Fehlerfrei zum Ziel: Russland bittet zum Diktat

Rechtschreibung ist wichtig. Erst in der Schule, später im Berufsleben. Und doch schleichen sich beim Schreiben Fehler ein – trotz Autokorrektur. In Russland hat man einen Weg gefunden, Orthographie wieder attraktiv zu machen.

Moskauer Studenten versuchen das Diktat fehlerfrei zu schreiben. /Foto: IVDK.

Wer heute fehlerfrei schreiben möchte, kann sich auf Autokorrektur und Rechtschreibprogramme verlassen. Diese Hilfsmittel sind beim „Totalen Diktat“ nicht erlaubt. Mitte April mussten 200 000 Teilnehmer beim landesweiten Diktatwettbewerb ihren Kopf anstrengen. Die interaktive Veranstaltung „Totales Diktat“ existiert bereits seit 2004 und soll die Schreib- und Lesefähigkeit in Russland fördern.

Die Idee dazu hatten Studenten aus Nowosibirsk. Um das Rechtschreib-Wissen ihrer Kommilitonen und Professoren zu testen, veranstalteten sie einen Wettbewerb. Zuerst lasen die Studenten Werke der russischen Klassik vor. Doch schnell wurde ihnen klar, dass es sinnlos war, bekannte Prosa auszuwählen. Im Internet kann man alles finden. Neue Texte mussten also her und das ist eine Aufgabe für Schriftsteller, dachten sich die Organisatoren.

Wolgadeutsche im Fokus

So kam es, dass 2010 der sowjetische und russische Science-Fiction-Autor Boris Strugazkij eine Kurzgeschichte beisteuerte. Solch eine literarische Prominenz beförderte das „Totale Diktat“ jenseits der Hörsäle. Seitdem verfassen bekannte Literaten den alljährlichen Diktattext – sehr zur Freude der russischen Orthografie-Enthusiasten. Den Vorleser mimen Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft, die scherzhaft auch Diktatoren genannt werden.

Dieses Jahr wird die Rechtschreibung mit einem Text von Gusel Jachina geprüft. Die Schriftstellerin aus Tatarstan schrieb drei Kurzgeschichten, die „Morgen“, „Tag“ und „Abend“ heißen. Es sind Auszüge aus ihrem neuen Roman „Meine Kinder“. Darin schildert die Autorin das bewegende Schicksal der Wolgadeutschen Autonomie, die zwischen 1918 und 1941 bestand.

Jenseits des Klassenzimmers

Nicht nur gefragte Literaten machen den Wettbewerb populär, auch das Setting. Neben traditionellen Einrichtungen wie Schulen, Universitäten und Bibliotheken findet die Aktion auch an exotischen Orten statt. In Omsk wird das Diktat in einem Gefängnis geschrieben, nachdem ein Insasse den Wunsch geäußert hat, teilzunehmen. In Moskau wird die Schreibfähigkeit an Bahnhöfen geprüft und in Tscheljabinsk können Teilnehmer zum ersten Mal auf einem Riesenrad schreiben. In Rostow am Don bekommen die Teilnehmer zur Abwechslung Feder und Tinte und in Rybinsk wird das Diktat in einem Burger-Lokal abgehalten. Die Betreiber haben sogar einen speziellen Burger kreiert, den „totalen Burger“.

Schon lange findet der Wettbewerb nicht nur in Russland statt. Auf sechs Kontinenten schreiben Menschen das „Totale Diktat“. Auch in Deutschland testen Freiwillige ihr Wissen, beispielsweise im Russischen Haus in Berlin. Für Russischlernende wird es auch eine Möglichkeit geben, an der Aktion teilzunehmen. Die Organisatoren haben einen Test entwickelt, den TruD. Er besteht aus zehn verschiedenen Aufgaben und beruht auf Jachinas Kurzgeschichte.

Deutscher Ableger

Und weil Russen gerne Diktate schreiben, existiert das Projekt auch auf Deutsch. Und zwar das „Tolle Diktat“, das der Internationale Verband der deutschen Kultur seit mehreren Jahren veranstaltet. Es findet nicht im Frühling statt, sondern im Winter, am 21. Februar – dem Tag der Muttersprache. In diesem Jahr schrieben 25 000 Deutschlernende das Diktat in Russland, in den GUS-Staaten und in Europa. Neulich kamen die Ergebnisse: Die Rechtschreib-Champions leben im Gebiet Altaj. Hier haben die Teilnehmer die wenigsten Patzer gemacht. An zweiter Stelle ist das Gebiet Rostow, den dritten Platz belegt das Gebiet Swerdlowsk. Die Teilnehmer schrieben einen Text über Fußball und sind nun bereit, die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Russland anzufeuern.

Ljubawa Winokurowa

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