Hallo Dresden, hallo Hamburg: Städtepartner-Festival für St. Petersburg

Vom 3. bis 6. September hätte in St. Petersburg das erste Städtepartner-Festival stattfinden sollen. Daraus wurde wegen Corona nichts. Aber entmutigen lassen sich die Organisatoren davon nicht, sie nehmen einfach einen etwas längeren Anlauf. Im nächsten Jahr soll es dann mit der Premiere klappen und St. Petersburg ein großes Spektakel erleben.

Der Palastplatz mit dem Winterpalast und der Alexandersäule ist als zentrale Bühne für das Festival vorgesehen. (Foto: Tino Künzel)

Städtepartnerschaften sind eine feine Sache. Sie vermitteln das gute Gefühl, dass nicht nur Staaten bilaterale Beziehungen unterhalten können, sondern Völkerverständigung auch auf direktem Wege funktioniert, von Bürger zu Bürger, Mensch zu Mensch. In der Praxis bleibt das Miteinander allerdings meist auf symbolische Aktionen beschränkt. Wenn die Einwohner überhaupt von einer entsprechenden Städtepartnerschaft wissen, dann haben sie in der Regel noch nie etwas davon gehabt.

Hier setzt die Idee an, mit der Igor Schtscherbakow seit einiger Zeit an alle möglichen Türen klopft und schon gehörigen Enthu­siasmus verbreitet hat. Der frühere Automanager will in seiner Heimatstadt St.  Petersburg ein Städtepartner-Festival auf die Beine stellen.

Partnerstädte wie etwa Dresden oder Hamburg aus Deutschland werden sich, so der Plan, vier Tage lang im Herzen der Stadt auf dem Palastplatz und bei zahlreichen Aktivitäten präsentieren können – zum Anfassen, wie es so schön heißt.

Volksfest und lokale Küche aus aller Welt

Jede Stadt soll sich in einem eigenen Zelt mit ihren verschiedenen Facetten wie Tourismus, Wirtschaft oder Bildung vorstellen und Besucher unbedingt auch mit lokaler Küche verköstigen. Hände­schütteln hinter verschlossenen Türen hat wahrscheinlich auch sein Gutes, doch in erster Linie wünscht sich Schtscherbakow kein Schlips-und-Kragen-Flair, sondern ein Volksfest, so lebendig und farbenfroh „wie der brasilianische Karneval“, sagte er der MDZ.

Als Highlight ist eine große Städtepartner-Parade auf dem berühmten Newskij Prospekt für die Delegationen aus aller Welt angedacht. Das Festival-Programm soll um die 40 Aktivitäten umfassen, von Theater über Wassersport bis hin zu Geschäftstreffen. Bisher sei er nur auf offene Ohren gestoßen, sagt Schtscherbakow, sei es bei der Stadtregierung, die das Vorhaben unterstützt, bei potenziellen Sponsoren oder auch bei Städtepartnern wie Dresden, wo er im Rathaus und bei der IHK für das Konzept warb. Die bereits fest für Anfang September terminierte Premiere musste allerdings schon vor Monaten aus naheliegenden Gründen auf das kommende Jahr verschoben werden. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Vorbereitungen weiter auf Hochtouren laufen.

Festival-Mastermind Igor Schtscherbakow auf der Tribüne des Stadions von Zenit St. Petersburg (Foto: Tino Künzel)

St. Petersburg Harley Days als Empfehlung

194 Partnerstädte und -regionen hat St. Petersburg. Mit einer Bevölkerungszahl von 630 Millionen. Für den Anfang will Schtscherbakow mindestens 20 bis 30 Städte bei seinem Festival versammeln. Dass er solche Groß­ereignisse stemmen kann, hat der 56-Jährige schon bewiesen. 2011 hob er die St. Petersburg Harley Days aus der Taufe und machte das Event zu einer Hausnummer im gewiss nicht kleinen Veranstaltungskalender der Millionenstadt an der Newa – übrigens ohne einen Rubel an Staatsgeldern. 2018 nahmen Motorradfahrer aus 35 Ländern an den Harley Days teil, bevor Schtscherbakow von einem Partner ausgebootet wurde, was ihn bis heute schmerzt.

Es war nicht das erste Mal, dass er sich von Mitstreitern verraten fühlte. 2013 hatte ihn sein engstes Umfeld aus dem Unternehmen Laura gedrängt, das er aufgebaut hatte und das seinerzeit St. Petersburgs größter Auto­händler war, mit 14 Autohäusern in ganz Russland, von Murmansk bis Sotschi. „Damals war ich ein Oli­garch“, schmunzelt Schtscherbakow, der als erster Vertragshändler im Lande Opel-Wagen verkaufte.

„Freunde fürs Leben gefunden“

Inzwischen hat er sich längst mit Begeisterung in sein aktuelles Projekt gestürzt, bei dem das Organisationstalent nur Gewinner sieht. Für St. Petersburg verheißt das Städtepartner-Festival neues touristisches Potenzial und „vielleicht eine Erhöhung der Besucherzahl von bis zu einem Prozent“, für die Partnerstädte sei es allemal viel attraktiver, in diesem Rahmen nicht nur den Petersburgern, sondern gleichzeitig Kollegen aus anderen Ländern ihre Aufwartung zu machen.

Ganz ohne Zweifel profitiert auch Russland. „Unser Land hat einen schlechten Ruf im Ausland“, weiß Schtscherbakow. Er hat das selbst erlebt, als er deutsche Biker zu den Harley Days einladen wollte. „Putin, die Straßen und die Sicherheit“ seien die zentralen Vorbehalte gewesen.

Doch als seine Überredungskunst fruchtete, die Deutschen trotz aller Skepsis nach St. Petersburg kamen und sich selbst ein Bild von Land und Leuten machten, da war das Eis schnell gebrochen. „Die haben hier Freunde fürs Leben gefunden und bringen heute ihre eigenen Freunde nach Russland mit“, so Schtscherbakow.

Solche „Volksdiplomatie“ sei sein Ding, sagt er. Sie soll auch das Städtepartner-Festival auszeichnen, das beim St. Petersburg Stadtfest im Mai 2019 öffentlich gemacht wurde. Das Budget dafür ist mit 100 Millionen Rubel kalkuliert (1,1 Millionen Euro). Nun muss sich nur noch die Lage an der Coronavirus-Front beruhigen.

Tino Künzel

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