Serpuchow: Die schöne Unbekannte

Wer einen Tagesausflug von Moskau aus machen möchte, hat im Umland viel Auswahl. Serpuchow dürften dabei die wenigsten auf dem Zettel haben. Zu Unrecht. Denn die Stadt hat einiges zu bieten und putzt sich gerade für ihren großen Traum heraus: die Aufnahme in den Goldenen Ring.

Serpuchow
Altrussicher Glanz am Domhügel (Foto: Daniel Säwert)

Moskau ist ohne Zweifel eine aufregende und schöne Stadt. Aber auch im Umland gibt es viele Orte, die einen Ausflug wert sind. Wladimir, Kolomna und Sergijew Possad kommen den meisten wohl bei der Planung eines Tagestrips in den Sinn. Serpuchow, 100 Kilometer südlich vom Moskauer Zentrum, hat dagegen kaum jemand auf dem Zettel. Schließlich ist die Stadt, wenn überhaupt, für ihre Industrieerzeugnisse wie etwa den Kleinstwagen Oka bekannt.

Dabei hat die 126 000-Einwohner-Stadt einiges zu bieten. 1339 am Zusammenfluss von Nara und Oka gegründet, war Serpuchow über Jahrhunderte hinweg der südliche Handels- und Militärvorposten von Moskau. Doch lange Zeit konnte die Stadt aus ihrer Geschichte kaum Kapital schlagen. Bis 2018. Damals wurde Serpuchow offizieller Beitrittskandidat des Goldenen Rings.

Als Teil der wohl bekanntesten russischen Touristenroute erhoffte man sich wachsende Besucherzahlen. Von bis zu einer halben Million Gäste pro Jahr träumten die Verantwortlichen damals. Seit der Kandidatenkür sind zwei Jahre vergangen und passiert ist nichts. Zumindest was die Aufnahme in den Goldenen Ring betrifft. Doch auch ohne den ersehnten Titel tut sich vieles in Serpuchow.

Kirchen und ein berühmtes Denkmal

108 Sehenswürdigkeiten könne man sich in Serpuchow anschauen, schreibt die „Rossijskaja Gaseta“, die Hälfte davon Kirchen und Klöster. So ist es kaum verwunderlich, dass der bekannteste Ort der Stadt der Domhügel (Sobornaja gora) ist. Bis 1934 befand sich an dieser Stelle noch der Kreml. Damals entschied der Moskauer Parteiführer Lasar Kaganowitsch, die Mauern abzureißen, um damit die Metro in der Hauptstadt zu bauen. Allerdings stellten sich die Steine als nicht gut genug heraus.

Auch ohne die alten Mauern bietet sich vom Hügel heute ein schöner Blick über die Stadt sowie mehrere Kirchen. Und ein besonderes Denkmal. Denn die örtliche Gedenkstätte für die gefallenen Rotarmisten bewacht eine Kopie des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park in Berlin. Während des Zweiten Weltkriegs verbrachte der Bildhauer Jewgenij Wutschetitsch einige Zeit in einem Lazarett in Serpuchow. Als Erinnerung erhielt die Stadt 1964 die Nachbildung der berühmten Skulptur.

Etwas weiter die Nara flussabwärts liegt das Wyssozki-Kloster. Gegründet im 14. Jahrhundert, ist das Männerkloster heute ein Pilgerort. Allerdings kommen die Gläubigen weniger, um die Architektur aus dem 16. bis 19. Jahrhundert zu bestaunen, sondern um zur Ikone „vom unerschöpflichen Kelch“ zu beten. Denn sie soll gegen Alkoholismus helfen.

Die Stadt putzt sich heraus

Serpuchow ist aber nicht nur ein religiöses, sondern auch ein wirtschaftliches Zentrum. Ehemalige Fabriken, heute oft zu Wohnungen umgebaut, zeugen von einer industriellen Blütezeit. Dass die Stadt einst reich gewesen sein muss, lässt sich an so manch einem architektonischen Kleinod ablesen. Es lohnt sich, einfach durch die Straßen zu schlendern und die Augen offen zu halten. Das gilt insbesondere für den Lenin-Platz, an dem sich typisch russische Architektur, sowjetische Moderne und die Gegenwart vereinen.

Aktuell ist der Platz, sicher der schönste in Serpuchow, Baustelle. Denn auch wenn es mit der Aufnahme in den Goldenen Ring bisher nicht geklappt hat, investiert das Rathaus in die Stadt. So wird der Lenin-Platz, ein wenig nach Moskauer Vorbild, saniert. Sollten die Arbeiten so schnell wie in der Hauptstadt vorangehen, kann man den Platz schon bald wieder ohne Bauzäune bewundern.

Serpuchow
Die Serpuchower haben den Prinarskij-Park schnell in ihr Herz geschlossen. (Foto: Daniel Säwert)

Und anschließend im Prinarskij-Park am Ufer der Nara ein wenig entspannen. Dieser ist zwar noch nicht ganz fertiggestellt, bei den Einheimischen aber schon sehr beliebt. Oder man besucht die Freiluftgalerie auf der Sowetskaja uliza. Denn dort hat das Kunstmuseum Repliken von Gemälden anbringen lassen. Wer mehr Kunst sehen will, sollte unbedingt das Museum besuchen. Schließlich gilt es als Geheimtipp und wird mitunter als kleine Tretjakow-Galerie bezeichnet. Finden sich doch hier Bilder von Malern wie Iwan Schischkin oder Iwan Aiwasowskij, die man eher in größeren Museen erwarten würde.

Die Natur ist nicht weit

Hat man doch genug Stadt erlebt, ist die Natur in Serpuchow nicht weit. Genauer gesagt, das Naturreservat Prioksko-Terrasnyj. Das Reservat ist einer der wenigen Orte, an denen man Wisente beobachten kann. Alternativ kann man im, zugegebenermaßen etwas versteckten, Hafen ein Boot besteigen und die Natur an der Oka genießen. Touren gibt es zum wunderschönen ehemaligen Anwesen des Künstlers Wasilij Polenow und zum Künstlerstädtchen Tarussa. Oder man fährt einfach nur eine Runde auf dem Fluss und kehrt nach Serpuchow zurück. Ist ja auch sehenswert.

Daniel Säwert

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