Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Russland ist ja riesig und Moskau ist der mit Abstand größte Schmelztiegel unseres Kontinents, ein Magnet für Menschen aller Couleur, mit ungewöhnlichen Talenten, mit erstaunlicher Schaffenskraft. Manche bringen es nach oben, manche bleiben unten. Die meisten mittendrin. Unser Autor Frank Ebbecke stellt sie hier vor. Heute: Galina Woronenkowa

 

Die Woronenkows wohnen in Zentrumslage der russischen Hauptstadt. Die Metro-Station Majakowskaja an der Vorzeigestraße, der Twerska- ja, der gleichnamige Platz und der berühmte Tschaikowskij-Konzertsaal sind in kommoder Fußentfernung.

Auch der Wohnblock selbst kann sich sehen lassen, eine Privilegierten-Adresse im ausladenden Sowjetstil. Dagegen herrscht in dem überschau- baren Appartement eine Art kreatives Chaos und drangvolle Enge. „Remont“, die notwendigen Renovierungsarbeiten sind in vollem Gange. Kisten und Kästen wechseln sich mit Bücherstapeln ab. An den Wänden viele bunte Bilder wie selbstgemalt, eine Ansammlung von Plüschtieren.

Doch Sitzplatz ist noch genug in der Essecke. Aber auch auf dem Tisch ist dann kaum mehr ein Plätz- chen für die Notizzettel. In überbordender, typisch russischer  Gastlichkeit ist er vollgestellt mit Leckereien, Karaffen mit Kompott und Säften, Kannen mit Tee und Kaffee. Und ein Aschenbecher, der nie leer wird. Galina Woronenkowa, die energiegeladene Hausherrin, raucht, nun ja, ein international übliches Berufslaster unter Journalisten. Und Journalistin, genau, das ist sie. Und zwar mit Leib und Seele, Herz und Verstand.

Schweigen

Galina Woronenkowa beim Gespräch in ihrem Wohnzimmer /Foto: privat

Die quirlige Mittsechzigerin hat im Gespräch schnell das Ruder übernommen. Nachfragen sind kaum vonnöten. Sie will so viel sagen. Und sie hat so viel zu sagen. Das ist schließlich ja auch ihr angestammtes Metier. Mit einer tiefrauchigen Stimme spult sie im Schnelldurchgang den spannenden Lauf ihres reichen Lebens ab. Es sei vorausgeschickt, dass der entscheidend von schnell auszumachenden Grundzügen geprägt ist. Die müssen geradezu zwangsläufig zu ihrer Leidenschaft zum Journalismus, zur Publizistik geführt haben: ihre unersättliche Neugier und Lernbegierde, ein vertrauenerweckender Zugang zu Menschen, ihr Talent, komplexe und komplizierte Sachverhalte allgemein verständlich und überzeugend zu vermitteln.

„Schreiben kann man nicht lernen“, behauptet sie, sie kann es einfach. Ziemlich von Anfang an: ob für die Schulzeitung oder als Praktikantin bei der „Komsomolskaja Prawda“. Hinzu kommt noch ihre tiefe Zuneigung zu allem Deutschen. Gut, dass zu ihren Schulzeiten Deutsch die einzige Fremdsprache war.

Die gebürtige Moskauerin erweist sich als ein Freigeist aus innerster Berufung mit einer grundlegenden Mission: Journalisten sollen alles sagen dürfen, damit die, die es betrifft, nicht alles machen dürfen. Die Berufsbezeichnung ist selbst heute in Deutschland rechtlich nicht geschützt. Genauso wenig wie der Journalist als solcher häufig selber.

Je nach politischem Machtgefüge und -gehabe, je nach der jeweiligen Gesellschaftsform, besitzen Journalisten ein zwar anspruchsvolles wie notwendiges Kontroll- und Einflussinstrumentarium von großem gesellschaftlichen Interesse, das aber zu Zeiten auch existenz-, gar lebensgefährdend werden kann.

Das hat sie nie davon abgehalten, konsequent ihren Weg zu gehen „als Freischwimmer im Haifischbecken“, lacht sie so fröhlich wie selbstbewusst. Verbote hätten sie nie groß abgeschreckt. Dem individuellen Schreibstil sei von oben relativ freier Lauf gelassen worden, allerdings nur solange, wie die Inhalte linientreu waren. Das habe sich leider hierzulande als „gelernte Charaktereigenschaft“ fortgesetzt, diese Führungsfügung als Altlast aus vergangener Zeit, die sich allerdings heutzutage in der durch das Internet veränderten, weitgehend unkontrollierten Medienlandschaft langsam auflöse.

Chronologischer Rückblick: Ihrem Journalismus-Studium an der anerkannten Lomonossow-Universität in ihrer Heimatstadt folgen ab 1974 zwei Studienjahre in Leipzig und 1980 die Promotion. 1982 kommt dann für sie schon eine entscheidende Wende. Sie ist Dozentin an der einschlägigen Fakultät ihrer Alma Mater in Moskau (seit 1995 ist sie dort Professorin), als ihr Mann, natürlich auch Journalist, auf den Korrespondenten-Posten der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS nach Ost-Berlin entsandt wurde.

„Das war für Sowjetbürger wie eine Reise zum Mond“, schwelgt sie in guter Erinnerung. Sie selbst schrieb aus der Hauptstadt der verflossenen DDR für die Zeitschrift „Die Sowjetfrau“. Drei Jahre danach wird sie vor Ort die Pressesprecherin vom „Haus der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur“, über die Jahre habe sie „riesige Unterschiede zwischen den Systemen in der BRD und der DDR“ eben auch in ihrem beruflichen Fachbereich, aus nächster Entfernung mit wachem Interesse ausgemacht, aber ans „Überlaufen“ nie gedacht.

Im November 1989 fällt dann die Mauer, mitten in ihrem damaligen Wohnort Berlin. Die zweite entscheidende Wende für sie und gleichzeitig die Wende für Gesamtdeutschland. Sofort sucht sie den Kontakt zu Journalismus-Fakultäten in der Bundesrepublik und stößt auf lebhaftes Interesse für einen wissenschaftlichen Gedankenaustausch, zunächst an der Freien Universität Berlin, dann in Dortmund, Bonn, Mainz und Münster.

Von Ausbildungssystem und Fachwissen ist sie beeindruckt und begeistert. 40 Umzugskisten, vollgepackt mit Fachliteratur und Pressemedien, begleiten ein Jahr (1993) später ihre Rückkehr heim in die russische Kapitale. Die Idee zur Etablierung einer akademischen Einrichtung für eine neue russische Generation von „freieren Journalisten, als wir es sein konnten“ ist geboren, „die Zeit für mehr Demokratie auch für die russischen Medien“ gekommen.

Am 18. Oktober 1994 wird das FRDIP – Freies Russisch-Deutsches Institut für Publizistik – im Verbund mit der Journalistischen Fakultät der Lomonossow-Universität und mit Unterstützung jeglicher Art seitens deutscher Kollegen und beidseitiger Institutionen an der Mochowaja- Straße, gegenüber des Kreml, feierlich eingeweiht.

Die grundlegenden Bereiche des Lernprogramms umfassen Medienrecht, Medienmanagement, Deutschlandkunde und die deutsche Sprache. Zum zehnjährigen Bestehen wird der Direktorin, Prof. Dr. Phil. habil. Galina Woronenkowa, das Bun- desverdienstkreuz 1. Klasse verliehen, von der Russisch-Orthodoxen Kirche ein weiterer hoher Orden und zahlreiche weitere wissenschaftliche und politische Anerkennungen von ihrem Mutterland und in Deutschland.

Die so offene, aufschlussreiche Gesprächsrunde endet aber in eher bedauernder Tonlage, gleichwohl die Medienwissenschaftlerin, die Autorin von über 200 Monographien, Lehrbüchern und Abhandlungen, nach wie vor eine so gefragte wie angesehene Kapazität ist, wann immer es international um Russland und/oder Medien geht.

Das Interesse an einer kontinuierlichen, bilateralen Zusammenarbeit habe nachgelassen, klagt sie, die Erwartungen hätten sich nicht erfüllt. Die einstige Euphorie auf beiden Seiten habe sich spürbar verflüchtigt. Es fehle heute an allen Ecken und Enden an interessierten Studenten, kollegialer Unterstützung, den nötigen Geldmitteln, vor allem an Identifikation und Einsatz. Im nächs- ten Jahr hat ihr FRDIP Silberjubiläum.

Kaum einer der Nachwuchsjournalisten, die sich heute in Russland mit Deutschland auseinandersetzen, ist nicht durch ihre Schule gegangen. Das Ziel der Gründungsdirektorin des FRDIP war und bleibt, dazu beizutragen, „die Unseren zu Freunden Deutschlands und die Deutschen zu Freunden Russlands zu machen“, weg von Propaganda. Eine unbedingt wünschenswerte wie gerade in diesen Zeiten wieder in weitere Ferne gerückte Vorstellung. Galina Woronenkowa kann eine gewisse Enttäuschung zwar nicht verhehlen, aber aufgeben, nein, das passt weder zu ihrem persönlichen Naturell noch zum freiheitlichen Grundbekenntnis vom FRDIP. Schlussendlich ist es ihr Lebenswerk.

 

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