Die Welt nach Corona

Ob es je wieder wie früher wird? Angesichts der Coronakrise fragen sich viele Russen, welche langfristigen Folgen das Virus für ihr Land hat. Auch Politiker und Wissenschaftler zerbrechen sich die Köpfe über Zukunftsszenarien. Eine Auswahl der interessantesten Prognosen.

Der Außenpolitiker Alexej Puschkow erwartet, dass Russlands Einfluss nach der Coronakrise zunimmt. (Foto: russiancouncil.ru)

Eine tripolare Welt entsteht

Nach Meinung von Alexej Puschkow beschleunigt die Coronakrise die Entstehung einer neuen Weltordnung. „Eines der wichtigsten Merkmale dieser neuen Welt wird die Schwächung der USA sein“, schreibt der Senator und führende russische Außenpolitiker in einem Beitrag für die Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“. Die Pandemie habe der Reputation der Vereinigten Staaten schweren Schaden zugefügt. Innerhalb einiger Monate habe das Land mehr Menschen durch Covid-19 verloren als im gesamten Vietnamkrieg. Der angeblich mächtigste Staat der Welt scheitere mit mehr als anderthalb Millionen Infizierten im Kampf gegen Corona. Die Rolle einer Führungsmacht könne Amerika nicht mehr ausfüllen. Russland erkenne den angeblichen Führungswillen Washingtons schon jetzt nicht mehr an. Diese Sichtweise werde auch von Staaten wie China, der Türkei und dem Iran geteilt. Als Folge der Corona-Pandemie prognostiziert Puschkow daher die Entstehung eines multipolaren Systems. Dieses werde von den Kraftzentren Russland, China, USA dominiert. „In diesem nicht gleichschenkligen Dreieck sind die beiden Spitzen Russland und China einander näher als der dritten, den USA“. Gemeinsam würden die beiden Länder künftig die Macht der USA ausbalancieren und einschränken.

Die Zukunft im Nebel

Für Alexander Oslon sind die Folgen von Corona tiefgreifend – und noch ziemlich unabsehbar. Die gegenwärtige Situation ähnele der Situation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. „Ich würde das mit dem Anfang von 1992 vergleichen“, erklärt der Chef des Umfrageinstituts Obschestwennoje Mnenie in einem Interview mit der Tageszeitung „Iswestija“. „Damals hat sich unser Lebensstil total, radikal und unumkehrbar geändert.“ Wie 1992 änderten sich gerade die Regeln, auf welchen der Alltag beruhe. Die Russen müssten sich wie nach dem Ende des Kommunismus erst an die neue Realität gewöhnen. Auf alte Erfahrungen könne dabei niemand zurückgreifen, da die Situation grundlegend neu sei. Prognosen zu geben, sei daher äußerst schwer. „Das ist das Charakteristische an Umbruchsmomenten.“ Klar sei aber schon jetzt, dass der Ausbau des Gesundheitswesens für viele Bürger künftig mehr an Bedeutung gewinne. Mit einer Ausweitung der Arbeit im Homeoffice rechnet der Experte dagegen nicht. Büros würden auch in Zukunft ihre Bedeutung bewahren. Auch die Schulen würden nach dem Ende der Krise wieder zum normalen Unterricht zurückkehren. Die Schüler bräuchten direkte Betreuung. Dagegen werde an den Hochschulen und Universitäten auch nach Corona viele der Online-Angebote erhalten bleiben.

Wirtschaft per Knopfdruck

Geschäfte öffnen, der Handel fährt an – und dann wird wieder alles geschlossen: So könnte nach Meinung von Ökonomen die unmittelbare Zukunft der russischen Wirtschaft aussehen. Ein On-Off-Betrieb, in dem sich Ansteckungswellen und damit verbundene Shutdowns mit vorsichtigen Öffnungsphasen abwechseln, sei für die nächsten anderthalb Jahre am wahrscheinlichsten. Zu diesem Schluss kamen Spezialisten des Moskauer Büros der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in einer aktuellen Studie. Das beschriebene Regime werde so lange andauern, bis ein Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt werde. Die Fachleute rechnen damit nicht vor Ende 2020. Als Folge des prognostizierten Wechselkurses drohe eine Insolvenzwelle kleiner und mittlerer Geschäfte. „Die Pandemie geht nicht schnell vorbei“, erklärte BCG-Chef Sergej Perapetschka gegenüber der Wirtschaftszeitung „RBK“. „Wir werden lernen müssen, uns da durch zu retten.“ Damit der ökonomische Schaden so gering wie möglich ausfalle, müsse jede einzelne Quarantäne-Welle möglichst kurz und berechenbar sein. Zudem solle der Staat während der Shutdowns der Wirtschaft möglichst mit effektiven Hilfsprogrammen unter die Arme greifen.

Alles bleibt beim Alten

Der Einfluss der USA sinkt und die Macht Chinas nimmt immer mehr zu? Über diese Voraussagen kann Witalij Tretjakow nur gelangweilt gähnen. Denn beide Tendenzen seien keineswegs neu. „Tatsächlich gab es das ja schon vor der Pandemie und wird es auch weiter geben“, schreibt der Dekan der Hochschule für Fernsehen der Staatlichen Moskauer Lomonossow-Univerität in einem Beitrag für die Zeitung „Argumenty i Fakty“. „Meine Prognose: Selbst, wenn das Virus aktuelle Tendenzen verstärken sollte, sind keine grundlegenden, umstürzenden Veränderungen zu erwarten.“ Für Russland werde sich in den kommenden drei Jahren nichts ändern. Seine Sichtweise begründet Tretjakow mit der Widerstandskraft des amerikanischen Dollars. Trotz aller Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten sei der Dollar nach wie vor die prägende Währung des internationalen Finanzsystems. Den meisten Staaten fehle bisher der Mut zu einer Abkehr vom dollarzentrierten System. Auch der russischen Politik ermangele es diesbezüglich an Initiative. Zu sehr orientierten sich die regierende Kaste und die Intellektuellen nach Westen. Die zu erwartenden Änderungen infolge der Coronakrise seien daher bestenfalls „Kinkerlitzchen“.

Birger Schütz

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