Russland war sein Gipfel

Er kämpfte sich durch Krisen, trieb die Lokalisierung voran und glaubte an den russischen Markt: Eine Dekade lang lenkte Marcus Osegowitsch das Russlandgeschäft von Volkswagen. Nun beendet er seine Zeit in Moskau.

Erfolgreich auf dem russischen Automarkt: Marcus Osegowitsch (Foto: privat)

Bevor er so richtig ins Erzählen kommt, springt er schon wieder auf. Nein, gehen will er nicht gleich. Er bringt nur schnell die Kamera seines Smartphones in Anschlag und schießt fasziniert eine Serie von Fotos. Das Motiv, das ihn fesselt – die Spiegelung der berühmten Kreml-Ansicht vor der winterlichen Morgensonne in einer Hinterglasmalerei gegenüber dem Frühstückstisch im mondänen Moskauer Lokal „Dr. Schiwago“. Noch eine Erinnerung.

Ein Jahrzehnt an der Spitze der Volkswagengruppe

Denn Marcus Osegowitsch, hochgewachsen und durchtrainiert, energiegeladen und spontan, bodenständig und lebenslustig, verlässt dieser Tage Russland. Nach vollen zehn Jahren Verantwortung für die Geschicke der VW Group RUS – VGR, und dann auch in der GUS. Ein außergewöhnlich langjähriger Einsatz für Manager in seiner Position, als oberster Lenker für nicht weniger als sieben Konzernmarken: VW, Audi, Skoda, Bentley, Lamborghini, Ducati-Motorräder und VW-Nutzfahrzeuge.

Wer sich eine vertrauenerweckende Leadership-Rolle ans Revers heften will, sollte ja neben seiner vielschichtigen professionellen Qualifikation nicht nur eine offen-empathische, human-umsorgende Grundeinstellung, sondern am besten auch einen gesunden Sinn für Humor um sich herum versprühen. Und, weiß Gott, den legt er auch ganz offensichtlich an den Tag.

Auf den Charts seiner Schlusspräsentation während seiner Abschiedstournee in den letzten Wochen des Jahres 2020 für den weiten Kreis seiner geschäftlichen Partner und Freunde, seiner engsten Mitarbeiter von den Sekretärinnen bis zu den Vorreitern der verschiedenen Marken- und Geschäftsbereiche der VGR gestand er auch seine persönliche Körpergewichtsentwicklung über die Jahre: zum Start 2010 95 kg, mittendrin 106 kg – wohl zum Teil der „Kummerspeck“, heute am Ende fitte 93 kg.

Manager mit einem Lauf für Erfolge

Dazu haben vermutlich zwischendurch auch die so gut wie allabendlichen Diner-Verpflichtungen und seine sonstigen zahlreichen Restaurantbesuche als in den letzten fünf Jahren „Lokal-Single“ beigetragen – vorzugsweise die lecker-variantenreiche georgische Küche oder die im „Ruski“ auf 354 Metern Höhe. Von der gastlichen Stätte im Vorzeigeviertel „Moscow City“, die höchste in ganz Europa, lässt sich mit entsprechendem Weitblick beinahe die VW-Zentrale in Wolfsburg ausmachen.

Marcus Osegowitsch ist, wie Fakten und Zahlen aus seiner VGR-Verantwortungsdekade beachtenswert beweisen, ein offenbar gewieft-erfahrener Manager mit einem Lauf für Erfolge. Aber genauso ein respektierter, gar allseits beliebter Lenker, ein Anführer, der sich hierzulande nicht nur bereitwillige Follower herangezogen hat, sondern vielmehr andere Leader – und dazu Freunde gewinnen konnte.

Wobei für Letzteres hier der gegenseitige Vertrauensgewinn ohnehin seine Zeit brauche, aber wenn, dann für immer sei. Dabei kam ihm, so vermutet er, sein genetisches Familienerbe, getreu dem Namen Osegowitsch, durchaus zugute – im Sinne eines besseren Verständnisses slawischer Mentalitätseigenheiten. Denn seine Wurzeln liegen im Kroatischen, bis seine Vorfahren nach Österreich umzogen und seine Eltern schließlich nach München. Damit erklärt er auch weitere seiner hilfreichen Wesenszüge: „Deutsche Korrektheit gepaart mit österreichischem Charme“, eine günstige Kombination, die ihm durchaus auch im Umgang mit Russen dienlich gewesen sei.

Aus Bayern in die Welt

In der bayerischen Hauptstadt wurde er 1967 geboren, wuchs dort auf, machte sein Abitur und schloss danach die Technische Universität München als diplomierter Elektro­ingenieur ab. Erste Praxiserfahrungen erwarb er sich bei Agfa vor Ort. Wenig später setzte er aber noch ein zweites Studium drauf und machte seinen MBA an der London Business School.

Zweiseitig gut gerüstet entschied er sich für einen Anfang im strategischen Beratungsgeschäft. Als da nach einiger Zeit schließlich ein Auftragsprojekt aus der Automobilbranche hereinkam, entwickelte sich das für ihn dahingehend, dass er die Fronten wechselte – zu Volkswagen.

Marcus Osegowitsch, der auch im Präsidialrat der Deutsch-Russischen Handelskammer AHK in Moskau war, hinterlässt in seinem östlichen Riesensprengel nach zehn Jahren ein wohl bestelltes Feld – mehr zu Wohl als zu Wehe eines traditionellen, automobilen Weltkonzerns, der zentral seit Jahren eher von so einigen ernsthaft-gefährdenden, hausgemachten Krisen heimgesucht wird. Da müssen die rund 3000 Kilometer geografischer Distanz bisweilen einige beruhigende Wirkung gezeitigt haben. Hier im sich entwickelnden, östlichen Großmarkt konnte er sein Ding machen.

Faszinierender Markt mit unerschöpflicher Dynamik

Einige Kostproben seiner Erfolgsbilanz in einer gesamtwirtschaftlich und -gesellschaftlich sowie im eigenen Industriebereich immer wieder krisengeschüttelten Umgebung: Als besonders spannend, herausfordernd und letztendlich positiv, zumindest für ihn und Volkswagen, habe er selbst während des massiven Crashs genau in der Mitte seiner Amtszeit 2015 und der nicht enden wollenden Sanktionsspirale die unerschöpfliche Dynamik des Marktumfelds empfunden – ob rauf oder runter.

Von einem automobilen Marktvolumen von 1,3 Millionen Fahrzeugen hoch auf mehr als das Doppelte und heute wieder auf das Anfangsniveau seiner Amtszeit. Analog die VW-Gruppenverkäufe wie eine Achterbahnfahrt: von rund 130 000 2010 auf 316 000  zwei Jahre später, 2015  abgesackt auf 157 000 im letzten Jahr wieder rauf auf rund 219 000. Reine Nervensache.

In seinen zehn Jahren am Schalthebel kann Marcus Osegowitsch auf viele andere Leistungsparameter stolz sein, die er entscheidend beeinflussen konnte, so zählt er gerne auf: „1,8 Millionen Autos in Russland gebaut, von 2 Milliarden Euro Jahresumsatz auf 6 Milliarden hochgeschraubt, 1,3 Milliarden Euro investiert, von anfänglich drei auf 65 lokale Lieferanten aufgestockt und so sind jetzt über 60 000 Mitarbeiter „indirekt“ bei uns beschäftigt.“ Applaus verdient. Da hat die Zeit zum proper Russischlernen leider nicht gereicht, bedauert er.

Tiefe Zuneigung und ein russischer Roadtrip

Es sei früher einfach nie der richtige Zeitpunkt gewesen, sich von Russland zu verabschieden, erinnert er. Wenn es da mal Überlegungen gab, sei hier schon wieder etwas beruflich dazwischengekommen. Seiner Familie, Ehefrau Claudia, sie hatten sich durch das sportliche Hobby Handball schon als Studenten kennengelernt, und den beiden Kindern, Katharina, 19, und Alexander, 17, – „nomen est omen“ wirft er lachend ein – war das schon nach fünf Jahren gelungen.

Obwohl alle zusammen sich hier ausnehmend wohlfühlten und sogar an den Kauf eines eigenen Heimes in Moskau gedacht hätten. Sie alle liebten Stadt, Land und Leute und haben sich gemeinsam ihre tiefe Zuneigung sogar auch auf einer Tausende Kilometer langen Autotour von Wladiwostok im Fernen Osten bis in die sibirische Metropole Nowosibirsk erfahren.

Trotz seiner slawischen Gene und langen Lebenszeit in Russland bildet er sich keinesfalls ein, dieses Land und seine Leute gänzlich durchschauen und verstehen zu können. Nun ja, wer schon – viele Einheimische doch selber nicht. Da nimmt er Anleihe bei den geflügelten Worten des Literaten Fjodor Tjutschew, der schon im vorletzten Jahrhundert so etwas gesagt hat wie „Versuche nicht, Russland zu verstehen, Du musst es fühlen“.

Der russische Mount Everest

Er sei mit dem, was und wie er es tut, immer glücklich gewesen und habe beruflich mehr erreicht, als er je gedacht hätte, gesteht er mit einiger Dankbarkeit. Die Jahre in Russland hätten ihn, den passionierten Bergsteiger und alpinen Skiläufer, bildhaft gesprochen auf den beruflichen Mount Everest geführt. Ab jetzt und hier ginge es wohl an den Abstieg von den beruflichen Höhen, aber noch lange nicht bis ins Tal.

Wohin könnte nun der Weg nach 124 Monaten im Russischen weiter führen, für einen erst 53-Jährigen so erfolgsverwöhnten Lenker? Da lehnt er sich ganz entspannt zurück, sein freundlich-offenes Lächeln wird breiter. Natürlich weiß er das schon. Natürlich bei Volkswagen. Natürlich in einen anderen Markt. In Südfrankreich winkt zum Beispiel ein eigenes Ferienhaus. Nein, aber Frankreich ist es nicht, schmunzelt er, aber die Richtung stimmt wohl.

Jetzt geht es zu Weihnachten erstmal nach Hause, in den Kreis der geliebten Familie, in die geliebte Heimat München. Und dort zu einem guten Vierteljahr tief Luftholen. Dann wird die in Russland er- und überlebte, auch ihm eigene Dynamik ihn wieder einholen: Frank Sinatras „I did it my way“ heißt sein Lieblingssong. Und das wird er auch weiter tun, wo immer – auf jeden Fall das nötige Fortune dazu, Marcus Osegowitsch.

Frank Ebbecke

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