Auf der Suche nach dem schwindenden Licht

Beim Schreiben ihrer Abschlussarbeit über den Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011) von Eugen Ruge beschloss die Moskauer Studentin Tiffany Kexel, über den Text hinauszugehen – und reiste nach Soswa. Dort, im Sewural-Arbeitslager, war einst der Vater des Schriftstellers, Wolfgang Ruge, inhaftiert gewesen. In dieser abgelegenen Gegend des Urals hallte plötzlich das Echo ihrer eigenen Familiengeschichte wider.

So sieht Soswa aus. Im Roman von Eugen Ruge heißt das Dorf Slawa (Foto: Tiffany Kexel)

Tiffany besteht auf dem Wort „Zufall“. So traf es sich eben, dass das Thema ihrer Abschlussarbeit an der Universität mit Ruge verbunden war. Dass sie eine Zeit lang in der Bibliothek von Jekaterinburg gearbeitet und sich für literarische Reiserouten begeistert hatte. Es gibt jedoch einen weiteren Zufall: Tiffany ist zu einem Viertel Deutsche. Ihre Vorfahren lebten einst an der Wolga, ihre Urgroßmutter Hermine Gross in Aserbaidschan. Lange Zeit sprach man zu Hause nicht über die deutschen Wurzeln – aufgrund komplizierter familiärer Beziehungen. Das Studium dieses deutschen Romans im Rahmen des Literatur­unterrichts wurde für Tiffany zu einer Möglichkeit, die Geschichte ihrer eigenen Familie näher zu kommen.

Tiffany Kexel an ihrem Arbeitsplatz in der Bibliothek (Foto: privat)

Hüter des Gedächtnisses von Soswa

Die ersten Versuche, mit zufälligen Passanten in Soswa – meist Menschen im Alter von 40 bis 50 Jahren – ins Gespräch zu kommen, zeigten: Sie machen sich kaum Gedanken darüber, wer ihre Vorfahren waren. Tiffany machte eine feine Beobachtung zur sozialen Struktur des Ortes, der 460 Kilometer nördlich von Jekaterinburg liegt: „Viele Menschen, die sich möglicherweise für dieses Thema interessieren könnten, sind wahrscheinlich bereits in Richtung der Bezirkszentren gezogen, während in Soswa jene geblieben sind, denen es schwerfällt, von dort wegzukommen.“ Alle wussten, dass es hier einst Strafkolonien gegeben hatte, und einige sogar, dass das örtliche Gefangenenlager Teil des Gulag war. Doch sobald man tiefer bohrt, verschwimmen die Erinnerungen – die Leute weigern sich, das Gespräch fortzusetzen.

Ein Wendepunkt trat ein, als es der Studentin gelang, Kontakt zur kirchlichen Gemeinde von Soswa aufzunehmen. Tiffany wurde herzlich empfangen und zu einem Treffen mit den Ältesten des Dorfes eingeladen. Diese erinnerten sich zum Beispiel daran, wie die Einheimischen in den Hungerjahren heimlich deutsche Zwangsarbeiter mit Essen versorgten – Sie packten für sie Brei in Klettenblätter ein.

„Ruge? Den kenne ich!“

Die kirchliche Gemeinschaft brachte Tiffany mit der Sozialarbeiterin Larissa Gref und dem Heimatkundler Vitali Filippow in Kontakt, der Wolfgang Ruge, den Vater des Schriftstellers, persönlich gekannt hatte. Für Tiffany wurde dies zu einem der bewegendsten Momente ihrer Reise. Wolfgang Ruge, ein überzeugter Kommunist, war 1933 vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion geflohen. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde er als Deutscher aus Moskau nach Kasachstan deportiert und später ins Arbeitslager nach Soswa geschickt, wo er bei der Holzfällerei eingesetzt wurde.

Es stellte sich heraus, dass die Mutter von Vitali Filippow und die Frau von Wolfgang Ruge – eine Einheimische – Freundinnen gewesen waren. Der Heimatkundler verwendete das Wort „Zeichnung“, als er erzählte, wie Ruge eine Skizze des Hauses anfertigte, in dem Vitali Andrejewitsch bis heute wohnt. Tiffany erfuhr auch von einem weiteren Beitrag des aus Berlin stammenden Mathematikers zum Leben in Soswa: Er konstruierte einen Ofen zur Entsorgung von Sägemehl – ein Abfallprodukt der örtlichen Holzverarbeitung. Damals war eine solche Ingenieursaufgabe für den auf Holzindustrie spezialisierten Ort von großer Bedeutung.

1954 wurde Ruge der Sohn Eugen geboren; zwei Jahre später gelang der ganzen Familie die Rückkehr in die DDR. Dort wurde Wolfgang Ruge zu einem der bekanntesten marxistischen Historiker, arbeitete an der Akademie der Wissenschaften, erhielt den Professorentitel und nationale Auszeichnungen.

Die Deutschen eines Ural-Dorfes

Tiffany erfuhr, dass Wolfgang Ruge und andere Zwangsarbeiter, später sogenannte Sondersiedler, das kulturelle Leben des Ortes prägten. Es zeigte sich, dass ältere Einwohner Soswas noch heute Deutsch sprechen – sie hatten die Sprache im Umgang mit Muttersprachlern gelernt. Es gibt im Ort auch Menschen mit deutschen Nachnamen, wie zum Beispiel Larissa Gref, die Tiffany Materialien über Soswa zeigte. Die lokalen Deutschen erinnern sich an ihre deutsche Herkunft und betrachten sie als wichtigen Teil ihrer Vergangenheit. Sie schätzen, dass die Deutschen aus dem SewuralLag nicht nur überlebt, sondern auch die kulturelle Landschaft geprägt haben – als Lehrer, Ingenieure, Musiker.

Ein Romanheld – und ein echter Freund

Eine wichtige Entdeckung erwartete Tiffany, als sie von Pawel Ladskij erfuhr – einem Freund Wolfgang Ruges, Absolvent der Musikhochschule. Nach Ruges Rückkehr in die DDR blieben die beiden in Kontakt. Pawel Augustowitsch besuchte ihn mehrmals in der DDR und erhielt seine Bücher und wissenschaftlichen Arbeiten per Post. Aus Gesprächen mit Einwohnern Soswas ging hervor, dass Ladskij nicht nur Kontrafagott und Klavier spielte, sondern auch örtliche Kinder Musik und Deutsch lehrte.

Nach ihrer Rückkehr aus Soswa und der Auswertung der Erinnerungen der Dorfbewohner erkannte die Studentin, dass Ladskij das Vorbild für eine der Figuren in Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ war. In dem Werk besucht ein Gast „im Anzug und mit Krawatte“, der „an der Musikhochschule studiert hatte“, den Protagonisten Alexander (das literarische Alter Ego des Autors), der mit seiner Mutter nach Slawa reist – so nannte Eugen Ruge Soswa in seinem Roman.

Die einzigartige Bibliothek Lads­kijs, die materielle Zeugnisse seiner Freundschaft mit Wolfgang Ruge verwahrte, ging jedoch verloren. Die Bücher wurden in der Garage eines Dorfbewohners, des Arztes Senon Lichadiewski, aufbewahrt. In den frühen 1990er Jahren brach im Ort ein schwerer Brand aus: Das Auto konnte gerettet werden, die Bücher nicht. Soswa brannte übrigens mehrfach. 2023 zerstörte ein Feuer über 100 Häuser, darunter auch das, was vom SewuralLag noch übrig war.

Literatur und Soswa – eine Wirklichkeit

Die Reise nach Soswa wurde für Tiffany zu einer anschaulichen Bestätigung dafür, wie Literatur mit der realen Welt verschmelzen kann. Ihr Weg ins sibirische Dorf deckte sich auf erstaunliche Weise mit der Reise des Protagonisten Alexander im Roman. Die Studentin stellte fest, dass die Route nach Soswa bis heute der literarischen Beschreibung entspricht – derselbe beschwerliche Weg, dieselben Eindrücke, dasselbe Gefühl von „dörflichem Leben“. Oft ertappte sie sich bei dem Gedanken: „Eigentlich hat sich in all den Jahren kaum etwas verändert.“

Tiffany bemerkte unterschiedliche Reaktionen der Einwohner auf die Nachricht, dass Soswa in einem deutschen Roman beschrieben wird. Viele freuten sich über die Möglichkeit, ihren Heimatort in einem literarischen Werk zu entdecken. Doch jene, die persönlich mit der deutschen Vergangenheit des Ortes und der Familie Ruge vertraut waren, zeigten keine Überraschung. In dieser Zurückhaltung liegt ein tiefes Verständnis für den Wert und das Gewicht der Erinnerung.

Ein Fenster in Soswa (Foto: Tiffany Kexel)

Versöhnung mit der Vergangenheit

Tiffany verließ Soswa mit gemischten Gefühlen. Einerseits sah sie, dass die Bewohner im Allgemeinen wenig über die Geschichte des Ortes wissen. Andererseits entdeckte die Studentin eine aktive heimatkundliche Gemeinschaft – zwar klein, doch mit Jugendlichen. Larissa Gref stellte sie der Freundesgruppe ihres Sohnes vor, Jungen im Alter von 10 bis 12 Jahren, die Tiffany einige historische Orte in Soswa zeigten.

Die Reise zeigte: Identität ist keine gegebene Größe, sondern Kommunikation. Sie entsteht im Dialog mit Texten, Orten und Menschen. Dank des Romans von Ruge erkannte Tiffany, wie man einen Dialog mit der eigenen Familiengeschichte führen kann – nicht, um sie zu rechtfertigen, sondern um die komplexen Entscheidungen der Menschen zu verstehen. Tiffany betont: „Ich habe einen weiteren Menschen kennengelernt, der lernt, mit seiner Familiengeschichte umzugehen.“ Und die Erfahrung des Schriftstellers hilft ihr, das Schweigen über ihre eigenen deutschen Wurzeln zu brechen.

Die Spuren führen zurück

Tiffany ist überzeugt, dass in Soswa noch viele unerforschte Materialien zur Familie Ruge lagern. Die Arbeit mit lokalen Archiven und Bewohnern erfordert jedoch persönliche Anwesenheit – wie ihre Erfahrung zeigte, kommen wertvolle Informationen oft erst im Gespräch ans Licht. „Beim persönlichen Treffen kann jemand eine Kleinigkeit in Erinnerung rufen, die sich als fehlendes Puzzleteil für die Forschung erweist“, sagt sie. Die Studentin erwägt eine weitere Reise nach Soswa.

Margarete Spanopulo

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