Auch für einen einzigen Passagier

Die Coronakrise trifft den Verkehrssektor besonders hart. Der internationale Flugverkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen und auch die innerrussischen Verbindungen wurden deutlich zusammengestrichen. Welche Folgen hat das für einen Flughafenbetreiber? Die MDZ hat mit Daniel Burkard vom Moskauer Flughafen Domodedowo gesprochen.

Die Luftfahrt und Corona: Leere am Flughafen Domodedowo
Leere, wo sonst reges Treiben herrscht: Flughafen Moskau Domodedowo im April 2020 (Foto: Sergej Wedjaschkin/ Agenstwo „Moskwa“)

Herr Burkard, haben Sie vor sechs Monaten angenommen, dass so eine Situation wie die jetzige möglich ist?

Natürlich hätte niemand gedacht, das irgendetwas die gesamte internationale Luftfahrtindustrie zum Erliegen bringen würde. Die Luftfahrt arbeitet seit vielen Jahren an Szenarien einer Epidemie oder einer biologischen Bedrohung, jedoch nicht auf einer solchen globalen Ebene.
In Domodedowo führen wir regelmäßig spezielle sanitäre und epidemiologische Übungen durch. Spezialisten entwickeln Vorgehensweisen zur Identifizierung und zum Transport eines Patienten, bei dem der Verdacht auf eine gefährliche Infektionskrankheit besteht, sowie zur Zusammenarbeit mit den übrigen Passagieren des Fluges und für die Desinfektion des Flugzeugs. Insbesondere dank dieser Vorbereitung waren unsere zuständigen Abteilungen bei Beginn der Covid-19-Pandemie mit der erforderlichen Schutzausrüstung ausgestattet und kannten die Technologie zur Organisation der Arbeit von medizinischen Teams zur Überprüfung ankommender Passagiere internationaler Flüge.

Wie haben sich Ihre Arbeitstage während der Krise verändert?

Komplett. Für gewöhnlich arbeiteten wir im traditionellen Büromodus und haben regelmäßige und kurzfristige Besprechungen in Besprechungsräumen. Jetzt ist das Vergangenheit. Unser IT-Team hat schnell die Voraussetzungen für Remote-Arbeit geschaffen und Mitarbeitern, die zuvor nur im Büro arbeiten konnten, die Möglichkeit gegeben, alle aktuellen Aufgaben in einem Remote-Format zu lösen. Besprechungen im Videokonferenzmodus sind zu einem täglichen Ereignis geworden, daher bin ich heute schon seit über drei Wochen nicht mehr im Büro. Und der Kaffee ist zu Hause besser.

Der internationale Verkehr wurde fast vollständig gestoppt. Darüber hinaus ist in Russland ein deutlicher Rückgang des Inlandsverkehrs zu verzeichnen. Wie ist die Situation in Domodedowo jetzt?

Der Flughafen Domodedowo bedient die größte Anzahl von Zielen in Russland unter allen Flughäfen des Landes. Die meisten Destinationen werden weiterhin angeflogen, allerdings mit einer geringeren Frequenz als zuvor. Darüber hinaus fertigen wir Flüge zur Repatriierung von Passagieren, die von ausländischen Fluggesellschaften durchgeführt werden, ab.

Domodedowo leistet einen großen Beitrag zum allgemeinen Kampf gegen die Covid-19-Pandemie. Insbesondere empfangen und fertigen wir ein großes Volumen an Frachtflügen für die Lieferung von medizinischen Hilfsgütern ab. Beispielsweise wurden im März und April über Domodedowo für Russland mehr als 430 Tonnen medizinische und pharmazeutische Waren importiert, die heute für Gesundheitseinrichtungen von entscheidender Bedeutung sind.

Der Ertragsverlust geht sicherlich mit laufenden Betriebskosten einher. Was können Sie in dieser Situation sparen?

In der Tat ist dies der größte Unterschied zwischen einer Fluggesellschaft und einem Flughafen in der aktuellen Krise. Fluggesellschaften können das Flugzeug parken, es abschließen und die Besatzung nach Hause schicken. Das Flughafenterminal muss jedoch auch für einen einzigen verbleibenden Passagier weiter betrieben werden. Sicherheit, Heizung, Lüftung, Reinigung, Landebahnbeleuchtung und Wartung – all dies muss kontinuierlich weiter funktionieren. Gleichzeitig wurde eine Reihe von Maßnahmen zur Kostenoptimierung entwickelt. Darunter fallen die Einführung von Kurzarbeit und die Bildung von Schichtplänen auf der Grundlage des tatsächlichen Verkehrsaufkommens. Wir haben auch den Teil des Terminals, der für den internationalen Verkehr vorgesehen ist, vorübergehend geschlossen.

Mussten Sie Mitarbeiter entlassen?

Wir haben beschlossen, uns auf die Erhaltung des Teams als Ganzes zu konzentrieren. Das Unternehmen investiert überdurchschnittlich viel in die Schulung der Mitarbeiter und diese Fachkräfte müssen an den Arbeitsplatz zurückkehren, sobald die durch die Covid-19-Pandemie verursachten Einschränkungen beendet werden. Wie gesagt, um die Arbeitsplätze zu erhalten, erstellen wir Arbeitspläne, die auf der tatsächlichen Nutzung des Terminals und des Vorfeldes basieren.

Ich glaube, dass in Russland Voraussetzungen für eine schnellere Markterholung als in anderen Ländern bestehen. Zum einen wegen der großen sozioökonomischen Bedeutung des Flugverkehrs für ein so großes Land und andererseits zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft.

Wie lange können Sie die aktuelle Situation wirtschaftlich bewältigen?

Das hängt von einer Reihe von Faktoren ab, wie der Dauer der Beschränkungen, als auch von den beschlossenen Maßnahmen zur Unterstützung der gesamten Luftfahrtindustrie. Gleichzeitig bereiten unsere Mitarbeiter Pläne für die zügige Wiederinbetriebnahme aller Arbeitsbereiche, sobald wir von den Behörden „grünes Licht“ erhalten, vor.

Die Regierungskommission hat eine Liste systemrelevanter Unternehmen veröffentlicht, die überwacht werden und bei Bedarf Unterstützung erhalten. Ihr Flughafen ist auf dieser Liste. Welche Hilfe erwarten Sie?

Wir sind dankbar für das Angebot. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt zu Regierungsabteilungen und Branchenorganisationen, liefern alle erforderlichen Informationen zu den Auswirkungen von Covid-­19 auf den Betrieb des Flughafens und erörtern Unterstützungsmaßnahmen zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit von Fluggesellschaften im Kontext einer umfassenden Finanzkrise.

Die Fragen stellte Jiří Hönes.

Zur Person

Daniel Burkard stammt aus München und kam 1999 mit British Airways als Geschäftsführer für Osteuropa nach Moskau. 2005 wechselte er zum Flughafen Moskau Domodedovo, wo er verschiedene Management-Positionen inne hatte und derzeit als Direktor für internationale Angelegenheiten auch den Bereich Geschäftsentwicklung verantwortet. Er ist ausserdem als Privatdozent an der RANEPA tätig und ist Mitglied des Vorstandes (World Governing Board) der weltweiten Flughafenvereinigung Airport Council International (ACI).

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