Buchmesse non/fiction: Moskaus großes Literaturfest

Von 2. bis 6. Dezember stellten im Moskauer Kongresszentrum Gostinyj Dwor die wichtigsten Verlage Russlands ihre aktuellen Programme aus. Mit dabei: Gastland Deutschland.

Ein Überblick über die Buchmesse non/fiction im Gostinyi Dwor.
Mit jedem Tag geschäftiger: die non/fiction im Gostinyj Dwor (non/fiction)

Gut besuchte Lesungen, dichtes Gedränge vor den Ständen, Häppchen am Café-Stand. Nachdem das Veranstaltungsjahr 2020 vor allem in Deutschland von Absagen geprägt war und die großen Buchmessen nicht in Präsenz stattfinden konnten, wirkte das Bild der Buchmesse non/fiction mitten im Moskauer Stadtzentrum fast schon befremdlich normal. Würden am Eingang keine QR-Codes abgefragt, man käme sich glatt vor wie vor der Pandemie.

Dabei hat auch der russische Buchmarkt schwierige Zeiten hinter sich. Allein im März 2020 gingen den Verlagen des Landes 6,8 Milliarden Rubel durch die Schließung der Buchläden verloren. Auch verstärkte Online-Käufe konnten dieses Loch nicht stopfen, wie Forbes damals berichtete.

Schwierige Normalität

Entsprechend ist die Erleichterung über die geglückte Durchführung der Veranstaltung schon bei der Pressekonferenz am ersten Tag allen Beteiligten anzumerken. Die fast schon formelhafte Beschwörung der Bedeutung einer Buchmesse für die öffentliche Debatte und den zivilgesellschaftlichen Diskurs, wie sie die Chefredakteurin des Wissenschaftsverlags Nowoje Literaturnoje Obosrenije Irina Prochorowa zuverlässig lieferte, ist da noch ein weniger interessantes Symptom.

Vielmehr merkte man der Versammlung an, dass an die Messe in diesem Jahr noch mehr als sonst vor allem wirtschaftliche Hoffnungen geknüpft sind. Wie bei der Pressekonferenz zu hören war, geht es vor allem den Buchhandlungen nach wie vor schlecht. Durch die Pandemie habe sich das Kaufverhalten der Russen quasi komplett gedreht, merkte ein Vertreter der Branche an. Hätten vorher etwa 60 Prozent der Kunden im Laden eingekauft und nur 40 Prozent auf Online-Versandhäuser zurückgegriffen, sei das Verhältnis jetzt in etwa umgekehrt.

Ob die Buchläden durch die non/ fiction höhere Einnahmen werden verzeichnen können ist aber zweifelhaft. Hauptsponsor OZON, ein großes Online-Versandhaus, hat extra eine eigene Website eingerichtet, über die Artikel aus den präsentierten Programmen bequem bestellt werden können. Die Verlage scheinen sich zumindest mehr vom Verkauf im Internet zu erhoffen.

Gastland Deutschland

Dass Normalität in den Betrieb einkehrt, ist dafür im Zentrum des Messegeländes zu bemerken. Nachdem die Frankfurter Buchmesse, die in Moskau ein Büro unterhält, im vorigen Jahr wegen der Pandemie keinen Stand anbieten konnte, war Deutschland diesmal als Gastland mit einem großen Auftritt vertreten. Unter dem Slogan „German Stories“ wird das deutsche Buchjahr dem Moskauer Publikum präsentiert und darüber hinaus einiges nachgeholt. So sind auch die Nominierten des Deutschen Buchpreises 2020 ausgestellt und Ludwig van Beethovens 250. Jubiläum wird nachträglich begangen.

Und so stromern die Gäste dieses Jahr wieder entspannt durch die Reihen deutscher Publikationen, bleiben mal am Themenstand Ökologie hängen oder freuen sich an liebevoll gestalteter Kinderliteratur, die einen großen Platz im deutschen Pavillon einnimmt. Besonders beliebt sind die „schönsten deutschen Bücher“. Die Auswahl hochwertig verarbeiteter und oft reichlich bebildeter Bände findet im Ausland immer besonderen Anklang. Das liegt allein schon daran, dass die Sprachbarriere dabei am geringsten ist. Das größte Problem im Kontakt zwischen Literatur und Publikum liegt nämlich genau hierin: Nur wenig aktuelle deutsche Literatur liegt auch in russischer Übersetzung vor. Umgekehrt gilt das Gleiche.

Kulturkontakt mit Hindernissen

Den Kontakt herzustellen, gerade darin liegt die Aufgabe von Katherina Rapp. Als Projektmanagerin bei der Frankfurter Buchmesse ist sie für den Auftritt des Gastlandes Deutschland auf der non/fiction zuständig. Dabei geht es im Kern um kulturelle Verständigung. „Ich finde, es ist die nachhaltigste Art, in eine andere Kultur einzutauchen. Indem man Bücher liest aus einem anderen Kulturkreis“, meint Rapp im Interview mit der MDZ.

Gleichermaßen räumt sie ein, dass das russische Publikum nach wie vor schwer zu erreichen ist. Zwar ist das Interesse am Gastland groß. Aber da die Organisation in diesem Jahr ohne eine Partnerbuchhandlung in Moskau auskommen muss, kann am Stand nicht verkauft werden. „Manchmal gibt es Leute, die hier sehr gezielt den Wunsch haben, Bücher zu kaufen. Es tut mir dann immer in der Seele weh, dass wir das nicht leisten können. Ganz selten haben wir etwas doppelt, dann verschenken wir das. Ansonsten gehen die Bücher anschließend in die Bibliothek des Goethe-Instituts oder in Partnerbibliotheken.“

Interesse ist vorhanden

Liegt aber ein Titel auf Russisch vor, ist der Andrang bemerkenswert. Zur Vorstellung der Übersetzung des Romans „Vielleicht Esther“ der deutsch-ukrainischen Autorin Katja Petrowskaja fand sich nicht nur ein beachtliches Publikum ein. Auch die Ausgaben des Buches, die nach der Veranstaltung verschenkt wurden, waren innerhalb weniger Minuten bis auf das letzte Stück vergriffen.

Klar ist also, dass es nicht an mangelndem Interesse liegt, wenn deutsche und russische Leser nur wenig zeitgenössische Literatur aus dem jeweils anderen Land finden können. Vielmehr braucht es wohl eine Intensivierung des Kontakts zwischen Verlegern, Autoren und Agenten, um Übersetzungsprojekte in nennenswerter Zahl ins Rollen zu bringen. Genau dafür sind die Buchmessen zum Glück wieder da.

Thomas Fritz Maier

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