Bye bye Baranow

Mit dem Rückenwind der Black-Lives-Matter-Bewegung: In der alaskischen Provinzstadt Sitka haben indigene Aktivisten das Denkmal eines umstrittenen russischen Kolonialherren ins Museum verbannt. In seiner Heimat wurde die Entscheidung frostig aufgenommen.

Verbrecher oder Lichtgestalt? Alexander Baranow regierte die Kolonie Russisch-Amerika, das heutige Alaska. (Foto: Ktoo.org)

Die Anschuldigungen wiegen schwer: Alexander Baranow, Anfang des 19. Jahrhunderts Russlands wichtigster Vertreter in der Überseekolonie Russisch-Amerika, habe wie ein Diktator geherrscht, seit Jahrtausenden ansässige Stämme versklavt und sich mit den einheimischen Tlingit-Indianern einen blutigen Krieg um die Vorherrschaft in der abgelegenen Region geliefert. „Er war der Stalin von Alaska“, ereifert sich ein empörter Leserbriefschreiber in Alaskas auflagenstärkster Zeitung „Anchorage Daily News“.

Unterdrückung und Kolonialismus: Kein Grund zum Stolz

Die Zuschrift ist Teil einer Kampagne indigener Aktivisten, welche bereits seit Jahren die Entfernung einer Baranow-Statue aus dem Zentrum der Stadt Sitka, der früheren Hauptstadt der russischen Kolonie, fordern. Das im Jahr 1989 errichtete und wiederholt beschädigte Denkmal stehe für Kolonialismus, Unterdrückung und angebliche weiße Überlegenheit. Im Zuge der von der Black-LivesMatter-Bewegung angestoßenen Debatte um Denkmäler für amerikanische Sklavenhalter und andere zweifelhafte Helden gewann der alte Streit im Sommer nun wieder an Fahrt. Rund 3000 Menschen unterschrieben eine Petition zur Demontage des Denkmals, Tlingit-Indianer und Baranow-Gegner hielten vor der unscheinbaren Bronze-Figur im Stadtpark der 8000-Einwohnergemeinde Kundgebungen ab. In Zeitungen und sozialen Medien entbrannte ein Kampf um den Umgang mit Baranows Erbe. Auch die Gegner eines Denkmalsturzes machten mobil – und zwar mit den klassischen Argumenten früherer Kolonialmächte. Russland habe den indigenen Stämmen Bildung gebracht, Schulen, Krankenhäuser und Gemeindehäuser errichtet, schrieb beispielsweise David Mahaffey, orthodoxer Bischoff von Sitka und Alaska, in einem Beitrag für die „Anchorage Daily News. Talente seien in der russischen Kolonialzeit gefördert, Einheimische als Priester, Ikonenmaler oder Lehrer ausgebildet worden. „Das ultimative Ziel war es, ihren Lebensstil zu verbessern“, argumentiert der Geistliche. Von Sklaverei könne keine Rede sein, Einheimische hätten den vollen Schutz des russischen Gesetzes genossen. Ausbeutung habe es nur am Rande gegeben. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, die Alaska 1867 dem Zaren abkauften, habe Russland die ansässigen Völker weit besser behandelt. Russlands Botschafter in den USA Anatolij Antonow verwies auf rund 200 unter Baranow gegründete und nach wie vor bestehende Siedlungen. Zudem habe sich dieser große Verdienste bei der Verbreitung des orthodoxen Glaubens gemacht – rund ein Drittel der Anwohner folgten der christlichen Glaubensrichtung bis heute.

6000 Unterschriften und ein patriotischer Milliardär

Diese Argumentation griffen weite Teile der russischen Community in den USA auf. Interessenverbände wie der Kongress russischer Amerikaner protestierten in einem Brief an die Sitkaer Stadtverwaltung. Eine Petition des Koordinationsrates russischer Landsleute in den USA (KSORS) unterschrieben landesweit rund 6000 Menschen. Auch im Mutterland des umstrittenen Kolonialherren machte die Debatte Schlagzeilen. Zeitungen und Internetmedien griffen den Fall auf. Mehrere Städte – darunter Magadan, Irkutsk und Baranows Geburtsort Archangelsk – boten an, die Statue im Falle einer Demontage zu übernehmen. Die Stiftung „Art Russe“ des russischen Milliardärs und Kunstsammlers Andrej Filatow wollte die Baranow-Figur zusammen mit einer weiteren umstrittenen Statue für US-Präsident Theodore Roosevelt aufkaufen und in St. Petersburg aufstellen. Beide Männer hätten positive Spuren in der russischen Geschichte hinterlassen, begründete der Sammler seine Initiative. Die Roosevelt-Statue vor dem Amerikanischen Museum für Naturgeschichte in New York war zuvor in die Kritik geraten, da sie die Gefühle von schwarzen und indigenen Amerikanern verletzen soll.

Neuer Platz im Museum

Die Stadtverordneten von Sitka kommentierten die russischen Reaktionen nicht – und stellten das weitere Schicksal der Statue kurzerhand zur Abstimmung. Am 14. Juli beschlossen die sieben Mitglieder des Stadtrates bei nur einer Gegenstimme, dass Denkmal aus dem Stadtzentrum von Sitka „so bald wie möglich“ zu entfernen. Die Baranow-Figur spalte die Gemeinde und stehe für eine von Rassismus, Gewalt und Ungerechtigkeit durchdrungene Persönlichkeit, erklärten die Lokalpolitiker in einer anschließend veröffentlichten Presseerklärung. Ein Fall für den historischen Müllhaufen wird das Denkmal jedoch nicht. Stattdessen soll die Statue Tafeln zu ihrem histo­rischen Kontext bekommen und künftig im Geschichtsmuseum von Sitka ausgestellt werden.Das russische Außenministerium reagierte mit Bedauern auf den Entschluss. Dieser sei vor dem Hintergrund der emotionalen Debatte um den amerikanischen Denkmalsturm zu Stande gekommen, erklärte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa in einer offiziellen Stellungnahme. „Wir werden das weitere Schicksal der Statue im Blick behalten!“

Birger Schütz

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