Das Moskau der kleinen Leute

Auf den tollen neuen Spielplätzen in der City möchte man am liebsten selbst wieder Kind sein. Was sagt ein Protagonist der Branche dazu?

Beispiel Festivalpark nördlich der Innenstadt: So sehen die Moskauer Spielplätze heute vielerorts aus. © Tino Künzel

Wer noch in Zeiten aufgewachsen ist, als Spielplätze im Wesentlichen aus Sandkasten, Klettergerüst und Wippe bestanden, der schaut heute mit großen Augen auf die Nachfolger dieser Minimalisten und weiß sofort: Früher war nicht alles besser. Auch in Moskau hat in dieser Hinsicht eine neue Qualität Einzug gehalten, zusammen mit der allgemeinen Aufwertung des öffentlichen Raumes in den letzten Jahren. Wurden die zahllosen Hinterhofspielplätze zumindest aufgehübscht, so sind speziell in den Parks und Grünanlagen wahre Himmelreiche für Kinder entstanden. Einziges Problem: Wie kriegt man den Nachwuchs von dort wieder weg?

Spielplätze werden mittlerweile von Architekten und Künstlern erdacht, über Spielplätze wird berichtet, geredet, philosophiert. Fachleute ermahnen die Eltern, bloß nicht ständig händchenhaltend und stirnrunzelnd dabeizustehen, damit ja nichts passiert. Die Kinder müssten sich beim Spielen nicht nur austoben, Mutproben bestehen und sich miteinander messen, sie sollten auch mit Risiken umzugehen lernen. Dabei dürften sie sich ruhig auch mal den Kopf einrennen oder auf die Nase fallen. Solche Erfahrungen mache man lieber im frühen Alter, um später weder an Selbstzweifeln noch an Selbstüberschätzung zu leiden.

Gefühlt gibt es auf den Moskauer Spielplätzen meist kein Halten. Bisweilen wird einem sogar angst und bange, wie wenig angst und bange scheinbar den Kleinen ist, wenn sie sich ins Vergnügen stürzen. Der deutsche Unternehmensberater Kai-Uwe Gundermann, wohnhaft in Moskau und Vater einer fünfjährigen Tochter, hat noch etwas anderes festgestellt: Auf den hiesigen Spielplätzen sei mehr los als in Deutschland, „das sind richtige Begegnungsstätten“. Ausgestattet seien sie ohnehin „sehr vernünftig“, sowohl die draußen als auch die drinnen (in Einkaufszentren). In Berlin sei es ihm durchaus schwergefallen, etwas Vergleichbares zu finden.

Manches auf der Moskauer Spielplatzlandkarte ist übrigens „Made in Germany“. So lieferte das Traditionsunternehmen Richter Spielgeräte aus dem bayerischen Frasdorf die Ausrüstung für den erst im August eröffneten neuen Fixpunkt der Szenerie: den Spielplatz „Saljut“ im Gorki-Park, der auf 1,8 Hektar in Wahrheit neun Spielplätze ist. Die Mehrheit davon ist dabei „bis 99 Jahre“ ausgeschrieben. Man darf sich also auch als Erwachsener gern mal wieder als Kind fühlen.

Tino Künzel

 

„Spielplätze sind ein Kompromiss“

Der Sotschi Park, die „Fregatte“ im St. Petersburger Neu-Holland-Viertel, der Spielplatz „Saljut“ in Moskau: Die Referenzen der Moskauer AFA Group für Landschaftsdesign und Spielewelten gehören zum Besten, was in jüngerer Vergangenheit in Russland geschaffen wurde, immer in Zusammenarbeit mit Richter Spielgeräte aus Deutschland. MDZ-Redakteur Tino Künzel hat mit AFA-Firmenchef Alexander Frontow gesprochen.

Die „Schlucht“ ist eine von neun Anlagen auf dem Spielplatz „Saljut“ im Gorki-Park. © Tino Künzel

Wie würden Sie die Moskauer Spielplatzlandschaft einschätzen?

Wenn man das mittlere Niveau zu Grunde legt, dann als eher schlecht, aber besser als noch vor ein paar Jahren. Hier wird ja seit einiger Zeit viel von Verschönerungsmaßnahmen geredet. Im Zuge dessen hat sich schon einiges getan.

Holt Moskau tendenziell jetzt nach, was anderswo schon gang und gäbe ist. Oder geht man hier eigene Wege?

Interessante Frage. Ich denke, dass auf einem durchschnittlichen Spielplatz mehr und teurere Geräte zu finden sind. Und dass auf ein sympathisches, knallbuntes Äußeres einstweilen noch mehr Wert gelegt wird als auf die Möglichkeiten, die sich tatsächlich zum Spielen bieten. Geld ist scheinbar zur Genüge vorhanden, der Rest braucht noch Zeit. Positiv finde ich, dass man sich beim Bau großer Wohnanlagen inzwischen schon im Vorfeld viel Gedanken um die Spielplätze macht, teils unter Einbeziehung der Landschaft.

Kann es sein, dass sich auch die Kinder unterscheiden?

Früher war ich der Meinung: Kinder sind überall gleich. Aber dann haben uns Kollegen aus Deutschland einmal gesagt, wenn man die deutschen Kinder als Standard nehme, dann gebe es ausgehend davon zwei Extreme: die Russen und die Amerikaner. Die russischen Kinder seien fitter und risikofreudiger, die kletterten überall herum, an erlaubten wie unerlaubten Stellen. Bei den Amerikanern, scherzten die Kollegen, würde das Kind Papa und Mama fragen, ob es in Ordnung sei, jetzt das eine oder andere Spielgerät zu benutzen, und wenn beide einverstanden seien, dann würde für alle Fälle noch der Anwalt zu Rate gezogen. Wie gesagt, das war natürlich nicht für bare Münze zu nehmen. Aber was auf jeden Fall stimmt: Bei uns wird nicht groß gefragt. Die Kinder sind auf den Spielplätzen kaum zu bremsen.

Haben Sie das selbst erlebt?

Ja, allerdings mit Jugendlichen. AFA und Richter haben gemeinsam einen Spielplatz in der Wohnanlage „Bukinskije Luga“ entworfen und gebaut. Er verfügt auch über eine 13 Meter hohe Pyramide. Die ist natürlich in sich geschlossen, so dass von innen niemand herausfallen kann. Aber ein paar 15- oder 16-Jährige sind von außen darauf rumgeturnt, nachdem einer die Aufsichtsperson abgelenkt hatte.

Was macht einen guten Spielplatz aus, am Beispiel des „Saljut“ im Gorki-Park?

Uns war es wichtig, dass die Besucher möglichst viele Optionen haben, sich zu betätigen. Deshalb gefallen mir auch Spielplätze wie von Monstrum oder „Kosmos“ im WDNCh weniger gut. Das sind eher Art-Objekte.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass man gar keine Spielplätze bräuchte. Wie das?

Kinder brauchen einen Ort, eine Zeit und Partner zum Spielen. Auf dem Lande bietet ihnen die natürliche Beschaffenheit genug Möglichkeiten, deshalb sind Spielplätze dort tatsächlich überflüssig. Aber wenn in der Stadt alle auf einen Baum klettern, dann ist der schnell hinüber. Deshalb hat man Spielplätze. Sie sind ein Kompromiss zwischen dem Kind und der Stadt.

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