Aus „WarumDarum“: Gedächtnistraining für die nächste Generation

Geschichtliche Geschehnisse wie der Zweite Weltkrieg scheinen im Alltag unheimlich fern. Doch kulturelles Erbe zeigt uns, wer wir sind und wo wir herkommen. Für heranwachsende Generationen ist das Wissen über die eigene Vergangenheit zukunftsweisend.

In Russland ein Zeichen des Gedenkens: Das Sankt-Georgs-Band. (Foto: Katy_foto/Pixabay.com)

Panzerkettenlärm auf den Straßen Berlins. Häuserkämpfe und Barrikaden, nach Schutz suchende Bürger verstecken sich in den Kellern ihrer Häuser bis die letzten deutschen Soldaten den Kampf aufgeben. Am 8. Mai 1945, also vor 75 Jahren, endet der Zweite Weltkrieg in Europa.

Etwa 75 Jahre, ein wenig älter, wird ein Mann im Durchschnitt, wenn er im Jahr 2020 in Deutschland geboren wird. Nur die Zeitspanne eines Menschenlebens trennt uns heute von Krieg, Zerstörung und dem Untergang des Dritten Reichs in der Schlacht um Berlin. In unserem alltäglichen Leben wirken diese Ereignisse unheimlich fern. So als hätte sie mit der Gegenwart nichts mehr zu tun. Wieso ist Geschichte trotzdem wichtig? Wieso sollte man das historische Erbe bewahren? Nur wenn wir wissen, wo wir herkommen, wissen wir, wer wir wirklich sind und wie wir die Zukunft gestalten wollen!

Er gibt viel zu erzählen

Die Erinnerung bewahren, das ist leichter gesagt als getan! Zeitzeugen, Menschen die durch ihre eigenen Erinnerungen von historischen Ereignissen berichten können, werden immer älter. Deswegen lassen sich nur noch sehr wenige Personen finden, die beispielsweise das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebten. Ein persönlicher Zugang, das Gedenken an die eigenen Familie, kann besonders helfen die Erinnerungen an die Geschichte wach zu halten. Dabei bewegen die Menschen oft grundsätzliche Fragen. Wer bin ich? Und wo komme ich her?

Wie groß das Interesse am Schicksal der eigenen Familienmitglieder ist, zeigt der Tag des Sieges. Am 9. Mai versammeln sich jedes Jahr Hunderttausende von Russen, um an ihre Verwandten zu erinnern, die im Weltkrieg kämpften! Die gemeinsam im sogenannten „Unsterblichen Regiment“ marschierenden, vergegenwärtigen durch mitgebrachte Bilder die Einzelschicksale der Menschen im Krieg.

An die Vergangenheit kann aber auf ganz unterschiedliche Weise erinnert werden. In Museen finden Ausstellungen statt, Denkmäler zeigen die Statuen berühmter, geschichtlicher Persönlichkeiten, historische Romane orientieren sich an tatsächlichen Ereignissen und natürlich veröffentlichen Historiker ihre Forschungsarbeiten! Und auch Gedenktage, wie der Siegestag, drehen sich meist um die Geschehnisse der Vergangenheit. Dabei lassen sich immer mehr Inhalte auch digital, im Internet finden. Durch ganze Ausstellungen kann auf dem Bildschirm des Smartphones schlendern!

Bemühen gegen das Vergessen

Besonders interessant ist es, wenn die Zeitzeugen selbst zu Wort kommen. Initiativen, wie das Zeitzeugenportal der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik filmen und digitalisieren die Gespräche mit ihren Interviewpartnern. Online kann man so ganz einfach an Erinnerungen von Zivilpersonen, Soldaten und Überlebenden des Holocaust teilhaben.

Auch die Schicksale der Russlanddeutschen sind Teil des historischen Erbes. Um diesen Teil der Geschichte für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen, bemühen sich viele Initiativen. In Detmold befindet sich zum Beispiel das einzige Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in der Bundesrepublik. Projekte und Ausstellungen berichten von einer facettenreichen Historie, geprägt von Auswanderung, Migration und Integration. Also brandaktuellen Themen!

Das Engagement von Menschen und Organisationen im hier und jetzt ist wichtig für Geschichte. Und auch du kannst dich engagieren, um das kollektive Gedächtnis zu bewahren! In Schulprojekten und Jugendbegegnungen lassen sich erste Erfahrungen sammeln. Seit über 20 Jahren treffen sich beispielsweise in Rshew an der Wolga deutsche und russische Jugendliche. Die Stadt, die Schauplatz einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges war, ist heute ein Ort der Versöhnung. Die jungen Erwachsenen verbringen zwei Wochen miteinander und pflegen gemeinsam die Gräber im dortigen Friedenspark. Organisiert wird die bilaterale Begegnung vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. in Zusammenarbeit  mit der Initiative „Kuratorium Rshew“.

Spuren finden sich auch heute

Aber nicht nur die großen Ereignisse, Persönlichkeiten und Schlachten sind es, welche Geschichte ausmachen. Historisches und kulturelles Erbe lässt sich in jedem noch so kleinen Gegenstand finden. In altem Spielzeug zum Beispiel spiegeln sich kulturelle Eigenheiten wider und alte Volkslieder können wie ein Podcast aus einer anderen Zeit berichten! Damit wir von unserem kulturellen Erbe profitieren, müssen die Gegenstände aber erforscht, systematisch erfasst und, am wichtigsten, auch öffentlich gezeigt werden!

Eine faktentreue Darstellung ist dabei unheimlich wichtig. Denn Geschichte kann auch benutzt werden, um Menschen zu beeinflussen. Der Zorn auf ein anderes Land kann geschürt werden oder ein unwahres Vorurteil verbreitet. Unliebsame Tatsachen zu verheimlichen oder nur von einer Seite zu beleuchten ist dabei ein gängiges Mittel. Um ein gewünschtes Geschichtsbild zu erschaffen, schreckten historische Machthaber oft auch vor Fälschungen nicht zurück. Eines der berühmtesten Beispiele für Geschichtsfälschungen sind die Fotografien Stalins, auf denen er ehemalige, unliebsame Genossen einfach verschwinden ließ!

Aber auch heute haben Menschen und Nationen häufig ein sehr unterschiedliches Geschichtsverständnis. Daher ist eine übernationale Erinnerungskultur wichtig. Gemeinsames Gedenken und Engagement verhindern kollektives Vergessen. Selbst, wenn die Ereignisse schon über ein Menschenleben zurückliegen! Auch der Panzerlärm in den Straßen Berlins, die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Millionen von toten Russen und Deutschen dürfen deshalb nicht in Vergessenheit geraten. Nur wenn wir uns daran erinnern, wird uns klar wie wertvoll der Friede ist.

Nikolaus Michelson

Dieser Text stammt aus der kommenden Ausgabe von „WarumDarum“, dem Jugendmagazin der MDZ. Aus Anlass zum 75-jährigen Jubiläum des Kriegsendes erscheint eine Sonderedition des Formats, das junge Russinnen und Russen beim deutschen Spracherwerb unterstützt.

„WarumDarum“ informiert seine Leserinnen und Leser über Themen, die Russland und Deutschland verbinden, und richtet seine Aufgabenstellungen an der staatlichen Deutschprüfung der Russischen Föderation aus. Die Übungen zu diesem Text können Sie hier herunterladen:

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