Der Austausch lebt!

Wenn die große Politik nicht mehr weiterkommt, muss die Gesellschaft handeln. Das hört man immer wieder von Menschen, die sich im deutsch-russischen Austausch engagieren. Und für die meisten ist es tatsächlich mehr als eine Phrase, wie Beispiele zeigen.

Das inklusive Café „Zeit der Veränderung“ war das erste seiner Art in Russland. (Foto: instagram/droopi05)

Für Außenstehende mag es wie ein Mantra wirken, wie eine Form der Selbstvergewisserung, dass eine Beziehung trotz erheblicher Probleme nicht in die Brüche gehen soll. Seit Jahren betonen engagierte Bürger aus Deutschland und Russland, man solle die große Politik und ihre Probleme mal beiseitelassen und sich auf die Menschen in beiden Ländern konzentrieren. „Die Partner sind in ihrer jahrelangen Arbeit gewöhnt, dass es politisch lange nicht so gut läuft, wie im kommunalen und zivilgesellschaftlichen Dialog“, erklärte das geschäftsführende Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums Martin Hoffmann vor Kurzem im MDZ-Interview.

Und weiter: „Die Menschen, die in diesen Organisationen arbeiten, wissen, worauf sie sich stützen können und sie werden deshalb auch mit großem Vertrauen daran weiterarbeiten, dass diese Grundlage in der Zusammenarbeit weiter bestehen wird“. Hoffmann freute sich, dass die Partnerschaften immer wieder neue und innovative Felder erschließen und „diese innovativen Felder vor Ort, in der jeweiligen Stadt, entwickelt werden“. Tatsächlich scheinen die politischen Umstände dem kommunalen Austausch zwischen Deutschland und Russland bisher nicht allzu viel anhaben zu können.

Über 150 Partnerschaften und Freundschaften listet das Deutsch-Rus-sische Forum auf seiner Homepage auf. Eine Liste, die mit Sicherheit unvollständig ist. Denn immer wieder werden neue Partnerschaften abgeschlossen. Andere hingegen gibt es bereits seit vielen Jahren. Und das so erfolgreich, dass sie dafür von den Außenministern beider Länder im Partnerschaftsjahr 2017/2018 ausgezeichnet wurden.

Orte der Integration für Menschen mit Beeinträchtigungen

Auf den ersten Blick könnten Oldenburg und Machatschkala kaum unterschiedlicher sein. Hier die pittoreske Residenzstadt im Norden Deutschlands, dort die geheimnisvolle Hauptstadt der muslimisch geprägten russischen Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus. Und doch tauschen sich Menschen aus beiden Städten seit 2012 in Fragen von Rechten und Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen aus. Der Vorsitzende der deutsch-russischen Freundschaftsgesellschaft Oldenburg-Machatschkala, Helmut Hinrichs, habe ihm damals angeboten, seine Arbeit doch einmal in Russland vorzustellen, sagt Gerhard Wessels am Telefon. Die Arbeit sind die Gemeinnützigen Werkstätten Oldenburg und Wessels Vorstand der Einrichtung. In Russland fand Wessels Zuhörer, die interessiert waren, wie das System der Behindertenhilfe in Deutschland und in Oldenburg funktioniert. Besonders interessiert zeigten sich die Vertreter der Organisation „Leben ohne Tränen“ aus der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala. Allen voran Ajschat Gamsajewa, die sich seit vielen Jahren unermüdlich für die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrer Heimat einsetzt.

Erstes Café von Menschen mit Beeinträchtigungen

Die meiste Aufmerksamkeit erhielt Wessels bei seinen Vorträgen, wenn er über das „Café Kurswechsel“ in Oldenburg sprach, einen Ort, an dem Menschen mit Beeinträchtigungen jegliche Arbeit machen, die in einem gastronomischen Betrieb anfällt. Egal ob Service, Küche oder Kasse, betont Wessels. Für Menschen mit Behinderungen ist ein Café ein idealer Arbeitsort, „weil sie dort an einem Ort sind, an den alle hinkommen. Das ist eine Aufwertung“, erklärt Wessels. Für „Leben ohne Tränen“ stand fest, dieses Konzept auch in Dagestan einzuführen. Und 2018 eröffnete schließlich das „Zeit der Veränderung“, Russlands erstes Café, in dem Menschen mit Beeinträchtigungen das Sagen haben. Im eher konservativen Dagestan ein mutiger Schritt, der sich auszahlte.

Wessels ist froh, solche kompetenten und engagierten Partner in Russland gefunden zu haben. Für ihr Engagement wurden die beiden Einrichtungen 2018 von deutscher und russischer Seite ausgezeichnet. Doch ein Preis ist kein Grund, sich auszuruhen. Schließlich gibt es in Sachen Inklusion noch viel zu tun. Vor Kurzem haben Oldenburger und Machatschkalaer auf einer Konferenz vereinbart, auch weiterhin zusammenarbeiten zu wollen. Im kommenden Jahr sind die Niedersachsen zu ihren Partnern ans Kaspische Meer eingeladen. Dort können sie erleben, wie die russischen Partner Inklusion vorantreiben und anschließend einen Tee im Café „Zeit der Veränderung“ trinken.

Bei Problemen: Beratung von Experten

Von kompetenten und engagierten Partnern kann auch Friedhelm Biederbeck jede Menge erzählen. Genauso wie von Inklusion und Teilhabe. Solche Themen seien absolut aktuell, vor allem in der heutigen Zeit, sagt der Vorsitzende des Vereins Elterncafés im Dialog aus Emden am Telefon. Die Elterncafés sollen Kinder und Eltern in der größten Stadt Ostfrieslands und der nordrus-sischen Partnerstadt Archangelsk fördern. Wer Probleme hat, kann sich an die freiwilligen Pädagogen und Psychologen wenden. Und kompetente Hilfe bekommen. In Archangelsk gibt es sechs bis sieben Elterncafés, in denen die Experten Eltern und ihre Kinder beraten. Die deutsch-russische Zusammenarbeit funktioniere prima, betont Biederbeck. Das sei ein richtig gutes binationales Team. Vor allem für Tatjana Bulygina findet Biederbeck nur warme Worte. Die Psychologie-Dozentin der Nördlichen Föderalen Universität hat in der Hafenstadt ein starkes Team versammelt, insgesamt 32 Personen. Viele davon Experten von der Universität.

Die Elterncafés machen eine Arbeit, die in der Pandemie besonders wichtig ist. Schließlich haben der monatelange Lockdown und die beengten Lebensverhältnisse in Russland bei vielen Menschen Spuren hinterlassen. Wie in anderen Ländern auch, ist die häusliche Gewalt angestiegen. Auch deshalb haben die Cafés ihre Arbeit in den vergangenen anderthalb Jahren nicht eingestellt, nicht einstellen können. Man habe während der gesamten Pandemie in ständigem Austausch gestanden, sagt Biederbeck.

Regelmäßig wurden Videokonferenzen abgehalten und auch in die Arbeit der Cafés geschaut. Und von Bulygina bekamen die Ostfriesen immer wieder Post mit Vorschlägen, was man machen könne. Auch kleine Vergleiche zwischen den Partnern ließ sich die Psychologin nicht nehmen. In Emden kam das gut an.

Auch wenn die Pandemie bisher „gut gemeistert“ wurde, sei es von „Auge zu Auge, von Mund zu Mund“ doch einfacher. Auch deshalb wird Biederbeck zur Städtepartnerkonferenz nach Kaluga reisen, um endlich wieder persönlichen Kontakt zu haben.

Namensvetter und Musikbegeisterte

Soziale Initiativen wie in Oldenburg/Machatschkala und Emden/Archangelsk suchen nach Lösungen für dringende gesellschaftliche Probleme. Der deutsch-russische Austausch ist aber vielfältig. Seit über zehn Jahren engagieren sich Leipziger in der Bürgerinitiative „MOST Integrationsverein Leipzig – Brücke der Kulturen e.V.“ für den Namensvetter der Sachsenmetropole im Ural. Der Verein will, dass sich die Kulturen und die Menschen besser kennenlernen. Das sei eine historische Pflicht, ist man in Sachsen überzeugt.

Zum Angebot gehören Freizeiten und Sprachkurse für Kinder, Theaterauftritte und die monatliche Zeitschrift „MOCT“. Unübersehbarer Höhepunkt des Leipziger Engagements war 2017 die Errichtung eines Völkerschlachtdenkmals im Ural. Im Maßstab 1:25, ohne Krieger und ohne Waffen, dafür mit viel Fantasie.

Fantasie bringen auch die Musiker rund um RCCR Projects mit. Seit 2014 organisiert das Berliner Kulturunternehmen gemeinsam mit der Philharmonie in Jekaterinburg eine internationale Orchester-Akademie. Das Ziel: Junge Musiker sollen mit Hilfe bekannter Dozenten ein anspruchsvolles Programm erarbeiten und präsentieren. Hier steht nicht nur der musikalische, sondern vor allem auch der Gedankenaustausch im Vordergrund. Die jungen Menschen sollen so ein Gespür für ihre Partner aus dem jeweils anderen Kulturkreis bekommen.

Daniel Säwert

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