Wenn Galja zu Hilfe eilt

Viel zu oft werden Frauen in Moskau von Männern auf der Straße oder in Bars bedrängt oder verfolgt. Eine junge Bloggerin möchte mit der Initiative „Posowite Galju“ helfen und Frauen vor Übergriffen schützen.

Ausgehen in Moskau kann sehr schön sein, für Frauen aber leider manchmal unangenehm. (Foto: Denis Grischkin/ AGN Moskwa)

Eigentlich hatte Wiktorija Rachmatulina nie vor, sich für den Schutz von Frauen in Moskau zu engagieren. Bis sie vor ein paar Wochen Zeugin einer äußerst unangenehmen Situation wurde. Während eines Spaziergangs unweit des Moskauer Stadtzentrums musste Rachmatulina an einer Ampel mit ansehen, wie eine „sehr schöne“ Frau von vier betrunkenen Männern bedrängt wurde. Wegen der Rotphase war die Frau den Männern ausgeliefert und konnte sich erst kurz darauf mit einem Sprint über die Straße vor den Betrunkenen retten. Dieser Moment sei für sie Anlass gewesen, etwas zu unternehmen, erzählt die Bloggerin in einem YouTube-Video. Deshalb habe sie Anfang November die Initiative „Posowite Galju“ (Holen Sie Galja) ins Leben gerufen.

Moskau gilt eigentlich als sichere Stadt

Laut einer Untersuchung der Thompson Reuters Foundation aus dem Jahr 2017 ist Moskau die viertsicherste Stadt für Frauen weltweit. Bei sexualisierter Gewalt liegt die russische Metropole nach Tokio sogar auf dem zweiten Platz. Die Realität indes sieht oft anders aus. Jede vierte russische Frau war im selben Jahr Opfer häuslicher Gewalt. Zudem erhielten Männer mit dem „Ohrfeigengesetz“ quasi einen Freifahrtschein, Frauen schlagen zu dürfen. Und übermäßige Aufdringlichkeit beim Feiern oder auf der Straße gilt bei vielen Russen immer noch als Ausdruck von Männlichkeit.

Rachmatulina selbst und viele ihrer Freundinnen wurden in den vergangenen Jahren von Männern bedrängt, erzählt sie am Telefon. Oft stehen diese in Gruppen in der Nähe der Frauen und sprechen da-
rüber, wie jemand aussieht und man sie anmachen wird. So laut, dass es jeder hören kann, erklärt Rachmatulina. Ob es wirklich unsicherer geworden sei, kann sie nicht sagen. Aber das sei egal, schließlich sei es grundsätzlich nötig, sichere Orte für Frauen zu schaffen – in Moskau und in ganz Russland, meint die Bloggerin.

Schnell haben sich Unterstützer gefunden

Diese sicheren Orte sind das Ziel von „Posowite Galju“. Der Name der Initiative geht auf ein in Russland beliebtes Meme zurück. In diesem wird die Leiterin eines Supermarktes, Galja, gerufen, um einen Einkauf zu stornieren.

Rachmatulinas Freunde waren sofort dabei und entwarfen das Logo – ein rosafarbener Tropfen mit einem Regenschirm und einem Blitz. Nach Partnern musste die Bloggerin nicht lange suchen. Schnell meldeten sich Bars, Restaurants und sogar Schönheitssalons bei ihr, die die Initiative unterstützen wollen. Knapp 30 sind es bisher in Moskau. Wer dort reinkommt und nach Galja verlangt, kommt in einen abgetrennten Raum, bis der aufdringliche Mann verschwunden ist. Oder wird über einen Hinterausgang sicher hinausgebracht. Die Polizei zu rufen sei wirklich nur der letzte Ausweg, betont Rachmatulina. Und hofft, dass es dazu niemals kommen wird.

Die Nachricht der Gründung von „Posowite Galju“ hat in Russland schnell die Runde gemacht. Binnen kürzester Zeit haben sich viele Freiwillige gefunden, die dem Problem nicht gleichgültig gegenüberstehen. Und das in vielen russischen Städten, aber auch in Belarus, der Ukraine und Georgien, freut sich Rachmatulina.

Frühere Initiativen mit wenig Erfolg

Auch Mari Dawtjan ist froh über die Initiative. Beim Internetportal „BFM“ nannte die Mitbegründerin des Zentrums „Nasiliju.net“ (Nein zu Gewalt) „Posowite Galju“ eine Hilfe für Frauen. Und warnte zugleich vor zu hohen Erwartungen, schließlich sei es lediglich ein Puzzleteil. Tatsächlich gab und gibt es ähnliche Anstrengungen in Russland bereits. So können Frauen etwa bei der Polizei anrufen und dort Pizza bestellen. Dadurch sollen die Beamten auf Gewaltfälle aufmerksam gemacht werden. Ein Versuch des Stadtjournals „The Village“ zeigte 2018 jedoch, dass fast kein Polizist den Code verstand.

Von solchen negativen Erfahrungen lässt sich Rachmatulina nicht entmutigen. Sie hofft, dass „Galja“ bald überall in Moskau Frauen zu Hilfe kommt.

Daniel Säwert

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