Handgeknüpfte Propaganda

In Aserbaidschan traf in den 1920er Jahren eine traditionsreiche Teppichkunst auf den Sozialismus der Sowjetunion. Welche Blüten diese eigenartige Symbiose trieb, zeigte jüngst eine Ausstellung in Moskau.

Aserbaidschanische Teppichkunst der Sowjetzeit: Wandteppich „Lenin“
Orient trifft Sozialismus. (Foto: Jiří Hönes)

Ein drei mal zwei Meter großer Wandteppich. Umrandet von Ornamenten steht ein Arbeiter mit der Roten Fahne auf einer Anhöhe, neben ihm zwei Frauen, eine mit Brotkorb, eine mit Aktentasche, davor ein winkender Junge in Pionieruniform, dahinter eine Raffinerie, Ölbohrtürme, Meer und Gebirge. Bei genauem Hinsehen zeigen sich in den Ornamentbändern neben klassischen Motiven Rohre und Öltanks.

„Ölarbeiter“ heißt das Werk aus dem Jahr 1969, das jüngst im Moskauer Museum für Orientalische Kunst zu sehen war. Die Ausstellung „Das Echo von Sowjet-Aserbaidschan“ zeigte Teppiche, Stickereien und Plakate, die in Aserbaidschan zwischen 1920 und 1980 entstanden sind. Wie viele Exponate stammt der Teppich mit dem Industrielandschaftsmotiv aus dem Staatlichen Aserbaidschanischen Teppichmuseum in Baku, dessen Leiterin Schirin Melikowa zu den Kuratoren der Ausstellung gehörte.

Handwerkskunst im Dienst des Sozialismus

Der Teppich sei ein Symbol, das alle Epochen der Geschichte ihres Volkes widerspiegle, sagte sie zur Eröffnung. Die hier gezeigte Epoche ist ohne Zweifel eine besonders eigenwillige in der jahrhundertelangen Tradition der aserbaidschanischen Teppichkunst. Das muslimisch geprägte Land, das zuvor unter russischer Kontrolle gestanden hatte, stand vor hundert Jahren vor gewaltigen kulturellen Umbrüchen. Die Demokratische Republik Aserbaidschan hatte nur zwei Jahre Bestand, dann wurde das Land 1920 zur Sowjetrepublik.

Die traditionelle Handwerkskunst ist in diesem Wandel nicht etwa untergegangen, sie hat vielmehr daran teilgenommen. Die Teppichknüpfer scheuten nicht, mit neuen Motiven zu experimentieren und den Geist des Sozialismus’ in ihre Werke einfließen zu lassen. Ein Teppich aus dem Jahr 1920 zeigt Lenin und Nariman Narimanow, den späteren ersten Ministerpräsidenten der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik. Weitere Lenin-Porträts als Teppich sind zu sehen, mal besser, mal schlechter getroffen.

Die Weiterentwicklung des Teppichhandwerks wurde ab 1927 von dem Verband „Aserchaltscha“ vorangetrieben. Hier wurden neue Ornamente entwickelt, alte wiederbelebt, Vorlagen erstellt, Rohmaterialien gehandelt und Ausstellungen organisiert. Aus dem Umfeld der Organisation entstand schließlich das Teppichmuseum.

Stickereien illustrieren gesellschaftlichen Wandel

Auch die Stickereikunst hat, wie in der Ausstellung zu sehen, unter dem Einfluss orientalischer Buchmalerei, persischer Kunst sowie zeitgenössischer Druckgrafik Erstaunliches hervorgebracht.

Hatten diese Stickereien zuvor meist dekorative und praktische Funktionen im Haushalt, kam nun eine propagandistische dazu. Das erste Jahrzehnt nach der Revolution war dabei noch die Zeit des Experimentierens. In kontrastreichen Farben wird der soziale Fortschritt durch Kollektivierung und Kulturrevolution verbildlicht, Pioniere, Schulszenen, technisierte Landwirtschaft. Häufige Motive sind die Rote Fahne oder Hammer und Sichel. In zahlreichen Varianten ist die Befreiung der Frau vom Kopftuch illustriert.

Beeindruckende und geradezu groteske Exponate der Ausstellung sind vor allem die Wandteppiche im Geiste des Sozialistischen Realismus, meist aus den frühen 1950er Jahren. Ein Werk mit dem Titel „Mingetschaurer Wasserkraftwerk“ zeigt zentral das Elek­trizitätswerk, in den floralen Ornamentbändern, die es umranden, finden sich kleinere Abbildungen: ein elektrischer Eisenbahnzug, ein Raupenschlepper, ein Mähdrescher und eine Pferdekopfpumpe. Teppiche mit Titeln wie „Sport“, „Laboratorium“ oder „Schule“ vom Ende der 1960er Jahre zeigen Szenen aus dem idealisierten Alltag des sozialistischen Menschen.

„Das Echo von Sowjet-Aserbaidschan“ soll nun auch in Baku gezeigt werden.

Jiří Hönes

Aserbaidschanische Teppichkunst der Sowjetzeit: Wandteppich „Mingetschaurer Wasserkraftwerk“
Wandteppich „Mingetschaurer Wasserkraftwerk“ aus dem Jahr 1952. (Foto: Jiří Hönes)

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