Deutsch-russische Herzenssache

Wenn das Herz ohne Vorwarnung zu schlagen aufhört, dann kann das genetische Ursachen haben. Ein deutscher Professor sieht Grund zu der Annahme, dass eine Gen-Mutation im 18. Jahrhundert mit Deutschen nach Russland ausgewandert und jetzt mit ihnen wieder zurückgelangt ist. Nun soll grenzübergreifend zusammengearbeitet werden, um Leben zu retten.

Hier wird zu Herzerkrankungen geforscht: das Zentrum für Klinische Forschung und Entwicklung im nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen, wo auch das Erich und Hanna Klessmann-Institut von Hendrik Milting angesiedelt ist. © Armin Kühn

Natalja M. will sich demnächst einem DNA-Test unterziehen, um Gewissheit zu haben. Vielleicht trägt ja auch sie die Krankheit in sich? Immer wieder sind in der Familie der russlanddeutschen Spätaussiedlerin, die 2010 aus dem sibirischen Omsk nach Deutschland kam, Todesfälle aufgetreten, die sich niemand erklären konnte. Im vorigen Jahr etwa: Ihr Cousin Denis spielte per Skype mit einem Freund in Russland am Computer, als er sich einen Kaffee holen wollte. Der junge Mann verschwand und kehrte nicht zurück. Sein Freund rief besorgt bei der Familie an, die fand Denis leblos auf. Auch die herbeigerufenen Notärzte konnten ihn nicht reanimieren. Er wurde nur 23 Jahre alt.

Oder Nataljas älterer Bruder Sergej: Er fuhr 2010, noch in Russland, zur Arbeit beim Katastrophenschutz. Im Auto wurde ihm plötzlich schlecht und er starb aus „ungeklärter Ursache“, wie es auf dem Totenschein hieß.

Beide Männer sind allem Anschein nach an Herzversagen gestorben, obwohl sie nie über entsprechende Beschwerden geklagt hätten, sagt Natalja. Sie hat in Russland an einer Berufsschule unterrichtet, heute zieht sie vier Söhne groß und weiß seit Kurzem mehr über die Krankheit, die offenbar auch zwei Schwestern ihrer Mutter das Leben gekostet hat. Mutter Irina selbst wurde neulich ein Herzschrittmacher eingesetzt.

Weil die Familie im nordrhein-westfälischen Bünde lebt, unweit von Bad Oeynhausen, wo sich das renommierte Herz- und Diabeteszentrum NRW befindet, geriet der Fall ihres Cousins ins Blickfeld der Fachleute und landete auch auf dem Tisch von Professor Hendrik Milting. Der forscht schon seit 25 Jahren zu schweren Herzerkrankungen.

Häufung in den Niederlanden – und bei Spätaussiedlern

Milting ist Biologe und leitet das Erich und Hanna Klessmann-Institut für Kardiovaskuläre Forschung und Entwicklung am Herz- und Diabeteszentrum. Er hat bei russlanddeutschen Spätaussiedlern in seiner Region eine Häufung von plötzlichen Herztoden festgestellt, die auf eine sogenannte hypertrophe Kardiomyopathie zurückzuführen waren. Anders als beim Herzinfarkt, der durch eine Gefäßerkrankung ausgelöst wird, handelt es sich hierbei um eine Herzmuskelerkrankung, bei der die Wände verdicken. Die Ursachen können unterschiedlich sein, doch in den betreffenden Fällen lag eine Gen-Mutation vor – eine Erbkrankheit, wie sie zuvor vor allem in den Niederlanden festgestellt worden war. Dort ist etwa jeder vierte Patient mit hypertropher Kardiomyopathie von der Gen-Mutation betroffen. In diesem Fall handelt es sich um eine „Gründer-Mutation“, die vermutlich im 18. Jahrhundert im Rheinland entstanden und seitdem weitervererbt worden ist.

Hendrik Milting hält es für möglich, dass auch im Gebiet Omsk Russlanddeutsche leben, die an der Krankheit leiden, ohne es überhaupt zu wissen. © Pressebild

Da sich die Russlanddeutschen jedoch erst seit dem Ende der Sowjet­union in Deutschland angesiedelt haben, kann davon ausgegangen werden, dass bereits ihre Vorfahren zu den Anlageträgern gehörten, bevor sie sich überhaupt aus dem deutschen Westen über den Rhein und die Ostsee nach Russland aufmachten. Milting findet das eine lehrreiche Konstellation: „Wenn ich Journalist wäre, würde ich das besonders betonen. Man macht sich um die Russlanddeutschen ja oft keine großen Gedanken. Die haben 250 Jahre in Russland ihre deutsche Identität bewahrt, kommen hier an und gelten als ,Russen’. Aber das ist deutsche Geschichte!“

Vor knapp anderthalb Jahren hat Milting zusammen mit Notärzten eine Studie angestrengt, die helfen soll, mehr Klarheit über die Erkrankung zu bekommen. Denn Betroffene verspüren in der Regel ihr Leben lang keinerlei Symptome und werden deshalb auch nicht ärztlich untersucht. „Die erste Diagnose ist häufig der Tod“, so drückt es Milting aus. Wenn dann keine Obduktion erfolgt, wird auch die genaue Todesursache nicht ermittelt. Notärzte können jedoch Blutproben sichern, anhand derer man den Erbinformationen auf die Spur kommen kann.

Zusammenarbeit mit Kollegen in Russland angestrebt

In der Zwischenzeit hat sich Professor Milting an die „Moskauer Deutsche Zeitung“ gewandt. Denn in Omsk und Umgebung leben weiterhin Angehörige der Spätaussiedler, die in Deutschland wegen ihrer Herzprobleme ins Visier gerieten. Zudem ist nicht auszuschließen, dass auch andere Russlanddeutsche betroffen sind. Mit einem Elektrokardiogramm oder einer Echokardiografie lässt sich die Krankheit diagnostizieren. Doch dafür braucht es erst einmal ein Bewusstsein, dass man zur Risikogruppe gehört und sich untersuchen lassen sollte. Deshalb will Milting Kontakte nach Omsk herstellen, um Betroffene und Ärzte zu sensibilisieren.

Als Mittler hat sich inzwischen das Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Omsk eingeschaltet. Im März weilte eine Delegation der Selbstorganisation der Russlanddeutschen in Bad Oeynhausen, darunter auch Ärzte. Für Ende Mai ist Milting zum Kultur- und Geschäftsforum „Made by Deutschen aus Russland“ nach München eingeladen. Dort wird er wohl auch auf einen Fachkollegen aus Omsk treffen.

Das alles soll dazu führen, dass besagte Erkrankung rechtzeitig diagnostiziert wird. Dann nämlich besteht die Chance, die Risiken durch eine engmaschige kardiologische Überwachung zu reduzieren, eine medikamentöse Behandlung einzuleiten und Verhaltensempfehlungen zu geben, etwa den Verzicht auf Leistungssport. Je nach Schwere des Falls kann auch ein Herzschrittmacher oder Defibrillator angebracht sein. Wenn sich andere Maßnahmen erschöpft haben, ist eine Herztransplantation der letzte Ausweg.

Natalja M. ist froh, heute zumindest die Hintergründe der Todesfälle in ihrer Familie zu kennen, die sie früher in keinen Zusammenhang bringen konnte. Sie hofft, dass der DNA-Test Aufschluss darüber bringt, nicht selbst erkrankt zu sein. „Dann bin ich beruhigt.“

Tino Künzel

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