Traumreisen der etwas anderen Art durch Russland

Die Corona-Krise hat den Fokus des Reisens auf das Inland verlagert. Auch entlegene Gegenden Russlands rücken damit verstärkt in den Blickpunkt – und was man dort über klassischen Tourismus hinaus unternehmen kann. Immer beliebter werden Freiwilligenprojekte in Naturschutzgebieten, wie man sie aus Europa kennt. Zu den attraktivsten Zielen gehören das vulkanische Kamtschatka und der Baikalsee.

Unterwegs durch wilde Natur am Baikalsee (Foto: VK/Bolschaja Baikalskaja Tropa)

In Russland gibt es rund 230 Natio­nalparks und Naturschutzgebiete. Sie sind teilweise riesig, so wie das Petschora-Ilytsch-Reservat in der Komi-Republik, das mehr als dreimal so groß ist wie das Saarland und mit den Manpupunjor-Felssäulen ein wahres Wunder der Natur zu bieten hat. Der Kenosero-Nationalpark im Südwesten der Region Archangelsk wiederum ist wegen der alten Holzkirchen und Gebäude aus dem 19. Jahrhundert auf seinem Gelände auch kulturell überaus interessant.

Solche Schauplätze könnten beispielhaft dafür stehen, wie facettenreich Russland ist. Gleiches gilt für die Halbinsel Kamtschatka im äußersten Nordosten des Landes und für den Baikalsee, der einige Weltrekorde hält. Freiwilligenprojekte an diesen beiden Standorten erfreuten sich bis zur Pandemie auch bei Ausländern großer Beliebtheit. Heute entdecken immer mehr Russen ihr Land auf solchen Reisen. Die Zeiten, als das für eine Beschäftigung gehalten wurde, die sich auf die Studentenzeit beschränkt, sind vorbei. 

Feuer und Wasser am Ende von Russland

Oft wird Kamtschatka das „russische Island“ genannt. Von seinen mehr als 190 Vulkanen sind fast 30 sogar noch aktiv und brechen immer wieder aus. Auf der Halbinsel, die von ihrer Größe mit Japan vergleichbar ist, gibt es vier Naturparks. Der prominenteste ist der Naturpark Klju­tschewskoj. Auf seinem Territorium befindet sich die Kljutschewskaja Sopka, der mit 4800 Metern über dem Meeres­spiegel höchste aktive Vulkan auf dem eurasischen Kontinent. An der Ostküste Kam­tschatkas gelegen ist der berühmte Chalaktyrskij-Strand, der sich durch seinen schwarzen vulkanischen Sand auszeichnet.

Die Kulisse für beliebige Aktivitäten ist atemberaubend. (Foto: VK/Vulkany Kamtschatky)

Viele werden aber von den relativ hohen Ticketpreisen – ab Moskau das Doppelte bis Dreifache eines Fluges ans Schwarze Meer – abgeschreckt. Die Naturparks lassen es sich deshalb sogar etwas kosten, Helfer auf die Halbinsel zu lotsen. Unterkunft und Verpflegung sind frei, der Flug wird bezuschusst.

Dmitrij Briljow aus Schukowskij bei Moskau, der für eine Fluggesellschaft arbeitet, ergriff die Gelegenheit im vorigen Jahr. Als Freiwilliger machte er zum ersten Mal bei einem „Glamping“ mit. Der Begriff setzt sich aus „Glamorous“ und „Camping“ zusammen. Beim Glamping gehen die Unterkünfte in Sachen Komfort und Annehmlichkeit weit über gewöhnliches Camping hinaus. Briljow hatte ein großes Zelt mit einem bequemen Bett zur Verfügung. In einer Ecke mit Tisch und Stühlen konnte das Abendessen bei Kerzenlicht eingenommen werden. Auch ein Heizgerät war vorhanden. 

„Eine andere Welt“

Im Frühling werden Freiwillige hier bei Bau- und Installationsarbeiten eingesetzt, im Sommer helfen sie ankommenden Touristen. „Ich musste Holz hacken, die Banja heizen – und lebte direkt am Meer“, erzählt der 36-Jährige über sein Abenteuer. Er habe einen Laptop dabeigehabt, aber keinerlei Lust verspürt, im Internet zu surfen und Nachrichten zu lesen. „Das war eine andere Welt.“

Je weißer der Sand, desto traumhafter der Strand? Kamtschatka stellt so einige Klischees auf den Kopf. (Foto: Alex Glebov/Unsplash)

In den Naturparks von Kam­tschatka gibt es für Freiwillige immer etwas zu tun, etwa beim Anlegen von Wanderpfaden. Das sei keine leichte Arbeit, schreibt die Freiwillige Tatjana Morina in einem Erfahrungsbericht. „Aber wir machen das, damit die Touristen Zugang zu den malerischsten Orten erhalten.“

In diesem Jahr lädt der Naturpark 90 Freiwillige ein. Die Workcamps dauern meist um die vier Wochen. Die meisten Anfragen kommen aus Moskau, St. Petersburg und aus der Kam­tschatka-Region selbst.

Wanderweg der Superlative

Unbedingt willkommen sind Freiwillige auch am Baikalsee. Hier entsteht mit dem Great Baikal Trail (Bolschaja Baikalskaja Tropa) einer der längsten Wanderwege der Welt. Irgendwann soll er einmal um den gesamten See herumführen und dann 2100 Kilometer lang sein. Das Wegenetz könnte sich aber auch auf bis zu 2500 Kilometer summieren, heißt es.

Die Idee stammt noch aus den 1970er Jahren. Gebaut wird seit 2003 – ausschließlich ehrenamtlich. Zu Beginn waren es Gruppen von Freiwilligen aus den USA und Deutschland, die ihre Erfahrungen beim Anlegen solcher Wanderwege an lokale Aktivisten weitervermittelten. Mit Ausnahme der Pandemiezeit sind auch heute immer wieder Ausländer unter den Projektteilnehmern, vor allem aus den USA, Kanada und Australien, aber auch aus Europa.

Arbeit mit Aussicht: Freiwillige machen das Steilufer des Baikalsees begehbar. (Foto: VK/Bolschaja Baikalskaja Tropa)

In den vergangenen 18 Jahren wurden etwa 500 Kilometer Wanderweg fertiggestellt. Sie sind allerdings nicht zusammenhängend, sondern befinden sich an unterschiedlichen Uferabschnitten. Tagestouren können beispielsweise von Listwjanka aus unternommen werden, einem Ferienort am Baikalsee, der nur 70 Kilometer von der Großstadt Irkutsk entfernt und über eine gut ausgebaute Straße bequem zu erreichen ist. Wer den gewohnten Alltag gleich mal für eine ganze Woche hinter sich lassen möchte, der kann von hier aus auch 150 Kilometer bis zu der Ortschaft Buguldejka laufen.

Ein Schweizer zog letztlich nach Irkutsk

Freiwillige, die sich beim Weiterbau und der Erhaltung des Trails engagieren wollen, sollten zwischen 18 und 65 Jahren alt sein, sagt Roman Michajlow, Koordinator des Projekts. Vorkenntnisse seien nicht nötig. Viele Freiwillige kämen immer wieder. „Ein Ehepaar aus Moskau war sieben Jahre hintereinander bei unseren Projekten dabei, ein Schweizer vier Jahre. Schließlich zog er nach Irkutsk und unterrichtet dort jetzt Deutsch.“

Viel näher am Wasser kann man nicht wohnen: Freiwillige haben ihre Zelte am Baikalsee aufgeschlagen. (Foto: VK/Bolschaja Baikalskaja Tropa)

Die Arbeit in den meist 10- bis 14-tägigen Camps konzentriert sich auf den kurzen sibirischen Sommer. Im Winter gibt es ein spezielles Programm. Die Unterkunft ist dann allerdings ein Wohnheim, kein Zelt.

Das Interesse wachse mit jedem Jahr und sei 2020 weiter gestiegen, so Michajlow. Am Baikalsee fanden so 27 Projekte mit 386 Teilnehmern statt.

Nähere Informationen zu Freiwilligenprojekten in Russland finden Interessierte unter anderem auf den Webseiten Goodsurfing.ru, Dobro.ru und Vulcanikamchatki.ru.  

Maria Bolschakowa

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