Vom Donbass nach Moskau: Kein Entkommen vor dem Krieg

Russlands „Sonderoperation“ hat Präsident Putin unter anderem mit dem „Genozid“ an den Menschen im Donbass begründet. Nach acht Jahren Krieg wolle man „Frieden“ schaffen. Was war das für eine Zeit, seit sich zwei „Volksrepubliken“ von der Ukraine abgespalten haben? Tatjana, die inzwischen in Moskau lebt, lässt das Geschehen bis heute nicht los.

Russische Fahne an einem Wohnhaus in Lugansk (Foto: Walerij Melnikow/RIA Novosti)

Ich habe Tatjana vor ein paar Mo­naten in einem Moskauer Anti-Café kennengelernt. Als wir ins Gespräch kamen, stellte sich heraus, dass sie aus dem Donbass stammt. Genauer gesagt: aus der sogenannten Volksrepublik Lu­gansk. Ihre Eltern und ihr elfjähriger Bruder wohnen bis heute dort, während Tatjana vor sieben Jahren nach Moskau gezogen ist. Die junge Frau, 28 Jahre alt, lebt hier mit ihrem Mann. Der MDZ hat sie ihre Geschichte erzählt, aber unter einer Bedingung: keine Namen, keine Fotos.

Tatjana, die eigentlich nicht so heißt, hat in ihrer Heimat einen Krieg miterlebt, der sie bis heute verfolgt. Etwa 14.000 Menschen sind bei Gefechten und beim gegenseitigen Beschuss von ukrainischer Armee und Freiwilligenverbänden einerseits und Separatisten andererseits seit 2014 umgekommen. Die Zahl der toten Zivilisten auf beiden Seiten der Front lag nach UN-Angaben bis zum Herbst 2021 bei 3393. Über 3000 davon entfielen demnach auf die Jahre 2014 und 2015, als bei schweren Kämpfen mal die eine, mal die andere Seite Landgewinne erzielte. Seitdem war der Konflikt praktisch eingefroren, bis Ende Februar die russische Armee offen in ihn eingriff.

Der Krieg im Frieden

In Moskau habe sie sich erst einmal an ein Leben in Frieden gewöhnen müssen, sagt Tatjana. So richtig gelungen ist ihr das allerdings bis heute nicht. „Laute Geräusche machen mir Angst, manchmal auch Schreie“, berichtet sie. Es sei schon vorgekommen, dass sie sich bei einem Feuerwerk auf den Boden geworfen und den Kopf mit den Händen bedeckt habe. „Einmal ist in der Wohnung von Freunden der Kronleuchter zerbrochen, das hat mich so aus der Fassung gebracht, dass man mich eine Stunde lang beruhigen musste. Scheinbar hat mein Hirn das Bersten von Glas so wahrgenommen, als würden Fenster von der Schallwelle einer Bombe erfasst.“

Die traumatischen Erfahrungen im Krieg hätten sie gesundheitlich stark mitgenommen, so Tatjana. Ihr Magen-Darm-Trakt sei „komplett hinüber“, durch Polyneuropathie, eine Nervenkrankheit, habe sie starke Phantomschmerzen in den Beinen, alles Folgen psychosomatischer Störungen. Als ich sie neulich kontaktieren wollte, hat sie sich aus dem Krankenhaus gemeldet. Es sei ihr wieder schlecht gegangen, der Notdienst habe sie abholen müssen, schrieb sie zurück.

Die sogenannten Volksrepubliken

Tatjana kommt ursprünglich aus einer Kleinstadt bei Lugansk. Dass sie und ihre Familie mitten in einen Krieg hineingerieten, nahm seinen Anfang mit den Ereignissen rund um den Euromaidan in Kiew. In der Ostukraine stießen dessen Ergebnisse, die Westorientierung der neuen Regierung und eine befürchtete repressive Sprachpolitik bei vielen auf Ablehnung. Speziell im Donbass fühlt sich die mehrheitlich russischsprachige Bevölkerung traditionell Russland eng verbunden. Im April 2014 wurden auf dem Gebiet der Regionen Lugansk und Donezk „Volksrepubliken“ ausgerufen, die sich im Mai für unabhängig erklärten.

Kiew reagierte mit einer „Antiterroristischen Operation“, konnte aber nur Teile der abtrünnigen Regionen wieder unter Kontrolle bringen. Bevor die „Volksrepubliken“ vor wenigen Wochen von Russland als unabhängig anerkannt wurden und neue Kämpfe um ihre Grenzen aufflammten, waren sie zusammengenommen etwas größer als Thüringen. Letzte Schätzungen gingen 2020 von ungefähr 3,7 Millionen Einwohnern aus.   

„Wer weiß, ob du morgen noch lebst“

Eine vor zwei Jahren vom Ukrainischen Institut für Zukunft durchgeführte Studie ergab, dass in den „Volksrepubliken“ 80,5 Prozent der Menschen gegen eine Wiedereingliederung in die Ukraine sind. Mit der Zeit sind die Risse immer größer geworden. Schon am Anfang des Konflikts seien sie von Bewohnern anderer Teile der Ukraine oft als „Hinterwäldler“ oder „Putins Prostituierte“ beschimpft worden, sagt Tatjana. Und dann kamen die Schockmomente des Krieges, die sie so beschreibt: „Du rennst mit deinem kleinen Bruder in den Keller, weil du Schüsse hörst. Du wachst nachts auf, weil dein Haus wackelt wie bei einem Erdbeben. Deine beste Freundin erzählt dir am Telefon, dass sie den Splittern einer Bombe nur knapp entkommen ist. Du kannst Angehörige tage-, wochen- oder monatelang nicht erreichen und weißt nicht, ob sie noch leben. Du weißt nicht, ob du selbst morgen noch lebst.“

Doch der Krieg habe ihr nicht nur die Gegenwart geraubt, sondern auch die Zukunft. Ihr gesamter Lebensentwurf sei auf den Kopf gestellt worden, sagt Tatjana, die ihr Studium der Tiermedizin abgebrochen hat. „All meine beruflichen und privaten Pläne hat mir der Krieg genommen.“ Das gelte in ähnlicher Weise auch für ihr Umfeld. „Viele meiner Freunde und Bekannten verloren ihren Job, konnten ihr Studium nicht beenden, wurden verletzt oder sind wie ich bis heute traumatisiert. Durch politische Differenzen wurden viele Familien auseinandergerissen und Freundschaften zerstört.“

Wie konnte es so weit kommen?

Als sie 2015 ihr Zuhause Richtung Moskau verließ, schlug ihr nach eigenen Worten viel Hass entgegen. „Leute aus der Ukraine, mit denen ich über soziale Netzwerke in Kontakt war, nannten mich eine Hure, die das Vaterland verraten hat.“ Ihr sei vorgeworfen worden, einfach wegzulaufen und ihren Körper für Trost und Frieden zu verkaufen. Dabei habe sie aus Liebe geheiratet, nicht aus Bequemlichkeit, stellt sie klar.

Wie es so weit kommen konnte, dass Ukrainer und Russen gegeneinander kämpfen, versteht sie nicht. Vor 2014 habe diese Unterscheidung keine Rolle gespielt. „Ich weiß nicht, warum wir uns nicht darauf verständigen konnten, miteinander zu teilen.“

Nun will sie, dass es endlich aufhört. Denn Krieg, sagt sie, wünsche sie nicht mal ihrem schlimmsten Feind.

Emil Herrmann

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