Sowjetisches Teegeschirr: Der schlichte Charme der 1960er

Im Moskauer Café Ex:Libris erwartet den Besucher ein kleines Porzellanmuseum. Sammler Wowka Koschekin hat der MDZ erzählt, warum es ihm das Teegeschirr aus den 1960er Jahren besonders angetan hat.

Sowjetisches Teegeschirr
Wowka kann zu jedem Exponat eine Geschichte erzählen.

Ganz in die Welt der 1960er Jahre abtauchen können Gäste im Café Ex:Libris im Zentrum Moskaus. Der gemütliche Treffpunkt beherbergt seit einiger Zeit ein privates Porzellanmuseum. In eleganten Vitrinen aus deutscher Produktion, Typ „Leipzig“, türmen sich Teeservice der Tauwetterperiode unter Generalsekretär Nikita Chruschtschow. Das ist der Sammelschwerpunkt von Wowka Koschekin, der sozusagen Gründer, Kurator und Direktor des Museums in Personalunion ist.

„Das ist die interessanteste Periode der russischen und sowjetischen Porzellanherstellung“, schwärmt Wowka, der hauptberuflich Musiker ist. Das vorrevolutionäre Porzellan sowie die oft mit Propagandamotiven versehenen Teeservice der frühen Sowjetzeit seien überdies schon in vielen Museen zu sehen. Und mit dem opulenten Stil der Stalinzeit kann er, wie er offen zugibt, überhaupt nichts anfangen.

„Teegeschirr für Raumschiffe“

Kommt er dagegen auf das Teegeschirr um 1960 zu sprechen, gerät er ins Schwärmen. „Es gab damals eine Ansage von ganz oben. Chruscht­schow verbot diesen prunkvollen Stil der Stalinzeit und die Porzellanmanufakturen mussten plötzlich kreativ werden und ihre Produktion auf einen zeitgenössischen Stil umstellen.“ Damals gab es etwa 150 Porzellanmanufakturen in der Sowjetunion. Sie arbeiteten meist noch mit der Technik des 19. Jahrhunderts, alles war handgefertigt und handbemalt. „Manche hatten richtig verrückte Ideen, das war zum Teil Teegeschirr für Raumschiffe“, scherzt Wowka.

Der Porzellankenner zieht Parallelen zur Architektur der Ära Chruschtschow: „Schau dir die Metrostationen dieser Zeit an, Jugo-Sapadnaja oder Perwomajskaja. Die sind auch sehr schlicht und funktional.“ Alle Verzierungen, Prunk und Protz waren unerwünscht, ja es gab sogar die Anordnung, keine goldene Farbe mehr auf dem Geschirr zu verwenden. „Dann wurde eben Orange immer populärer“, sagt er.

Porzellan der 1960er ist günstig zu haben

Dass Wowka eine solche Sammlung aufgebaut hat, das liegt vor allem an der Coronazeit. „Es gab nichts zu tun, keine Konzerte. Das Café hier, das einem Freund von mir gehört, war auch zu.“ So trieb er sich auf Online-Portalen für Gebrauchtwaren herum und entdeckte, dass eine Menge dieser Schmuckstücke zu guten Preisen angeboten wurde. „Oft werfen die Leute solche Sachen einfach weg oder benutzen sie auf der Datscha. Doch während des Lockdowns versuchten viele, alles Mögliche zu Geld zu machen.“ So hat er oft komplette Teeservice für nur 1000 Rubel (etwa 11,50 Euro) bekommen. „Porzellan aus den 1960ern gilt nicht als antik, es gibt noch viel davon, da kam schnell eine Sammlung zusammen“, erzählt Wowka.

Sowjetisches Teegeschirr
Das Flair der 1960er dominiert im Porzellanmuseum im Ex:Libris.

Lässt man den Blick über die mit Vitrinen geschmückte Wand schweifen, so entdeckt man vieles, was den Charme der 1960er Jahre trägt, wie man ihn auch aus Westeuropa kennt. Einige Designs lassen geradezu Flower-Power-Assoziationen aufkommen und es findet sich auch manche Kuriosität. „Es gab eine Zeit, da war die Sowjetunion auf Freundschaftskurs mit Indien. Und plötzlich brachten mehrere sowjetische Manufakturen Teeservice mit indischem Dekor auf den Markt“, sagt Wowka und zeigt ein solches Exemplar. Er kann zu jedem seiner Exponate eine Geschichte erzählen.

Ein Museum zum Anfassen

Dieses hier wurde 1967 auf der Weltausstellung in Montreal gezeigt und hat dort einen Preis gewonnen. Es stammt aus einer Manufaktur im Fernen Osten und wurde auch nur dort verkauft“, erzählt er. Gekauft hat er es von jemandem in Birobidschan in der Autonomen Jüdischen Oblast. Damit ist es das Exponat, das den weitesten Weg hinter sich hat.

Die Sammlung ist mittlerweile so groß, dass das Ex:Libris nicht nur ein Museum zum Betrachten ist, man kann hier auch aus original sowjetischem Geschirr Tee trinken. „Es ist natürlich etwas aufwändig, weil man die handbemalten Stücke nicht in die Spülmaschine stecken darf“, sagt Wowka, aber es mache den Charme des Cafés aus.

Die Reste der Porzellanindustrie

Und was ist von der sowjetischen Porzellanindustrie geblieben? „Ware aus China hat hierzulande die Industrie weitgehend zerstört“, sagt Wowka. Es gibt noch die Kaiserliche Porzellanmanufaktur St. Petersburg. „Das war die erste ihrer Art in Russland, gegründet 1744 von Dmitri Winogradow. In Sowjetzeiten trug sie den Namen Leningrader Lomonossow-Porzellanmanufaktur. Heute wird sie massiv vom Staat unterstützt und bedient den Luxussektor“, so Wowka. „Unbezahlbar.“

Daneben haben noch zwei Manufakturen in der Region Moskau überlebt und in Baschkortostan gibt es eine Fabrik, die Massenware herstellt, unter anderem für IKEA. Eine weitgehend untergegangene Kultur also. Im Ex:Libris hat man die Gelegenheit, diese hautnah und in gemütlicher Atmosphäre zu erleben. Und wenn Wowka gerade da ist, bekommt man eine fachkundige Führung obendrauf.

Jiří Hönes

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