Eine Woche im Januar: Augenzeugen berichten aus Almaty

Anfang Januar gingen Bilder von Ausschreitungen in Kasachstan um die Welt, deren Beurteilung auch der Redaktion der MDZ schwer fällt. Unseren Kollegen von der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ in Almaty gelang es, Augenzeugenberichte aus der größten Stadt des Landes zu sammeln, die wir hier für sich sprechen lassen möchten.

Eine Sezene aus der kasachischen Stadt Almaty, in der es Anfang Januar zu gewaltsamen Ausschreitungen kam.
In Kasachstans größter Stadt Almaty kam es im Januar zu gewaltsamen Protesten (Privat)

Swetlana Jakowljewa, wohnt nahe der Residenz des Präsidenten

Am 4. Januar machten wir uns mittags mit den Kindern auf zum Dostyk Plaza an der Scholdasbekowa-Straße. Die umliegenden Straßen waren schon abgesperrt und der Verkehr wurde über die Scholdasbekowa umgeleitet. Wir verbrachten den Tag bis um fünf im Dostyk Plaza, und fuhren dann nach Hause. Dort hörten wir zunächst vom Hof Feuerwerk, und es wurde jemandem zum Geburtstag gratuliert. Eine halbe Stunde später, gegen 22.30 Uhr, ertönte vom Platz der Republik plötzlich ein ganz anderer Lärm: Dort explodierten Blend- und Rauchgranaten. Das ging bis früh um sechs. Wir schliefen nicht, die Kinder hatten Angst. Ständig explodierten weitere Blendgranaten.

Am nächsten Tag standen wir um sieben Uhr auf und gingen zur Arbeit. Unsere Kollegen konnten nicht ins Büro, weil schon keine Taxen mehr fuhren. Nur wenige waren da. Als ich nachmittags aus dem Fenster schaute, sah ich, wie ein großer Pulk von Soldaten aus Richtung des Platzes gerannt kam. Panik. Wir riefen alle Mitarbeiter dazu auf, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Als sie sich in ihre Autos setzten, eilten die Soldaten zu ihnen und baten sie, sie so schnell wie möglich wegzubringen, hauptsache weg von diesem Ort. Denn die Demonstranten griffen gezielt Leute in Uniform an. Einer unserer Kollegen nahm einen Offizier mit, der am ganzen Leib zitterte.

Danach war ein Tag wie der andere. Wir saßen zuhause, hatten kein Internet, und die ganze Zeit war die Stadt in Qualm gehüllt. Schießereien ertönten, und je mehr geschossen wurde, desto dichter wurde der Qualm. Als wir mitbekamen, dass ein Regierungsgebäude und die Präsidentenresidenz brennen, ging es dann stündlich mit Maschinengewehrsalven weiter. Wir verbarrikadierten uns zuhause, machten das Licht aus, und saßen im Dunkeln, weil die Salven sehr, sehr nah waren.

In der Nacht zum 7. Januar war dann schon die ganze Zeit Ausgangssperre. Mein Vater rief an und sagte, er sei gestürzt und könne nicht aufstehen. Wir riefen den Rettungsdienst und den Katastrophenschutz, um den Rettern zu helfen, in die Wohnung zu kommen. Doch die meldeten sich kurze Zeit später und erklärten, dass man ihnen verboten hätte, auszurücken. Der Rettungsdienst sagte, dass die Demonstranten – oder besser Terroristen? – sie riefen, weil es dort Verwundete gebe, und die Retter sollten sich um diese kümmern. Sie sagten, die Terroristen würden sie festhalten, schlagen und nicht fortlassen. Deswegen würden sie sehr sorgfältig jedes Ausrücken prüfen.

Bartholomäus Minkowski, leitet das Informationszentrum des DAAD in Kasachstan

Dienstag, der vierte, war ein gewöhnlicher, grau-trüber Januartag. Während ich eher zufällig von Demonstrationen in West-Kasachstan wegen stark erhöhter Gaspreise gelesen hatte, verlief der Tag unspektakulär. Ich wohne unweit vom Wahrzeichen der Stadt, dem Hotel Kasachstan, von wo auch Supermärkte und Restaurants fußläufig erreichbar sind. So begegnete ich auch beim kurzen Einkauf vielen Menschen auf den Straßen.

Bereits am frühen Abend gegen 19 Uhr waren erste Schüsse und vereinzelt Knallgeräusche zu hören. Da Feuerwerk und Böller in Almaty auch nach Silvester nichts Ungewöhnliches sind, dachte ich mir nichts weiter dabei. Im Laufe des Abends intensivierte sich der Lärm jedoch, die Frequenz von Schüssen nahm zu, teils heftige Knallgeräusche folgten vor allem nach 22 Uhr. Von meinem Balkon aus konnte ich seitlich auf die Abai-Straße schauen, und dabei vernahm ich einen ansteigenden Strom von Polizei- und Feuerwehrwagen, die im Eiltempo in Richtung Platz der Republik fuhren. Bis ich einschlafen konnte, war es fast fünf Uhr morgens.

Am Mittwochvormittag war im kasachischen Fernsehen bereits von Unruhen zu hören, allen voran in Almaty. Erste Bilder von brennenden Autos tauchten im Fernsehen auf. Ich unternahm einen kleinen Spaziergang um die Abai- und Kurmangazy-Straße. Mehrheitlich junge Männer waren in kleinen Gruppen zu sehen, die mehr oder minder koordiniert durch die Straßen hetzten. Alte Autos, teils in schlechtem Zustand, rasten über die Kurmangazy-Straße Richtung Innenstadt. Im Hintergrund waren weiterhin Schüsse zu hören. Den Spaziergang nahe meiner Wohnung brach ich schließlich ab, als ich eine Ansammlung junger Männer erblickte, die einen unbewaffneten Jungen in Militäruniform (er war kaum älter als 18 Jahre) gegen seinen Willen in ein Auto zerrten und davonrasten.

Die Stimmung auf der Straße war merklich angespannt und offen aggressiv. Zwischenzeitlich war auch die Verbindung zum Internet abgebrochen. Gegen 15 Uhr verfolgte ich dann ausführlich die Berichterstattung im kasachischen Fernsehen, stets die Sender wechselnd, da ich auf Kasachisch nur wenige Phrasen verstehen konnte, während dies auf Russisch weitaus leichter war. Regelmäßig wiederkehrende Standbilder informierten abwechselnd auf Kasachisch und Russisch über die andauernde Operation der Sicherheitskräfte in der Stadt.

Am frühen Abend wurde ich vom Generalkonsulat der BRD angerufen. Sie fragten nach meinem Befinden und informierten mich darüber, dass in Kasachstan der Ausnahmezustand gelte, die Lage sei weiter unübersichtlich. Auf den Straßen waren weiterhin Schusswechsel zu vernehmen. Im Fernsehen wurde erstmalig die Sperrstunde verkündet: Von 23 bis sieben Uhr morgens dürfe man die Wohnung nicht verlassen.

Der Donnerstag begann ruhig, wenngleich einige entfernte Schüsse weiterhin zu vernehmen waren. Die Behörden hatten mittlerweile darüber informiert, dass Präsident Tokajew die Einrichtung von 200 Frei-SMS bzw. 300 Frei-Minuten angeordnet habe. Der Grund dafür war offenkundig: Jedwede Internet-Verbindung war gekappt. Im Fernsehen konnte ich nun ausführlich die umfangreichen Zerstörungen am Platz der Republik sowie auf den großen Straßen in Almaty und anderen Teilen Kasachstans beobachten. Beim Versuch, schnell wichtige Lebensmittel zu kaufen, musste ich feststellen, dass die meisten Supermärkte verbarrikadiert waren. An der Dostyk-Straße gab es nur vereinzelt beschädigte Gebäude.

Wenige Menschen waren an jenem Donnerstag auf den Straßen und suchten nach den wenigen Lebensmittelläden, die geöffnet hatten. Das waren vor allem kleinere Läden, wenngleich es nur noch wenige Güter gab. Für mich reichte dies jedoch völlig aus. Trotz der angespannten Lage schienen die meisten Einwohner ruhig, wohl wissend, wie man sich in Ausnahmesituationen zu verhalten habe.Im nahen Umfeld meiner Wohnung gab es keinerlei Zerstörungen, mit Ausnahme eines stark beschädigten Bezahlterminals an der Abai-Straße.

Die Wochenendtage stellten sich ruhig, teils bizarr dar: Tagsüber verfolgte ich die nonstop laufenden Sondersendungen zur Situation in Kasachstan. Zumeist wurde von einer Beruhigung und Stabilisierung der Lage beim Kampf gegen Banditen und Terroristen berichtet. Lediglich in Almaty dauere der Kampf an. Daher wurden die Hinweise für die Almatiner Bevölkerung in Bezug auf die anti-terroristischen Maßnahmen per Standbild in regelmäßigen Abständen eingeblendet.

Wenig verwunderlich daher, dass die Sperrstunde ab 23 Uhr (angekündigt mit Sirenengeheul gegen 22 Uhr) eine nahezu gespenstische Atmosphäre schuf. Die Straßenbeleuchtung war auf das Wesentliche reduziert, die Straßen komplett leer, der für die Jahreszeit übliche Nebel tat sein Übriges.

Julia Gerlitz, arbeitet unweit des Platzes der Republik

Am 5. Januar nach der Mittagszeit sahen meine Kollegen und ich vom Fenster aus, wie Offiziersanwärter aus der Richtung des Platzes stürmten. Einige von ihnen waren bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Einer von ihnen suchte Zuflucht im Gebäude. Er war verprügelt, seine Kleidung zerrissen, und er weinte und zitterte. Er erzählte, dass die Menge angefangen hatte, die Einsatzkräfte zu schlagen, die dort an der Absperrung auf dem Platz standen. Er bat um bürgerliche Kleidung, weil er sich in Militäruniform nicht mehr auf der Straße sehen lassen könne, ohne sofort geschlagen zu werden.

Die Leute besorgten ihm solche Kleidung und riefen seine Verwandten an, die kamen um das Kerlchen einzusammeln. Als ich abends nach Hause kam, fiel mir auf, dass fast die Hälfte der Autos, die noch in der Stadt unterwegs waren, keine Nummernschilder hatten. Sie waren mit deutlich erhöhter Geschwindigkeit unterwegs, beachteten keine roten Ampeln, und fuhren sogar auf der Gegenfahrbahn. Und später sahen wir im Fernsehen, dass die Terrorbrüder sich Autos geschnappt hatten, um sie für ihre Angriffe zu
nutzen.

Die Augenzeugenberichte erschienen erstmal in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 13. Januar 2022 unter den Titeln „Soldaten mussten sich verstecken“ und „Eine Woche Parallelwelt„.

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