Leben im Ausnahmezustand: Ein Dorf an der Frontlinie im Donbass

Stell dir vor, es ist Krieg und du bist mittendrin: Für die Einwohner von Opytne bei Donezk ist das bittere Realität – und auch im fünften Kriegswinter kein Ende in Sicht. Wie lebt es sich in dem Dorf auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet? Eine Reportage von André Widmer.

„Lebendig begraben“: Die Lebedews und Nachbarinnen in ihrer Behausung in Opytne. © André Widmer

Jelena Lebedewa steht am Esstisch in einem Gebäude neben dem vom Krieg stark gezeichneten Haus der Familie in Opytne. Draußen ist es grau und kalt. Jelena rezitiert aus einem eigenen Gedicht. „Die Ukraine braucht uns einfach nicht, so eine einfache Antwort auf viele Fragen. Die Ukraine wurde zur Stiefmutter und hat unsere Schicksale aufgegeben. Sie schaut uns nicht mehr an, hat die Augen geschlossen und uns mit Leichtigkeit lebendig begraben.“

Das ostukrainische Opytne, wo Jelena und ihr Mann Rodion zu Hause sind, ist nur eineinhalb Kilometer von der Start- und Landebahn des zerstörten Flughafens Donezk entfernt, dessen zwei Terminals heute Ruinen sind. In dem Dorf leben noch 38 der vor dem Krieg rund 750 Einwohner. Nach zwei schweren Schlachten wurde die ukrainische Armee 2015 von den prorussischen Separatisten vom Gelände des Flughafens vertrieben und zog sich an den Rand des Flugfeldes zurück. Zwischen Opytne und dem Flughafen befinden sich nun die Schützengräben auf ukrainischer Seite.

Opytne liegt in der sogenannten grauen Zone, dem 500 Kilometer langen und teils mehrere Kilometer breiten Frontstreifen. In dieser Zone befinden sich Dutzende von Ortschaften, die teilweise nur schwer erreichbar und von der Versorgung von außen fast gänzlich abgeschnitten sind, erst recht im Winter. Die Zufahrt beispielsweise nach Opytne aus der benachbarten Kleinstadt Awdijiwka führt über einen Feldweg, aus Wodjane über einen Feldweg und anschließend über die Umgehungsstraße Donezk–Awdijiwka, die aus Gründen des Frontverlaufs aber eigentlich gesperrt ist. Schwere Militärfahrzeuge beschädigen zusätzlich die Feldwege und machen diese für die Zivilisten noch schlechter passierbar. Idealerweise benutzt man ein geländegängiges Fahrzeug für diese Verbindungen. An den Straßenrändern warnen Schilder mit Totenkopfbild vor der Gefahr von Minen.

Die meisten der verbliebenen Menschen in Opytne sind Rentner. So wie Maria Gorpinitsch, die gerade auch auf einem Bett bei den Lebedews sitzt. Oft reicht die monatliche Rente von durchschnittlich etwa 80 Euro nur knapp fürs Überleben – wenn überhaupt.  Gerade ältere Menschen haben kaum Alternativen, um wegzuziehen. Marias Sohn beispielsweise ist bei einem Granateneinschlag vor einigen Jahren ums Leben gekommen.

„Ich gehe nicht weg, das ist mein Land“

War ein Wegzug nie ein Thema für die Lebedews? Rodion fragt: „Was wird dann aus den Alten? Sie sind von uns abhängig. Wie können wir die alte Maria alleine lassen?“ Fünf Jahre dauert der Krieg nun schon an und man sei keinen Schritt vorangekommen. Die Menschen seien Geiseln der politischen Situation. „Ich gehe definitiv nicht weg, das ist mein Land.“

Wer Opytne verlässt, dessen Haus ist verloren. Marodeure haben auch hier schon ihr Unwesen getrieben, Brauchbares aus den Häusern und Werkstätten gestohlen. Sogar die kaputten überirdischen  Stromleitungen sind vor Diebstahl nicht sicher. 2017 berichtete das ukrainische Newsportal Hromadske.ua von einer Einwohnerin aus der Ortschaft Pisky. Sie schilderte, wie ein Bekannter von ihr, welcher bei der Polizei arbeitet, einen Lastwagen einer ukrainischen Armeeinheit festsetzte, welcher Gartentore von Privatgrundstücken und aus Gärten mitführte.

Rodion Lebedew in der zerstörten Schule. © André Widmer

Wasser-, Strom- und Gasversorgung funktionieren in Opytne nicht mehr. In Rodions und Jelenas Wohnraum kommt der Strom aus einer Autobatterie, das Wasser aus einem Kanister über dem Spültisch, geheizt wird mit einem Holzofen.  „Ärzte ohne Grenzen“ besuchen die Bedürftigen hier immerhin einmal pro Monat. „Diesen Monat sind sie nicht gekommen, weil die Straße unpassierbar war“, erzählt Elena.

Rodion Lebedew ist die gute Seele des Dorfes. Er ist der örtliche Koordinator der ukrainischen Hilfsorganisation Proliska, die ihrerseits mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zusammenarbeitet. Er versorgt hilfsbedürftige  Dorfeinwohner mit dem Nötigsten. Nach seiner Darstellung haben sich Vertreter der staatlichen Gesundheitsbehörde in den fünf Kriegsjahren nur wenige Male in Opytne blicken lassen. Dorfbewohner vermuten zudem, dass man sie aus dem Gebiet weghaben wolle, um eine Pufferzone nahe der Front zu errichten. Darum erhalten die Dörfler wohl auch kaum Hilfe von staatlicher Seite und müssen sich auf private Initiativen oder Hilfsorganisationen verlassen.

Staat beteiligt sich an Umzugskosten

In der Tat gibt es Angebote für umzugswillige Menschen aus den Frontgebieten weg in entlegenere Dörfer: Der ukrainische Staat übernimmt im Rahmen des auf intern Vertriebene angepassten „Programms für erschwingliches Wohnen“ 50 Prozent der Kosten einer neuen Wohnung. Für die anderen 50 Prozent müssten Interessierte einen Kredit aufnehmen. Der Vertreter eines solchen Dorfes habe gesagt, besonders interessiert sei man an Familien mit Kindern, berichtet Rodion. „Je mehr Kinder, desto besser, damit die Schule nicht geschlossen werden muss. Von den  alten Leuten ist aber gar nicht die Rede. Wer über 70 ist, den braucht man nicht.“

Was einmal die Schulbibliothek war, ist heute ein Zeugnis der Verwüstungen durch den Krieg. © André Widmer

Möglichkeiten gäbe es, beispielsweise nach Tschassiw Jar oder Nowoalexandriwka umzuziehen.  Er habe aber einmal mit Leuten aus einem Dorf gesprochen, die noch unter Stalin umgesiedelt wurden. „Seit damals ist viel Zeit vergangen, mehr als 60 Jahre. Aber Zwangsumsiedlung bringt nichts Gutes. Man vergisst nicht in einem, zehn oder 50 Jahren“, sagt Rodion. Mit Stand von Anfang Februar 2019 geht das UNHCR von 1,8 Millionen intern Vertriebenen in der Ukraine aus. Wie viele Einwohner in den Frontdörfern verblieben sind, dazu sind keine Zahlen verfügbar. Es dürften wohl einige Tausend sein.

Immer abends wird geschossen

Rodion führt durch das Dorf oder besser gesagt – was davon übrig geblieben ist. In Opytne hat praktisch jedes Haus etwas abbekommen. Ganze Straßenzüge liegen in Trümmern, in Hausmauern klaffen mannshohe Löcher, immer wieder fehlen Dächer und Fenster. Einst wurden in der hiesigen Grundschule rund 50 Kinder unterrichtet. Jetzt ist sie verwaist. Im arg in Mitleidenschaft gezogenen Schulgebäude gibt es Einschusslöcher in den bemalten Wänden. In der Bibliothek liegen die Bücher auf dem Boden, in der Sporthalle noch einige Basketbälle und eine Zeitung vom 19. Mai 2014 – dem Frühling des Kriegsausbruchs.

In dem von seiner Größe her beeindruckenden Kulturhaus sieht es nicht besser aus. Im Vorgarten steht noch das Denkmal für die zwischen 1941 und 1945 im Zweiten Weltkrieg Gefallenen aus Opyt­ne. Ob hier in ferner Zukunft auch den seit 2014 getöteten Zivilisten gedacht wird?

Fast am nordöstlichen Ende des Dorfes befindet sich ein zweistöckiger Wohnblock. Dort wohnt Valentin. Er ist 71 Jahre alt. Im Oktober 1986 arbeitete er als Liquidator – so nannte man Personen, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl zur Eindämmung der Strahlung eingesetzt wurden. Als ob das nicht schon genug gewesen wäre für ein Menschenleben, muss er heute die Auswirkungen des Krieges in Opytne erdulden. An einer Wand in seiner Wohnung sind mehrere Einschusslöcher zu sehen, ein paar Zentimeter neben einem Ikonenbild. In Küche und Wohnzimmer sind zwei Holzöfen installiert, die mit gepressten Pellets beheizt werden können, anstelle der Gasleitung, die längst außer Betrieb ist.

Es ist kurz vor 16 Uhr, als in der Ferne mehrere Schüsse zu vernehmen sind. Immer gegen Abend intensivieren sich an der Front die Kampfhandlungen. Das ist die Zeit für Besucher, zu gehen. Aber die Einwohner von Opytne, sie  bleiben zurück. „Warum bin ich hier? Fragen sie mich nicht, ich kenne die Antwort selber nicht. Warum renne ich vor dem Krieg nicht weg? Hier ist mein Haus, ein anderes habe ich nicht“, schreibt Jelena Lebedewa in einem ihrer Gedichte.

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