Die Richters: eine russlanddeutsche Musikerfamilie

Nach einer bewegten Geschichte, die vom Elsass über die Ufer der Wolga nach Kasachstan und Moskau führte, wurde die Familie Richter wichtiger Bestandteil des kulturellen und politischen Lebens in Russland.

Die Moskauer Pianistin Jekaterina Richter.
Pianistin Jekaterina Richter erzählte der MDZ ihre Familiengeschichte. (Pawel Maschkow)

Die Geschichte der Familie Richter beginnt mit einer Flucht. Ungefähr in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts soll es gewesen sein, als Johann Hermann Richter im Alter von knapp 18 Jahren von seiner Mutter eigenhändig in einen Kutsch­wagen verfrachtet und in Richtung Osten geschickt wurde. Die Familie wollte den Jungen nicht dem ihm drohenden langen Militärdienst aussetzen. Aus dem heute französischen Elsass-Lothringen ging es für ihn zunächst nach Polen und später dann ins südrussische Saratow am Ufer der Wolga, wo damals viele Russlanddeutsche ansässig waren.

Neuanfang in Saratow

Ob die Mutter Johann damals tatsächlich selbst in den Wagen gezwungen hat, das kann heute niemand mehr mit Sicherheit sagen. In der Familie wird die Geschichte so erzählt, berichtet seine Urenkelin Jekaterina Richter im Gespräch mit der MDZ. Doch zwischen damals und heute liegen eben auch etwa 150 Jahre und ein langer, kurvenreicher Weg, der die Richters von Saratow nach Moskau, per Deportation nach Kasachstan und schließlich zurück in die russische Hauptstadt führte. Dass die Familie es als Musikerdynastie zu kultureller und politischer Bedeutung bringen würde, konnte 1870 sicher noch niemand erahnen.

Dabei lag die Musik auch damals schon in der Familie. „Mein Urgroßvater arbeitete in Saratow als Instrumentenbauer“, erzählt Jekaterina. „Er stellte damals Akkordeons her.“ Die Musikalität blieb auch in der nächsten Generation in der Familie. Johanns Sohn Rudolf studierte am Konservatorium in Saratow, wurde Pianist und komponierte. Der Hang zu genau diesem Instrument wird seitdem quasi in der Familie vererbt: Sowohl Jekaterina als auch ihre Mutter Jelena studierten Klavier an der Zentralen Musikhochschule in Moskau und wurden zu preisgekrönten Konzertpianistinnen.

Deportation nach Kasachstan

Rudolf Richter beschloss Anfang des 20. Jahrhunderts, mit seiner Frau nach Moskau überzusiedeln, wo er weiter als Pianist arbeitete. Doch an dieser Stelle verlieren sich leider etwas die Details in der Familiengeschichte der Richters. Denn mit Beginn des Zweiten Weltkrieges änderte sich auch die Lebensrealität vieler Russlanddeutscher. „Vor allem wenn es um die deutsche Abstammung ging, haben die Leute in Zeiten der Sowjetunion es lieber vermieden, viel darüber zu sprechen“, erklärt Jekaterina den Umstand, dass einiges Wissen über das Leben ihres Großvaters verloren gegangen ist. „Die Leute sind an andere Orte gezogen und wollten sich nicht an früher erinnern, deshalb fehlt den späteren Generationen viel Information.“

Wie viele Russlanddeutsche wurden nämlich auch Jekaterinas Großeltern nach Kriegsende Opfer der Stalinistischen Deportationspolitik. Da Deutsche neben einigen anderen Nationalitäten als verdächtig galten, wurden sie in großer Zahl in die Peripherie der Sowjetunion umgesiedelt, oft nach Kasachstan. So auch Rudolf Richter und seine Frau samt ihrer zwei Kinder. Dabei hätte zumindest Rudolfs Frau als ethnische Russin der Deportation entgehen können. „Man bot ihr an, sich scheiden zu lassen und dafür mit den Kindern in Moskau bleiben zu dürfen. Doch sie hat sich geweigert und so ist die ganze Familie gemeinsam nach Kasachstan gegangen.“

Deutsche Kultur in Karaganda

Die Richters ließen sich schließlich in Karaganda nieder, wo sie auf eine große deutsche Gemeinschaft stießen und sich ganz im Geiste der Familie wieder um Musik und Kultur verdient machten. Denn dort gab es damals eine Musikschule, deren Direktor zwar selbst Kasache war, aber die deutsche Kultur sehr schätzte. Mit den Neuankömmlingen sah dieser vor allem die Möglichkeit, etwas europäische Kultur zu sich nach Karaganda zu holen. So ging die musikalische Veranlagung der Richters auch im Exil nicht verloren, sondern hinterließ ganz im Gegenteil ihre Spuren weitab vom Zentrum der Sowjetunion. Die Musikschule existiert heute noch, und auch die Porträts Rudolf Richters und seiner Frau Anna hängen noch an den Wänden. „Meine Mutter wird noch immer regelmäßig von den Leitern der Schule eingeladen, aber leider fällt ihr das Reisen schon schwer“, schmunzelt Jekaterina.

Das Stadtzentrum von Karaganda im Jahr 1956.
Das Stadtzentrum von Karaganda im Jahr 1956 (A. Worotynskij/ RIA Novosti)

Selbst sei sie noch nie in Karaganda gewesen, meint sie weiter. Denn in Kasachstan blieb ihre Mutter Jelena nicht wohnen. Stattdessen kehrte sie etwa 1960 nach Moskau zurück, um wie später auch ihre Tochter an der Zentralen Musikhochschule Klavier zu studieren. Das bedeutete auch, auf Besuche der Eltern zu verzichten. Als Deportierte war es diesen nämlich verboten, nach Moskau zurückzukehren, während die nachfolgende Generation solche Auflagen schon nicht mehr zu beachten hatte.

Musik in vierter Generation

Zum Glück, denn so konnte Jelena Richter nach ihrem Studium noch zu Zeiten der Sowjetunion zur erfolgreichen Pianistin werden. Im Rahmen staatlich organisierter Tourneen bereiste sie das ganze Land und kam dabei oft auch an ungewöhnliche Konzertorte. „Man schickte Musiker in alle Ecken des Landes und hat dort Bühnen in Klubhäusern oder Mensen aufgebaut. Die Zustände waren nicht immer allzu gut, oft fehlten am Klavier sogar manche Tasten“, erklärt Jekaterina und rezitiert einen besonderen Vorfall. „Meine Mutter spielte in einem Ensemble mit der großartigen Cellistin Natalja Gutman und sie kamen wieder an so einen Ort, wo das Publikum von der Musik so gar nichts verstand. Sie begannen zu spielen und meine Mutter merkte, dass an einer Stelle statt einer Taste nur ein Loch war. Sie begann heftig zu lachen, aber Gutman schaute sie nur an und zischte, sie solle zu lachen aufhören, so könne man doch nicht spielen.“

Mit Jekaterina kam im Jahr 1982 die vierte Musikergeneration der Familie Richter zur Welt. Dabei kam die Begeisterung für das Klavierspiel bei Jelenas Tochter erst vergleichsweise spät. „Ich habe mit fünf oder sechs Jahren begonnen, Klavier zu spielen, aber richtig geliebt habe ich es damals noch nicht. Erst mit ungefähr zwölf habe ich gemerkt, dass ich darin wirklich gut bin und mich später entschlossen, Pianistin zu werden.“ Die Entscheidung habe sie nie bereut, wie sie der MDZ versichert.

Erfolge in Kultur und Politik

Und so trat sie als junge Erwachsene in die großen Fußstapfen ihrer Mutter, schrieb sich in der Zentralen Musikhochschule in Moskau ein, studierte am Konservatorium und wurde dort später, wie auch Jelena, Dozentin. Auch nach Deutschland hat es sie wieder verschlagen, als Studentin zunächst nach Berlin und später an die Musikhochschule Köln. Eine schöne Wendung nimmt die turbulente Geschichte der Familie auch mit Jekaterinas Erfolgen. Denn fast anderthalb Jahrhunderte, nachdem Johann Hermann Richter Deutschland verlassen musste, wurde seine Urenkelin mit mehreren Preisen im Herkunftsland ihres Vorfahren ausgezeichnet. „Am liebsten von allen Auszeichnungen ist mir der Leipziger Bach-Preis“, erzählt sie.

Aus den Richters wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts eine Familie, die aus der Moskauer Klassikszene schwer wegzudenken ist. Doch das ist längst nicht alles. In den 1990er-Jahren erlangte man auch politischen Einfluss. Jekaterinas Vater, der Ökonom Wiktor Iwanowitsch Danilow-Daniljan, brachte es unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin nämlich bis zum Umweltminister. Den Posten hielt er von 1996 bis kurz nach dem Amtsantritt Wladimir Putins. Ob es an den deutschen Wurzeln seiner Frau oder am allgemeinen Zeitgeist der Annäherung Deutschlands und Russlands lag: Danilow-Daniljan machte sich speziell um die Kooperation beider Staaten in der Umweltpolitik verdient. Eine Zeitzeugin erinnert sich noch heute lebhaft an die häufigen Besuche des Ministers, der samt Familie nach Deutschland kam, um sich mit seinem Amtskollegen Klaus Töpfer (CDU) auszutauschen. Große Akademiker seien beide gewesen, die für ihr Thema brannten.

Ein kurviger Weg mit glücklichem Ende

Das Jahr 2000 markierte entsprechend einen Umbruch für die Familie. „Es war eine Zeit, in der schwer zu sagen war, was mit dem neuen Präsidenten kommen würde“, erzählt Jekaterina. „Mein Vater hat sich einige Male mit ihm getroffen und es wurde wohl relativ schnell klar, dass unser jetziger Präsident ihn nicht in seinem Kabinett haben wollte. Vielleicht gab es anfangs etwas Hoffnung, doch damit war es recht schnell vorbei.“

Für die Familie ging es gewissermaßen zurück ins Kerngeschäft: Danilow-Daniljan verschlug es an die Universität, er leitete ab 2003 das Institut für Hydrologie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Jelena und Jekaterina setzten ihrerseits, wie auch während der vorigen Jahre, ihre Tätigkeit als Musikerinnen fort. Jekaterina tritt mittlerweile immer öfter auch als Organisatorin von Konzerten in Erscheinung, richtete Veranstaltungen im berühmten Puschkin-Museum aus. Ein weiter Weg war es für die Richters aus dem Elsass, über Saratow nach Moskau, Kasachstan und schließlich zurück in die russische Hauptstadt. Doch die Familie ist angekommen.

Von Thomas Fritz Maier

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