Die Taube und der Elefant

Frida Kahlo und Diego Rivera engagierten sich für den Kommunismus und liebten die Sowjetunion. Dennoch wurden viele Bilder des berühmten Künstlerehepaares noch nie in Moskau gezeigt. Eine Ausstellung ändert das nun. Dabei zieht vor allem ein verschollen geglaubtes Riesengemälde die Besucher an.

Wiederentdeckt: Der „Glorreiche Sieg“ galt ein halbes Jahrhundert lang als verschollen. / Foto: Lena-Marie Euba

Im Ausstellungsraum ist es schummrig. Leise huschen Besucher von einem Bild zum nächsten, tuscheln miteinander. Doch vor dem riesigen Gemälde in der Mitte des Saales bleiben alle ehrfürchtig stehen. Hell leuchtet das angestrahlte und fast vier Meter breite Kunstwerk in der Dunkelheit. Zu sehen sind Männer, die sich die Hände schütteln, einer stützt sich auf eine riesige Fliegerbombe. Vor ihren Füßen liegen tote Kinder, im Hintergrund schleppen Arbeiter mit zerrissenen Hosen Bananenstauden auf ein Schiff. Darauf prangt gut sichtbar die amerikanische Flagge.

Vergessenes Monumentalwerk

„Glorreicher Sieg“ heißt das Monumental-Werk, mit dem der Maler Diego Rivera scharfe Kritik an dem von den USA vorangetriebenen Putsch 1954 in Guatemala übte. Lange galt das Gemälde des Mexikaners als verschollen. Doch fast ein halbes Jahrhundert später erschütterte eine kleine Sensation aus Moskau die Kunstwelt: Das Puschkin-Museum verkündete im Jahr 2000, es sei im Besitz des „Glorreichen Sieges“. Seit 1958 hatte das Bild, weitgehend vergessen, in einem Lagerraum des Museums geschlummert.

Dennoch sollte es noch einmal fast 20 Jahre dauern, bis das Bild auch für gewöhnliche Museumsgänger erstmals zugänglich wurde. Nun ist es der Besuchermagnet der Ausstellung „Viva la Vida. Frida Kahlo und Diego Rivera“, die in der Moskauer Ausstellungshalle Manege stattfindet.

Das berühmteste Maler-Ehepaar des 20. Jahrhunderts

Eine Hälfte der zweigeteilten Ausstellung ist der mexikanischen Kunstikone Frida Kahlo gewidmet. Die Werke von Diego Riveras Ehefrau nehmen die Räume im linken Bereich der Ausstellungshalle ein, die rechte Hälfte füllen Riveras Bilder. Zusammen sind Kahlo und Rivera mit knapp 100 Originalen vertreten, wobei das Schaffen Kahlos zum ersten Mal überhaupt in Moskau zu sehen ist, nur einen Steinwurf vom Kreml entfernt.

An diesem war der überzeugte Kommunist Rivera einst selbst vorbeispaziert. Anlässlich des zehnten Jubiläums der Oktoberrevolution war er 1927 nach Moskau angereist, um an den Festlichkeiten teilzunehmen. Seine Bekanntschaften mit sowjetischen Künstlern wie Sergej Eisenstein und Wladimir Majakowskij beeinflussten Riveras Stil. In seinen Bildern integrierte er fortan sowjetische Fabriklandschaften und ordnete die Figuren collageartig übereinander an, wie auch im „Glorreichen Sieg“ zu sehen ist.

Inspiration im Krankenhaus

Fast dreißig Jahre nach seinem ersten Besuch machte sich der schwer erkrankte Künstler ein zweites Mal in die russische Hauptstadt auf. Moskau sei schließlich „der einzige Ort auf der Welt, wo Ärzte wirklich wissen, wie man Krebs heilt“, fand der Maler. Während der Behandlung in einem Krankenhaus Mitte der 50er Jahre fertigte er eine Bilderserie an, in denen er Russen aus seinem Umfeld malte. Dabei entstanden auch seine beiden Lieblingsbilder, „Krankenschwester“, und „Sputnik-Junge“. Die Serie teilt sich in der Ausstellung den Raum mit früheren Werken wie beispielsweise „Telegrafenmast“, bei dem Rivera sich stark am kubistischen Stil orientierte.

Im nächsten Saal hängt das angeblich letzte Bild, das der Mexikaner vor seinem Tod vollendet haben soll. „Die Wassermelonen“ ist eine Hommage an seine geliebte Frida, die bereits drei Jahre zuvor verstorben war und deren letztes Gemälde ebenfalls die großen, grünen Früchte zeigt.

Ein tragischer Unfall und seine künstlerischen Folgen

Riveras Ehefrau hatte mit ihren 47 Jahren ein sehr kurzes und beschwerliches Leben. Mit 18 entkam sie bei einem schweren Tramunglück nur knapp dem Tod. Der Preis dafür waren jedoch lebenslange Schmerzen und unzählige Krankenhausaufenthalte. Dieses Trauma spiegelt sich unter anderem in ihrem Bild „Die zerbrochene Säule“ wider. Darauf umschließen eiserne Riemen eine weinende Kahlo und stützen dadurch sie selbst und ihre Wirbelsäule, welche im Gemälde durch eine steinerne Säule ersetzt wurde.

Eiserne Riemen und Gipskorsetts musste die Künstlerin oft auch im wirklichen Leben aufgrund der erlittenen Verletzungen tragen. Die ungeliebten Stützen pflegte sie stets zu bemalen, dabei durfte eines nie fehlen: ein Hammer und eine Sichel, die Symbole des Kommunismus und der Sowjetunion. Wie auch ihr Mann war Kahlo eine überzeugte Kommunistin. Über ihrem Bett hingen Bilder von Lenin und Stalin, den sie bis zu ihrem Tod fast so glühend verehrte wie ihren Mann.

Dolchstiche, Tauben und Elefanten

Die Ehe zwischen der „Taube“ und dem „Elefant“, wie Kahlos Eltern die zierliche Frida und den schwergewichtigen Diego tauften, war alles andere als einfach. Zahlreiche Affären auf beiden Seiten stellten ihre Liebe auf eine harte Probe. Die 20 Jahre jüngere Kahlo drückte ihren Liebeskummer unter anderem in dem Gemälde „Ein paar kleine Dolchstiche“ aus.

Die Ausstellung mit den Bildern der beiden Künstler läuft noch bis zum 22. Februar in der Moskauer Ausstellungshalle Manege. Danach treten die Werke den Rückweg in ihre mexikanische Heimat an – und der „Glorreiche Sieg“ verschwindet wieder im Lagerraum des Puschkin-Museums.

Lena-Marie Euba

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