Belarus und die Kosten für Russland

In Moskau schaut man mit Sorge auf Belarus. Denn die Proteste könnten Russland teuer zu stehen kommen – und das unabhängig von ihrem Ausgang.

Risikoinvestition: Russland könnte auf den Kosten des belarussischen Atomkraftwerks sitzen bleiben. (Foto: BelAES)

Die Arbeiter der Minsker Fabrik für Radschlepper genießen bei den Demonstrierenden in Belarus hohes Ansehen. Schließlich waren sie mit die ersten, die sich gegen das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahl am 9. August stellten und Neuwahlen forderten. Nach und nach legten immer mehr Schlüsselbetriebe in Belarus teilweise die Arbeit nieder. Herrscher Alexander Lukaschenko reagierte auf die streikenden Arbeiter erbost und drohte damit, die betreffenden Betriebe ganz zu schließen. Eine Ankündigung, die enorme Auswirkungen auf die belarussische Wirtschaft hätte. 

Bereits jetzt ist klar, dass das belarussische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr sinken wird. Ganz egal, wie die Proteste im Land ausgehen werden. Vier Prozent werden es sein, glaubt die Ratingagentur Standard & Poor’s. 

Und das hat nicht nur Folgen für Belarus, sondern auch für Russland. Minsk habe dem Kreml eine „finanzielle Bombe“ gelegt, titelte die Tageszeitung „Nesawissimaja gaseta“. Denn ohne den östlichen Nachbarn geht nicht viel.

Russland ist der größte Investor

Abgesehen vom jungen und international erfolgreichen IT-Sektor besteht die Wirtschaft von Belarus überwiegend aus teilweise gigantischen Staatsbetrieben. Für Lukaschenko sind sie ein Mittel der gesellschaftlichen Kontrolle. Dass sich Belarus eine so ineffiziente Wirtschaft erlauben kann, liege daran, dass die Nachbarstaaten für diesen Luxus zahlen. Allen voran Russland. Das erklärte der Wirtschaftswissenschaftler Sergej Gurijew im Radiosender „Echo Moskwy“.

Zwischen 2000 und 2015 habe Moskau den Nachbarn dank vergünstigter Öl- und Gaslieferungen mit 100 Milliarden US-Dollar subventioniert, schrieb die Wirtschaftszeitung „RBK“ 2017. So konnte das Regime sein Volk mit einem bescheidenen Wohlfahrtsstaat lange Zeit ruhig stellen. 2018 begann das Verhältnis jedoch abzukühlen, als Russland mehr Integration für billige Rohstoffe forderte. Doch Russland subventioniert Belarus nicht nur, es ist auch der mit Abstand größte Investor. Nach Angaben der russischen Zentralbank flossen 2018 und 2019 jeweils 650 Millionen US-Dollar in belarussische Unternehmen. Anfang 2020 beliefen sich die Gesamtinvestitionen auf 4,26 Milliarden US-Dollar.

Das belarussische Finanzministerium und die Statistikbehörde des Landes nennen hingegen weitaus höhere Zahlen. Allein 2019 waren es demnach 2,87 Milliarden US-Dollar und damit 40 Prozent der Gesamtinvestitionen von 7,2 Milliarden US-Dollar. Der gravierende Unterschied kommt zustande, weil die belarussischen Behörden auch die über das Ausland umgeleiteten Gelder zählen. Nicht inbegriffen ist dabei der Bankensektor. Der soll nach Angaben der Ratingagentur Expert SA zu 25 Prozent in russischer Hand sein.

Russland müsste für die Schulden von Belarus aufkommen

Und: Bei keinem anderen Land hat Belarus mehr Schulden, als beim großen Nachbarn. Auf 7,92 Milliarden US-Dollar belaufen diese sich mittlerweile. Dazu gehört unter anderem ein Kredit von 440 Millionen US-Dollar für das umstrittene belarussische Atomkraftwerk. Die Schulden gegenüber Russland betragen damit 12,5 Prozent des belarussischen Bruttoinlandsprodukts.

Egal, wer zukünftig in Minsk regieren wird, für Russland dürfte dieses Geld verloren sein. Und sollte der Kreml an seinem Verbündeten Lukaschenko festhalten, könnte Moskau auch die restlichen zehn Milliarden US-Dollar an Verbindlichkeiten begleichen müssen. So steht für Russland ein Verlust von 18 Milliarden US-Dollar im Raum. Verlorene Investitionen sind hier nicht mit einberechnet.

Und eine offene Unterstützung des Regimes könnte Moskau noch teurer zu stehen kommen. Denn dann wäre man nicht nur einer der ganz wenigen verbliebenen Geldgeber, sondern würde auch noch durch neue Sanktionen seitens des Westens bedroht. Zum Vergleich: Der Konflikt mit der Ukraine 2014 hat Moskau vergleichsweise günstige sechs Milliarden US-Dollar gekostet.

Transit und Militär von Belarus abhängig

Immer wieder werden seit Protestbeginn zudem Spekulationen laut, dass der kriselnde Rubel auch die russische Währung unter Druck setzen könnte. Schließlich haben belarussische Banken gut die Hälfte ihrer Auslandsschulden von 5,5 Milliarden US-Dollar bei russischen Kreditinstituten. Die enge Verflechtung könne auch den russischen Rubel mit sich reißen, glaubt etwa Alexej Antonow, Chefanalytiker von Alor Broker. Allerdings befindet sich Russlands Währung bereits seit Monaten auf einer seichten Talfahrt.

Ein deutlich härterer Schlag für Russland wäre indes der Wegfall von Belarus als Haupttransitroute Richtung Europa. Auch die russische Armee müsste im Falle eines Machtwechsels umstrukturieren. Schließlich befinden sich in Belarus strategisch wichtige Radaranlagen, deren Neustationierung enorme Summen verschlingt.

Und die strategischen Raketenstreitkräfte könnten einen ihrer wichtigsten Lieferanten verlieren. Denn die streikfreudige Minsker Fabrik für Radschlepper ist bisher das einzige Unternehmen, das die Lkw herstellen kann, die Russland für seine Interkontinentalraketen braucht. Zwar arbeitet der tatarische Hersteller KAMAZ an einem Modell. Doch vor 2025 wird dieses nicht einsatzbereit sein.  

Daniel Säwert

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