödien, Dramen und Spielfilmen durchstreifen. Welche Moskaufilme an langen Winterabenden besonders sehenswert sind.

Klappe, die erste: Die russische Hauptstadt hat ein eigenes Genre hervorgebracht: Den Moskaufilm. (Foto: www.mos.ru)

Zwischenlandung in Moskau

Eine Stadt voller Licht und Leichtigkeit und mittendrin der wahrscheinlich bekannteste Flirt des sowjetischen Kinos im prasselnden Sommerregen: „Zwischenlandung in Moskau“ war in den 1960er Jahren einer der beliebtesten Filme unter Jugendlichen. Im Zentrum der leichten Komödie steht der Mechaniker Wolodja, der nach der Veröffentlichung seiner ersten
Erzählung für ein Gespräch mit seinem literarischen Entdecker nach Moskau fliegt. Nur bis zum Abend hat der junge Sibirier Zeit, bevor er wieder nach Hause muss. Doch was kann an einem Tag nicht alles geschehen, wenn man jung, optimistisch und voller Energie ist? Und so bleibt das Treffen mit dem Schriftsteller nur eine Episode am Rande.

Wichtiger ist für Wolodja die Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Arbeiter Kolja – gespielt vom gerade 18-jährigen Nikita Michalkow, der später als Regisseur und Schauspieler weltweit Bekanntheit erlangte, in dessen erster Rolle überhaupt – den er am Morgen in der Metro kennenlernt. Mit ihm und dessen Freund Sascha zieht Wolodja kreuz und quer durch die sowjetische Hauptstadt und erlebt dabei allerlei Abenteuer. So umgarnt das Gespann die schöne Schallplattenverkäuferin Aljona im legendären Kaufhaus GUM, wird an den Patriarchenteichen von einem Hund gebissen und begibt sich auf eine wilde Verfolgungsjagd wegen eines Diebstahls. Außerdem muss eine Hochzeit gerettet werden und wird ein Parkbesucher hypnotisiert, bevor sich die Freunde nach einem Tag voller denkwürdiger Erinnerungen an einer Metrostation wieder voneinander verabschieden.

Der leichte und heitere Streifen, dem Kritiker seinerzeit eine allzu idyllische Weltsicht vorwarfen, feierte bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes im Jahr 1964 Premiere. Cineasten lobten vor allem die Kameraführung von Wadim Jassow, der Moskau in freundlichen, lichtdurchfluteten Bildern in Szene setzte. Heute gilt der Film mit seinem Optimismus und dem Glauben an eine frohe Zukunft als einer der wichtigsten Filme des kulturellen Tauwetters unter Chruschtschow. Regisseur Georgij Danelija schuf mit der Erzählung nicht nur seinen ersten großen Film, sondern begründete mit „Zwischenlandung in Moskau“ auch gleich ein ganzes Genre – die „lyrische Komödie“.


Moskau

Darauf hatten sie lange gehofft: 1927, kurz vor dem zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution, erhielten die jungen Filmemacher Michail Kaufman und Ilja Kopalin endlich den ersehnten Auftrag für ihre erste eigenständige Arbeit: Zusammen sollten die Schüler des einflussreichen Dokumentarfilmpioniers Dsiga Wertow für die Filmgesellschaft Sowkino einen Film über die revolutionären Umbrüche und das neue befreite Leben in der sowjetischen Hauptstadt drehen. Die beiden Regisseure machten sich ans Werk und setzten mit kühnen Kamerafahrten, experimentellen Montagen und avantgardistischen Schnitten die pulsierende Metropole des jungen Arbeiter- und-Bauernstaates in Szene.

Kaufman und Kopalin drehten in Vororten, auf Marktplätzen und Bahnhöfen, schauten den Schweißern der Maschinenfabrik „Hammer und Sichel“ über die Schulter und waren dabei, wenn die Arbeiter nach ihrem anstrengenden Tageswerk an der Abendschule büffelten. Abseits dieser ideologisch erwartbaren Bilder geriet der Stummfilmklassier zu einem einzigartigen Dokument einer bewegten Zwischenzeit.

Denn die schwarzweiße Großstadt-Sinfonie erzählt von den Jahren des Übergangs, als zwar schon eifrig am Kommunismus gebaut wurde, aber noch vieles von der prächtigen und glanzvollen Welt des alten Moskaus kündete. So drehten die beiden Filmemacher beispielsweise vor alten Wahrzeichen wie der riesigen Christ-Erlöser-Kathedrale, dem Roten Tor und dem legendären Sucharew-Turm, der mehr als 200 Jahre zu den markantesten architektonischen Wahrzeichen der Stadt zählte. Nur ein paar Jahre darauf wurde die Bauwerke gesprengt oder abgerissen. In Stalins Generalplan von 1935, der einen Umbau Moskaus zum monumentalen Zentrum des Kommunismus vorsah, war für sie kein Platz mehr.


Moskau glaubt den Tränen nicht

Katja will Karriere machen, Antonia eine Familie gründen und Ludmilla träumt von einem reichen Mann: Die drei jungen Frauen, die sich im Jahr 1958 in einem Moskauer Arbeiterwohnheim kennenlernen, haben ziemlich unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und vom Glück. An ihrer Verbundenheit ändert das aber nichts, die Arbeiterinnen aus der Provinz und stärken sich in der rauen Großstadt den Rücken. Gemeinsam erlebt das
ungleiche Trio erste Enttäuschungen, ringt mit beruflichen Rückschlägen und kämpft sich durch immer wiederkehrende Probleme mit der unzuverlässigen Männerwelt. Taten sind gefragt, wie ein russisches Sprichwort besagt, mit bitteren Tränen und Jammern lässt sich Moskau nicht erweichen!

Und so führt das Leben die anpackenden Frauen im Verlauf der nächsten 20 Jahre in ganz unterschiedliche Richtungen, nicht alle Träume werden wahr – doch die Freundschaft bleibt und auch ein bescheidenes Glück stellt sich ein. Der warmherzige Film von Regisseur Wladimir Menschow erhielt 1980 den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film.

Westliche Kritiker waren vor allem von der Offenheit überrascht, mit der Menschow fernab sozialistischer Propagandaklischees drei ganz normale Lebensgeschichten aus dem Moskau der 1950er und 1970er Jahre erzählte. In der DDR galt der Film, der unverblümt von zwischenmenschlichen Problemen und ihren gesellschaftlichen Gründen erzählt, zu Beginn der 1980er Jahre als Geheimtipp. In Russland zählt „Moskau glaubt den Tränen nicht“ als Klassiker.


Silberne Maiglöckchen

Endlich weg hier und ganz groß rauskommen: Die junge Soja aus dem vergessenen Provinznest Lokotki träumt vom aufregenden und mondänen Leben eines Popstars im fernen Moskau. Doch die glitzernde Metropole ist weit weg und unerreichbar: So oft die junge Frau mit der kraftvollen Stimme auch heimlich in den Zug in Richtung Hauptstadt klettert – zuverlässig wird sie von der Transportpolizei entdeckt und wieder nach
Hause zu ihrem Vater geschickt.

Nach einem dieser Ausreißversuche lernt Soja per Zufall die chaotischen Musikproduzenten Pridoroschnij und Bolotywij kennen, die gerade von der erfolgreichen Sängerin Irma gefeuert wurden. Soja erkennt ihre Chance und heftet sich kurzentschlossen an die Fersen der beiden Moskauer Großmäuler, um endlich ihren Traum vom Ruhm zu verwirklichen. Doch die Hauptstadt hat auf das unbedarfte Mädchen aus der Provinz nicht gewartet, der Weg zum Erfolg erweist sich als äußerst steinig. Zwischen Gesangsunterricht, Schönheitssalon, Fitnessstudio und immer erfolgreicheren Auftritten erinnert bald nur noch der Duft des altbackenen Maiglöckchenparfums an Sojas provinzielle Herkunft.

Doch soll so das Glück aussehen, von dem sie immer geträumt hat? Die moderne Aschenputtelgeschichte aus dem Jahr 2000 beleuchtet mit Ironie und viel Humor die Abgründe und Absurditäten der Moskauer Popbranche der späten 1990er Jahre und zeigt eine Stadt im Umbruch. Gedreht wurde die Komödie übrigens von Tigran Keosajan, dem Ehemann der umstrittenen Chefin des russischen Auslandssenders RT Margarita Simonjan.


Moskau, ich liebe dich!

Ein italienischer Fußballspieler muss sich auf dem Fenstersims vor der Polizei verstecken, ein verlassener Liebhaber rettet seinen lebensmüden Nachbarn vor dem Selbstmord und eine unscheinbare Fahrkartenverkäuferin zeichnet völlig unbemerkt großartige Gemälde: Dies sind nur drei von insgesamt 18 verschiedenen Kurzgeschichten aus dem Film „Moskau, ich liebe dich“ aus dem Jahr 2010. Die jeweils rund fünfminütigen Clips sind voneinander unabhängig und wurden
von unterschiedlichen russischen Regisseuren gedreht, die ihre große
Zuneigung zu der oft rauen und widersprüchlichen Stadt vereint.

Herausgekommen ist ein lockerer und unterhaltsamer Film über Liebe und Alltag, Hoffnungen und Verluste der Moskauer am Ende der 2000er Jahre. Geleitet wurde das Filmprojekt von Jegor Kontschalowski, dem Sohn des bekannten Regieveteranen Andrej Kontschalowski. Angeregt wurde er zu seinem Vorhaben durch den französischen Film „Paris, je t’aime“ aus dem Jahr 2006, welcher in einzelnen Episoden verschiedene Geschichten aus 18 Pariser Arrondissements erzählt.

Birger Schütz

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